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Wem gehört die kostbare Goldmünzen-Sammlung?

Burgwedel Wem gehört die kostbare Goldmünzen-Sammlung?

Der „letzte Wille“ des jüdischen Arztes Dr. Albert David aus Großburgwedel beschäftigt 76 Jahre nach dessen Selbstmord Historiker, Provenienzforscher und Juristen intensiver denn je. Im Mittelpunkt der Recherchen steht Davids kostbare Goldmünzensammlung.

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Eine der 31 Münzen aus der Sammlung von Dr. Albert David im  Museum August Kestner.

Quelle: MAK

Großburgwedel. Seit ihrer Beschlagnahmung im Jahr 1942 befinden sich die Münzen – aus heutiger Sicht unrechtmäßig – im Besitz des Museums August Kestner (MAK) in Hannover. Die Landeshauptstadt, seit Jahren um die Restitution von NS-Raubkunst bemüht, verfolgt aktuell eine Spur, die nach Amerika führt. Dabei hatte David selbst in seinem Testament einen nicht-jüdischen Berufskollegen in Großburgwedel als Erben eingesetzt. Dessen Enkelin erhebt, zumindest moralisch, Anspruch auf die Münzen – und wartet seit anderthalb Jahren auf das Ergebnis der Prüfung ihrer Forderung.

Aber das wird noch dauern. „Berufsverbot 1938/Gedemütigt/ Entrechtet/Flucht in den Tod 19.5.1940“ – die Inschrift in der Messinghülle des Stolpersteins an der Ecke Burgdorfer/Hannoversche Straße in Großburgwedel rafft das letzte Kapitel des Verfolgungsschicksals von Dr. Albert David in wenigen Buchstaben und Zahlen zusammen. Das Haus, in dem der im Ort beliebte Arzt seit 1896 mehr als 40 Jahre als Untermieter gelebt und praktiziert hatte, bis die Nazis ihm 1938 die Approbation entzogen, steht schon lange nicht mehr. Doch das Wissen um seinen früheren jüdischen Bewohner ist, seit der Gedenkstein im Mai 2015 ins Pflaster eingelassen wurde, um spannende Details reicher geworden.

Das verwundert nicht, wird doch in Burgwedel und Hannover intensiv in der Vergangenheit gegraben. Die Historikerin Irmtraud Heike aus Hannover und der Großburgwedeler Journalist Jürgen Zimmer recherchieren im Auftrag der Stadt Burgwedel für eine Dokumentation im Zusammenhang mit dem Stolperstein für Albert David. Sie haben eine Unzahl von Quellen und Archiven sowie Zeitzeugen befragt und stießen dabei 2015 im Amtsgericht Burgwedel auch auf das Original des bis dahin unbekannten handschriftlichen Testaments des Arztes. Dessen Lebens- und Leidensgeschichte hat Irmtraud Heike jetzt in den 70. „Hannoverschen Geschichtsblättern“ veröffentlicht, die im November im Wehrhahn-Verlag erschienen sind.

Nachzulesen ist in Heikes Text, dass der zunehmend von immer schärferen NS-Devisen- und Judenvermögensgesetzen bedrängte Arzt seine Goldmünzen bereits 1936 bei einer Bekannten in Isernhagen deponierte. Offenbar gelang es ihm, bei den NS-Behörden den Eindruck zu erwecken, als habe er sie, wie verlangt, im städtischen Pfandleihamt abgegeben.

Verschnürtes Paket

Tatsächlich fand ein Wachtmeister nach Davids Selbstmord am 19.  Mai 1940 in dessen Wohnung zwar ein Testament vor, in dem die Sammlung erwähnt wird, aber keine Münzen.

Erst am 18. September 1941 entdeckten Beamte des Finanzamtes Burgdorf diese in ihrem Versteck: 42 Goldmünzen in einem Silberkasten, aufbewahrt in einem verschnürten Paket in einem Lederkoffer. Wer den Tipp zu der gezielten Steuerfahndung bei der damals 64-jährigen Isernhagenerin gegeben hatte? Fragezeichen.

Offiziell beschlagnahmt werden konnte der Fund im Gegenwert von damals 20 durchschnittlichen Jahreseinkommen erst, nachdem ein quasi postmortaler Strafbefehl wegen Verstoßes gegen das Devisengesetz gegen den toten Vorbesitzer rechtskräftig war. Das August-Kestner-Museum erwarb die Münzsammlung vom Fiskus nach zähen Verhandlungen – letztendlich zahlte die Landeshauptstadt 27 290 Reichsmark für 31 der 42 Münzen.

