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Vom Aschenputtel zum Kulturtempel

Großburgwedel Vom Aschenputtel zum Kulturtempel

Burgwedels alte Häuser können Geschichte(n) erzählen. In einer Serie stellt die Nordhannoversche Zeitung eine Auswahl der steinernen Zeitzeugen vor. Das einstige Knickmannhaus hat sich als "Amtshof" in ein Domizil für Kultur und Erwachsenenbildung gewandelt.

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Das ist nur eine der Schokoladenseiten des Amtshofs - im Vordergrund logiert die VHS, im Saalanbau links gibt es Kultur auf hohem Niveau und tagt der Rat.

Quelle: Jürgen Zimmer

Großburgwedel. Die Adresse Auf dem Amtshof 8 steht einerseits für die Volkshochschule, zum anderen für das städtische Veranstaltungszentrum, das zur allgemeinen Verwirrung den Namen "Amtshof“ trägt. Dieser ist ein architektonisches Ensemble aus zwei höchst unterschiedlichen Gebäuden aus zwei weit auseinanderliegenden Epochen.

Vom alten Markt aus schaut man in direkter Sichtachse auf die „Breitseite“ eines fein herausgeputzten Fachwerkbaus – in der Mitte die Eingangstür, rechts und links jeweils vier Fenster. Dieser „neunachsige traufständige Wandständerbau“, bis zum Umbau nach seinen letzten Besitzern „Knickmannhaus“ genannt, ist das 1668 erbaute, ehemalige Gutsverwalterhaus des Amtsgutes Burgwedel. Entstanden ist es im gleichen Jahr wie das Amtsvogtei-Gebäude, das als Ersatz für das abgebrannte Jagdschloss so erstellt wurde, wie wir es noch heute als Teil des Amtsgerichts Burgwedel kennen.

Das "Knickmannhaus"

Nachdem 1898 die Zehntscheune und 1901 auch die Amtsbrauerei abbrannten, hatte der letzte Verwalter Friedrich Ripper ausgedient. Das Verwalterhaus wurde verkauft und bürgerliche Nutzer zogen ein – unter anderem die Familie Kreynberg, die Großeltern der ersten Gemeindedirektorin Großburgwedels und sogar Niedersachsens, Ellen Hennings. 1928 erwarb Wilhelm Knickmann das Anwesen. Sein Name steht für viele Dachstühle in zahlreichen Gebäuden am Ort, denn Knickmann war Zimmermann. Seinen Holzplatz hatte er in der Gartenstraße. Fünf Kinder bevölkerten das Elternhaus.

Zwei von ihnen, Margarete und Willi, bewohnten es lange zusammen. 2004, nach dem Tod von Margarete Knickmann, kaufte die Stadt das Haus für einen Betrag irgendwo zwischen einer halben und einer Million Euro. Das Grundstück im Herzen der Stadt galt mittlerweile manchem als Schandfleck. Fest stand: Der denkmalgeschütze Wandständerbau sollte erhalten und für eine weitere Million restauriert werden.

Aber bevor der Celler Architekt Karsten Stumpf, spezialisiert auf historische Fachwerkbauten, planen durfte, musste die Nutzung feststehen. Eine multifunktionale sollte es sein, quasi eine eierlegende Wollmilchsau. Weil die Bücherei bei Kulturveranstaltungen stets aus allen Nähten platzte und jedesmal aufwendig aus- und eingeräumt werden musste, kam ein größerer Kulturtempel gerade recht. Auch war ein Umzug des Stadtarchivs angedacht.

2007 waren im Rathaus sieben Wettbewerbsentwürfe für den geplanten Anbau zu bestaunen. In die engere Wahl kamen jene, die das landwirtschaftliche Anwesen mit Haupthaus und angrenzenden Nebengebäuden reflektierten. Wieder ein Jahr später war klar, dass die Europäische Union das Vorhaben mit 1,1 Million Euro fördern würde. Inzwischen hatte der Rat beschlossen, dass das Haupthaus um einen Saalanbau in der Kubatur einer Scheune erweitert und für Veranstaltungen und Ratssitzungen dienen sollte. Ins sanierte Fachwerkhaus sollte die VHS einziehen.

Die Gesamtkosten stiegen auf rund drei Millionen Euro, einschließlich Konzertflügel. Den allerdings gibt es immer noch nicht, auch das Stadtarchiv fristet weiter ein armseliges Dasein unterm Dach des Nebenhauses der Seniorenbegegnungsstätte.

Aber bitte multifunktional

Als die VHS im Mai 2009 einzieht, glücklich ein solch schönes Domizil zu haben, stehen noch Bohrtürme am Haus. Aus 99 Meter tiefen Löchern soll die Erdwärme gefördert werden, um den gesamten Komplex mit Energie zum Nulltarif zu versorgen. Aber wie soll das Ensemble heißen? Die Mehrheit aus Christ- und Freien Demokraten votiert für "Amtshof“. Die Knickmanns seien gewiss eine ehrenwerte Familie gewesen, findet Karsten Hoppenstedt (CDU), aber das Kulturzentrum nach ihr zu benennen, sei dann doch „zu viel der Ehre“. Am 8. Dezember 2009 ist es soweit: Niedersachsens Wissenschaftsminister Lutz Stratmann ist Festredner bei der offiziellen Eröffnung. Er lobt den Mut Burgwedels, in schweren Zeiten ein Kulturzentrum zu bauen. „Neue Initiativen werden nicht mehr an fehlenden Räumen scheitern“, betont Bürgermeister Hendrik Hoppenstedt. Denn der Bau sei nicht nur städtebaulich, sondern auch kulturpolitisch zukunftsfähig.

Musikalisch eröffnet wird der Amtshof bereits am 1. Dezember 2009 von dem Frauenquartett Salut Salon. Die wenigen nicht für Ehrengäste reservierten Karten sind binnen vier Minuten ausverkauft.

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So sah die heutige VHS früher aus, als die Zimmermannsfamilie Knickmann es noch bewohnte. Vor der Sanierung war das Gebäude aber nicht mehr in diesem guten Zustand.

Quelle: Repro Jürgen Zimmer

Von Jürgen Zimmer

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