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Container für Flüchtlinge sind alternativlos

Fuhrberg Container für Flüchtlinge sind alternativlos

Trotz Bedenken sagt Fuhrbergs Ortsrat „Ja, aber“ zur Unterbringung von 90 Flüchtlingen, die sich am Grasbruchweg eine Containersiedlung mit osteuropäischen Erntehelfern teilen sollen. Begeistert war im übervollen Gemeindehaus am Donnerstagabend niemand: Die einen äußerten Ängste, andere kritisierten, die Lage am Ortsrand sei für eine Integration zu isoliert.

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Im Gemeindehaus wird engagiert diskutiert. Polizeichef Günter Heller sagt: „Unsere ländliche Situation ist nicht vergleichbar mit Hannover.“

Quelle: Martin Lauber

Burgwedel. Dringliche Zuhörerfrage: „Ist die Sache entschieden?“ Auf ein klares „Ja“ des Bürgermeisters warteten die gut 200 Fuhrberger im Saal vergebens. Gleichwohl ließen Axel Düker und die gesamte Verwaltungsspitze keinen Zweifel daran, dass die Stadt keine andere Lösung in der Hinterhand hat, um den allein bis Ende März zugewiesenen Flüchtlinge ein Obdach zu verschaffen. Um Alternativen abzuwägen, so Düker, sei das Zeitfenster zu klein.

Dass die Stadt auf den Grasbruchweg setzt und dort die Container schon Ende März zur Verfügung stehen sollen, liege daran, dass sie sich an ältere Pläne des Spargelhofs Heuer anhängen könne. Im Dezember billigte der Rat in nicht-öffentlicher Sitzung die Unterschrift unter einem Zehn-Jahres-Mietvertrag. Diese Lösung erspare der Stadt den Kauf eigener Container samt europaweiter Ausschreibung, die viele Monate kosten und teurer werden würde als der Neubau von Unterkünften, so Kämmerer Christian Möhring.

Spargelbauer und Ratsherr Jörg Heuer will neben der früheren Schnapsbrennerei für einen Teil seiner Saisonkräfte Quartiere im Container schaffen. Um sich keine „Salamitaktik“ vorwerfen lassen zu müssen, habe er bei der Region die „Maximalbelegung“ beantragt: 90 Container für bis zu 270 Erntehelfer. Aktuell seien aber nicht mehr als 30 Container („nagelneue Topunterkünfte“) für 90 Saisonarbeiter in Planung sowie weitere 30 für bis zu 90 Asylbewerber. Die Erntehelfer-Container beim Winter-Leerstand mit Flüchtlingen zu belegen, sei rechtlich ausgeschlossen, versicherte Möhring.

Ein Wohlfahrtsverband soll die erste Containerunterkunft im Burgwedeler Stadtgebiet betreiben - mit DRK und Arbeiter-Samariter-Bund ist das Rathaus im Gespräch. Neben einem Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes werde permanent ein Sozialarbeiter vor Ort sein und von städtischen Sozialarbeitern unterstützt, so die Verwaltung. Am Sicherheitskonzept werde auch die Polizei mitwirken, sagte Polizeichef Günter Heller zu. Im Konfliktfall werde schnell interveniert, so der Kommissariatsleiter und Düker unisono.

Trotzdem sieht der Ortsrat „außerordentliches Konfliktpotenzial“ wegen des Nebeneinanders unterschiedlicher Kulturen, und: „Die einen dürfen arbeiten und Geld verdienen. Und wenige Meter entfernt sitzen die Flüchtlinge und dürfen das nicht. Das kann nicht funktionieren“, prophezeite Hermann Wöhler (CDU). Jedwede Integration aus der Containersiedlung heraus dürfte, so die schriftliche Stellungnahme des Fünfer-Gremiums, völlig unmöglich sein.

Im Regen lässt der Ortsrat die Stadt zwar nicht stehen, äußert aber Erwartungen: „Wenn nun aufgrund des Zeitdrucks (...) einige Container in Betrieb genommen werden müssen, sollte doch mit äußerstem Nachdruck daran gearbeitet werden, dass die hier zugewiesenen Flüchtlinge anderweitig untergebracht werden“ - zum Beispiel am ehemaligen Tanneneck.