Drei Tage nach Pogromnacht

Sein Testament hatte Dr. David am 12. November 1938 – drei Tage nach der Pogromnacht und genau an dem Tag, als die Verordnung über eine Sühneleistung der Juden erlassen wurde – mit „Mein letzter Wille“ überschrieben. 15 000 Mark vermachte er darin seinem Bruder Otto in Hannover, dem nach Heikes Recherchen ein Erbschein aber verwehrt wurde. Die Vermieter sollten „meine gesamten Immobilien, soweit sie sich in der Feuerversicherung befinden“, bekommen – gemeint war außer Geld wohl eher Mobiles wie Wäsche, Büsten, Porzellan, Grammofon, Instrumente und Zigarren. Und: „Meine bei der Reichsbank angemeldete Goldmünzensammlung im Werte von 600 Mark“ sollte nebst ausgewählter bibliophiler Bücher sein langjähriger Berufskollege „Willi“ K. erhalten, der ihn in der Vergangenheit mehrfach vertreten hatte. Zum Zeitpunkt der Testamentseröffnung befand sich Wilhelm K. als Standortarzt in Helgoland.

„Ich denke, Dr. David hat sich damals überlegt: Wem gönne ich das, damit es nicht den Nazis in die Hände fällt“, spekuliert die Enkelin des 1947 verstorbenen Wilhelm K. über die Motive des Erblassers. Sie fordert: „Man sollte diesen letzten Willen respektieren.“ Diese Haltung hat die Großburgwedelerin, der es nicht um die Münzen geht, die sie vielmehr dem Museum belassen würde, in einem Brief an Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok vertreten. Und auch gegenüber Dr. Thomas Schwark, als der Leiter des Kestner-Museums sie nach der Entdeckung des Testaments zu einer Münzbesichtigung eingeladen hatte.

„Absolut herausragend“

Aus münzkundlicher Sicht ist die Sammlung mit teilweise einzigartigen Goldmünzen aus allen Epochen, so Schwark, „absolut herausragend“ und für das Kestner-Museum nicht weniger als „ein Identitätsmerkmal unseres Hauses“. Gleichwohl müsse nach der Washingtoner Erklärung jüdisches Eigentum, das während der NS-Zeit unrechtmäßig enteignet wurde, ohne Wenn und Aber an die Nachfahren restituiert werden. „Diesen Prozess treiben wir voran.“

2013 zeigte die Landeshauptstadt, nachdem eigene Nachforschungen nach Nachfahren oder Angehörigen der weiteren Verwandtschaft von Albert David ergebnislos geblieben waren, dessen Sammlung im Lost-Art-Register des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste in Magdeburg an – ohne Resonanz.

Doch jetzt gibt es auch in Hannover Forschungsfortschritte. Kurz nach dem Fund des Originaltestaments in Großburgwedel verstärkte die Landeshauptstadt ihre 2008 eingerichtete Stelle für Provenienzforschung um den Fachhistoriker Johannes Schwartz. „Er stellt andere Fragen und hat neue Forschungslinien aufgenommen“, berichtet der MAK-Direktor.

Aktuell folge er der Spur von Albert Davids Schwester Anna, die 1892 heiratete und nach Berlin ging. Dort ihre Spur aufzunehmen, habe viel Arbeit gekostet. Doch mittlerweile habe Schwartz sogar herausgefunden, dass Anna nach Amerika auswanderte. Falls dortige Stellen nicht weiterhelfen könnten, werde möglicherweise eine Dienstreise in genealogischer Mission in die Vereinigten Staaten fällig. „Wenn die Ehe beerbt ist, stellt sich die Frage nach dem Erbe neu“, erklärt der Historiker.

Weitere Nachforschungen würden zu möglichen Nachfahren von Isaac David angestellt, einem Onkel zweiten Grades in Hamburg. „Wir wissen von keinem ähnlichen Fall, der historisch, politisch und juristisch so unauflösbar komplex ist“, sagt Schwark. Die Frage, ob man automatisch davon ausgehe, dass das Vermächtnis zugunsten des Berufskollegen K. vor dem Hintergrund existenzieller Verfolgung abgefasst wurde, beantwortet der Museumsleiter mit einer Gegenfrage: Wie hätte Albert David wohl ganz frei von Repressalien über sein Vermögen verfügt?

Schwark: "Nie mehr nur Münzen"

Mögliche Erbansprüche der Enkelin von Dr. Wilhelm K. seien aber schon deshalb zweifelhaft, weil sie einerseits verjährt seien, andererseits, weil die letztwillige Erklärung nicht Erbrecht durchbreche, referiert Schwark den aktuellen Zwischenstand der noch nicht abgeschlossenen rechtlichen Prüfung. Bei jüdischen Angehörigen greife laut Washingtoner Erklärung der Verjährungstatbestand nicht.

Thomas Schwark verspricht: „Wenn wir mit unseren Nachforschungen zu einem praktischen Ergebnis kommen, werden wir ‘was draus machen“, sprich: eine Ausstellung im Kestner-Museum im Zeichen der Erinnerungskultur. Nie mehr werde man Dr. Albert Davids Münzen ohne Erläuterung der Provenienz nur als Münzen betrachten können. „Sie sind ein Dokument der Zeitgeschichte.“

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Von Redakteur Martin Lauber