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Frisches Gemüse aus bester City-Lage

Burgwedel Frisches Gemüse aus bester City-Lage

Als Bauland wäre diese grüne Oase mitten in Großburgwedel schier unerschwinglich. Im „Grabeland“ am Küstergang zahlen die 14 Hobbygärtner für ihre Gemüse- und Blumenbeete trotzdem nur eine symbolische Pacht. Und die St.-Petri-Kirchengemeinde denkt gar nicht daran, zu verkaufen.

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Mechthild Albrecht erntet in Bio-Qualität, auf ihre Beete kommt nur Komposterde aus Eigenproduktion.

Quelle: Martin Lauber

Großburgwedel. Der Mann hat Ambitionen. Gleich in seiner ersten Grabeland-Saison will Arthur Langforth es wissen. Die Frage, was wo genau gedeihen wird oder besser gedeihen soll – noch ist ja alles unsichtbar in der Erde – bringt den Neu-Gärtner beim Rundgang durch seinen auf 133 Quadratmetern Beet-gewordenen Traum nicht ins Schleudern. Da gibt es eine frühe und eine mittelfrühe Kartoffelsorte, Zwiebeln, Knoblauch, zwei Reihen Erbsen, Pastinaken, Petersilie, tiefrote Ur- und "normale" Möhren, Erdbeeren, rosa und weißen Rettich, roten und weißen Mangold, zweierlei Radieschen, Rharbarber, Stachel-, Johannes-, Himbeeren. Und Blumen sowieso.

Als Langforth letztes Jahr auf einmal Rentner wurde, erinnerte er sich, dass er ja "eigentlich schon immer einen Garten haben wollte". Der Zufall half – er durfte das Grabeland seiner 84-jährigen Mehrfamilienhaus-Nachbarin übernehmen. Über den Winter gab es dann nur eine Lektüre: Gartenbücher. Wichtiger aber sei, sagt Langforth, "dass ich hier genug erfahrene Leute habe. Bevor ich was in die Erde stecke, frage ich sie."

Zum Beispiel Mechthild Albrecht mit ihren 17 Jahren Grabeland-Erfahrung. Die Vögel zwitschern, während sie den "reifen" ihrer drei Komposthaufen ausschaufelt. Noch mehr aber liebt sie die Geräusche vom Spielplatz des St.-Petri-Kindergarten. Auf ihre 9 mal 19 Meter Gartenland lässt sie außer der durchgesiebten Komposterde aus Eigenproduktion keinen Dünger heran. In Bio-Qualität baut sie an, was sich gut einfrieren lässt, denn: "Für mich alleine ist das doch eine ganze Menge." Nur ab und zu muss sie etwas Frisches einkaufen, das schont die Rente.

Ob Bamberger Hörnchen, Bärlauch, Auberginen oder Haferwurzel: "Sie ahnen ja nicht, was hier alles wächst!" schwärmt Silvia Hesse. Der Ertrag ist das Eine, aber da gibt es noch etwas, das sie begeistert: "Hier gibt es keine starren Regeln wie im Kleingartenverein." Nach dem Verkauf ihres Hauses hatten die Großburgwedelerin und ihr Mann das Glück, ein Stück Grabeland zu ergattern. Seither kommt die gelernte Floristin, sofern es nicht regnet oder stürmt, fast jeden Tag her.

Am Küstergang buddeln Gleichgesinnte. Kaum weniger enthusiastisch als Silvia Hesse ist Karin Braun, die in Sichtweite gerade ein Rankgitter für die Zuckererbsen konstruiert. Sie bringt es auf den Punkt: "Ein sehr schöner Ausgleich ist das und die Gemeinschaft sehr nett", sagt sie. Bevor sie Teil der Gemüseanbauer-Community wurde, hatte die Großburgwedelerin, die daheim nur einen Balkon hat, jahrelang sehnsüchtige Blicke auf das Grabeland geworfen. Ihre schönen Blumen zu pflücken, fällt ihr schwer – ein Bild fürs persönliche Gartenfotobuch tut es doch auch.

Auf der Parzelle von Gartenneuling Besin Kar blüht zwar nichts, dafür sprießen Schnittlauch und längliche Blätter, die nach Sauerampfer schmecken. "Alles gute Nachbarn", radebrecht der aus der Türkei stammende Kurde. Das beruht, wenn man sich umhört, auf Gegenseitigkeit.

Kaum größer als Kars Parzelle ist die von Henrik Plasse, der den Ruf weg hat, immer erst im Mai im Grabeland aufzutauchen. "Gemüse haben wir aufgegeben", gesteht der frühere Pastor, aber auf die Beerensträucher und vor allem den Rharbarbar, den seine Frau so mag, verzichtet er nicht.

Keiner ist länger da und hat mehr Land als Detleff Stauder. Seine 228 Quadratmeter machen ihn zum Selbstversorger "für alles, was man so braucht". Wenn seine Tochter zu Besuch kommt, bekommt sie Zucchinis, Tomaten, Rote Beete oder Bohnen mit auf den Heimweg. Von nichts kommt auf dem sauren Boden natürlich nichts – alle zwei Jahre lässt Stender sich einen Fuder Stallmist liefern. Verwöhnen will er seine Pflanzen aber auch nicht: "Die gewöhnen sich dann daran". Was für den 73-Jährigen, der aus Vorpommern stammt, "reines Hobby und nutzvolle Freizeitbeschäftigung" ist, sei für die Stadt insgesamt ein Gewinn. "Das Grabeland", meint Stender, "ist Großburgwedels grüne Lunge".

Sechs Cent pro Quadratmeter

Als Grabeland bezeichnet das deutsche Bundeskleingartengesetz ein Grundstück, das vertraglich nur mit einjährigen Pflanzen bestellt werden darf. Die St.-Petri-Gemeinde nimmt es nicht so genau, aber grundsätzlich gilt auch für ihre circa 2400 Quadratmeter am Küstergang, dass dort gegraben werden muss. Rasen, Bäume oder gar Gartenhäuser sind tabu.

Dereinst reichte das Kirchenland vom Mitteldorf bis zur Gartenstraße. Seit der "schlechten Zeit" nach dem Zweiten Weltkrieg, als es auch im Amtspark Gärten und kleine Holzhütten gab, wird es verpachtet. Bis in die 90-iger Jahre hinein mussten die Pächter das Wasser zum Gießen aus dem Petri-Teich holen, dann wurde ein Brunnen gebohrt. An eine Stiftung zum Bau eines Altersheims auf dem Grabeland erinnert sich heute fast keiner mehr.

Nach Aussage von Wolfgang Veth vom Kirchenkreisamt gibt es keinerlei Pläne, den Bereich anzutasten – ganz einfach, "weil das Grabeland ist!" Und das sollte sich jeder leisten können. Bei einem Pachtzins von sechs Cent je Quadratmeter ist die Nachfrage denn auch größer als das Angebot. 50 bis 228 Quadratmeter groß sind die Parzellen, auf denen auch zwei junge Familien mit Kindern buddeln.

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