Ende des Jahres 1000 Asylbewerber?

Unterbringung und Integration der Flüchtlinge bleiben 2016 das Top-Thema – auch in Burgwedel. Rund 1000 Asylbewerber werden nach Einschätzung der Verwaltung zum Jahresende im Stadtgebiet leben.

„Selbst wenn die Grenzen heute dicht gemacht würden, würde das für uns nichts ändern“, sagt Bürgermeister Axel Düker, denn: „Die Erstaufnahmelager quellen über.“ 54 Menschen hat die Stadt, die mit 60 Einquartierungen im Plus war, seit Ende Dezember aufgenommen. 81 sind bis Ende März avisiert. Dass diese Quote hält, sei unwahrscheinlich.

Wie ist der Status quo? Die Hälfte der Schutzsuchenden – aktuell 480 Menschen aus 13 Staaten – sind Einzelpersonen. Mit 45 Prozent stellen Syrer die größte Gruppe vor Menschen aus den Balkanstaaten, dem Sudan, Afghanistan und dem Irak. 1000 Asylbewerber Ende 2016, rund 5 Prozent der Bevölkerung – das hält die Verwaltungsspitze für realistisch.

Wird also Plan B bald fällig? „Wir kriegen noch immer Häuser angeboten. Egal in welchem Ortsteil, davon hängt alles letztlich ab“, sagt Kämmerer Christian Möhring. Plan B bedeutet: Wenn nichts mehr geht, werden der Vereinsraum im Freibad, die Mehrzweckhalle in Engensen, die Westerfeldhalle in Wettmar und die Seniorenbegegnungsstätte belegt.

Wie viel Personal braucht die Stadt zusätzlich für die Flüchtlinge? Zurzeit exklusiv drei Mitarbeiter im Ordnungs- und Sozialamt, (zurzeit noch) ein Hausmeister, ein Architekt für die Neubauprojekte sowie zwei Sozialarbeiter, aber: Die Flüchtlingsbetreuung sei eine „Teamaufgabe für alle“, sagt der Rathauschef. „Keiner lässt um 16 Uhr den Stift fallen, wenn neue Asylbewerber kommen.“

Welchen finanziellen Mehraufwand hat die Stadt? „Schwer zu beziffern, im Augenblick belastet uns das kaum“, erklärt Kämmerer Christian Möhring. Das Gros der Unterkunfts- und Personalkosten werde erstattet. Die Neubauten würden überwiegend von Investoren finanziert. Über die Kreisumlage werde die Kommune aber indirekt mit zur Kasse gebeten. Zudem gebe es Risiken aus den Zehn-Jahres-Mietverträgen mit den Bau-Investoren.

Wo liegen die größten Probleme bei der Integration? Dass „viele Männer noch unbetreut“ sind, liegt Sozialarbeiter Otto Krull schwer im Magen – wenigstens „hausweise“ Ansprechpartner zu finden sei wichtig. Einzelfallhilfe sei den Hauptamtlichen kaum mehr möglich. „Das decken jetzt vielfach die Ehrenamtlichen ab“, sagt Krull – und adressiert ein großes Dankeschön an örtliche Netzwerke, Sprachlehrer, Paten, Sportvereine etc. Eine Anlaufstelle, wie sie der IKM-Treffpunkt darstellt, sei „äußerst sinnvoll“. Die Stadt werde den Verein unterstützen, Ersatz zu finden, wenn der Inhaber das Haus im Herbst für eigene Zwecke umbaut.

Stadt lässt Privatinvestoren bauen

Einen zweiten Hausmeister muss die Stadt Burgwedel in Kürze für die Betreuung ihrer Flüchtlingsunterkünfte einstellen: Denn in mittlerweile 53 Objekten – 31 davon sind angemietet – hat die Kommune mit Stand von am Freitag insgesamt 426 Asylbewerber untergebracht. Verteilt sind diese Menschen nach folgendem Schlüssel über das ganze Stadtgebiet:

  • Großburgwedel: 167 Flüchtlinge in 20 Quartieren
  • Engensen: 26/5
  • Wettmar: 82/7
  • Kleinburgwedel: 22/4
  • Fuhrberg: 58/8
  • Thönse: 71/9

Weitere 54 Flüchtlinge leben bei Familienangehörigen. Die Stadt ist weiterhin auf der Suche nach Häusern, Wohnungen – und Grundstücken. Um über die 30 Container am Fuhrberger Grasbruchweg hinaus auf die Zuweisung weiterer schutzsuchender Menschen vorbereitet zu sein, hat sie aber gleichzeitig ein Bauprogramm aufgelegt. Die Projekte, die später als Sozialwohnungen dienen sollen, im Einzelnen:

Großburgwedel I: Im Gewerbegebiet Schulze-Delitzsch-Straße wohnen zwar viele Bewohner der früheren Musterhäuser nach Auffassung der Bauaufsicht illegal. Für Flüchtlinge aber gibt es neuerdings eine Sonderregelung. Auf einem Privatgrundstück im Winkel des Straßendreiecks mit der Bissendorfer Straße wird ein Investor zwölf Mietwohnungen für bis zu 72 Bewohner errichten. Geplante Fertigstellung: ab September 2016.

Großburgwedel II: Hinter den Höfen sind die früheren Obdachlosenhäuser schon abgerissen. Bis Anfang 2017 baut ein Investor neun Wohnungen für 54 Personen.

Wettmar: Auf eigenem Grund, dem früheren Spielplatz, an der Heierdrift baut die Stadt ebenfalls mit einem Investor. Bis zum Herbst soll ein Mehrfamilienhaus für 30 Menschen stehen.

Engensen: Schon Ende 2015 ist der Bauantrag gestellt worden für ein Doppelhaus auf stadteigenem Grundstück am Kiebitzweg – direkt neben der bestehenden Sammelunterkunft. Zwölf bis 16 Personen sollen dort einquartiert werden. n Kleinburgwedel: Ein marodes Klinkergebäude an der Wallstraße soll im März abgerissen werden und durch neuen Wohnraum für 42 bis 48 Personen ersetzt werden – Zieldatum ist Ende 2016.

Heuer: „Containersiedlung wird nicht menschenunwürdig“

Mochte der Bürgermeister Axel Düker noch so darauf bestehen, in Sachen Containersiedlung „nicht über Ihre Köpfe hinweg entschieden“ zu haben: Mit den „vollendeten Tatsachen“ waren die meisten im Gemeindehaus höchst unzufrieden, auch Flüchtlingshelfer und Heike Schötker, Mitglied im Ortsrat, dessen Sinn sie deshalb infrage gestellt sah. Ansonsten zerfiel das Auditorium bei der Aussprache in zwei Lager. „Die Frauen haben Angst, damit werden sie in Zukunft jeden Tag konfrontiert werden“, wandte sich eine Geschäftsfrau grundsätzlich dagegen. Mit einem Zuwachs von 90 zu den bisherigen 59 Flüchtlingen werde Fuhrberg überproportional belastet, wurde mehrfach kritisiert. Hans Wöbse und weitere Redner legten indes Wert auf die Feststellung, dass die Fuhrberger die Unterbringung der Flüchtlinge im Dorf nicht ablehnten – aber optimal müsse sie sein. Sorgen gibt es wegen der Lage so weit außerhalb. „Wir akzeptieren das nicht“, erklärte Burghard Lüers deshalb und forderte eine Unterschriftenaktion für einen besseren Standort. Und die Geruchsbelästigung! Moslems neben einem Schweinemaststall! Sie selbst sei neben einem Schweinestall aufgewachsen, erwiderte Gudrun Heuer, Ehefrau des Bauherrn. Sie wandte sich gegen Vorwürfe, die Containersiedlung werde „menschenunwürdig“. Sie sei bemüht, „etwas Schönes“ zu schaffen. Jörg Heuer verwies darauf, dass die Container mit Abwärme der Biogasanlage beheizt würden: „Das will die Gesellschaft doch!“ Nach 150 Minuten ging die Debatte vor der Tür weiter. Erst dort war von Leuten aus dem Helferkreis auch ein „Wir schaffen das!“ zu vernehmen.

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