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Vom Ministerium in die Drogenszene

Burgwedel Vom Ministerium in die Drogenszene

Jahrelang hatte eine Burgwedelerin einen schwunghaften Drogenhandel betrieben, war bei einigen ihrer Kunden gar unter dem Spitznamen „Crack-Oma“ bekannt. Am Donnerstag hat das Schöffengericht die 51-Jährige zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

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Vier Jahre lang soll die heute 51-Jährige vor allem Marihuana verkauft haben.

Quelle: Symbolbild: dpa

Burgwedel. "Sie ist eine der ungewöhnlichsten Mandantinnen in Betäubungsmittel-Verfahren, die ich je hatte – und ich hatte einige Fälle“, leitete der Strafverteidiger sein Plädoyer ein.

Wer wollte dem Rechtsanwalt da widersprechen? Mit ihren 51 Jahren ist die Frau deutlichen älteren Semesters, als dies bei Drogendelikten gemeinhin üblich ist. Auch Menschen mit einer solchen beruflichen Vita findet man sonst eher nicht auf der Anklagebank – hatte sich die mehrfache Mutter als Verwaltungsfachangestellte unter anderem im Innenministerium doch eine gutbürgerliche Existenz aufgebaut.

In der Erklärung, die ihr Strafverteidiger vortrug, machte die Frau reinen Tisch. Sie gab zu, in Burgwedel einen schwunghaften Drogenhandel betrieben zu haben, wie ihn der Vertreter der Staatsanwaltschaft zuvor auch in seiner Anklage aufgelistet hatte. Seit Ende 2012 soll sie pro Monat rund 50 Gramm Marihuana zum Wiederverkauf erworben haben. Bereits 2013 hatten Polizisten bei ihr 60 Gramm Marihuana und sieben Gramm Amphetamine entdeckt, die Frau tauchte unter. Mitte Juli diesen Jahres fand die Polizei sie wieder – und in der von ihr mitgenutzten Wohnung 180 Gramm Marihuana, neun Gramm Amphetamine und einige Ecstasy-Tabletten.

Dass die ehemalige Ministeriumsangestellte derart auf die schiefe Bahn geraten war und nun sogar aus einer sechswöchigen Untersuchungshaft in den Gerichtssaal geführt wurde, erklärte ihr Strafverteidiger mit einer schrecklichen Diagnose: 2008 habe seine Mandantin von ihrer Krebserkrankung erfahren, was sie in eine schwere Lebenskrise habe stürzen lassen. Das Marihuana habe sie anfangs nur für sich gekauft, die Drogen geraucht, um die Schmerzen zu lindern. Doch dann habe sie begonnen, größere Mengen abzunehmen und mit dem Wiederverkauf ihren Eigenkonsum zu finanzieren, berichtete ihr Rechtsanwalt.

Seine Mandantin habe zwischenzeitlich völlig den Überblick über ihr Leben verloren. Erst in der Untersuchungshaft sei die 51-Jährige zur Besinnung gekommen, "das war ein sehr einschneidendes Erlebnis für sie“. Zuvor hatte die mittellose Frau laut eigener Aussage zeitweise sogar im Auto geschlafen.

Letztlich verurteile das Schöffengericht Burgwedel die zuvor unbescholtene Angeklagte wegen Drogenhandels zu einer 22-monatigen Bewährungsstrafe. "Das ist nochmal gutgegangen für Sie“, sagte Richter Michael Siebrecht mit Blick auf die Zahl von 27 Einzeltaten, den Zeitraum von fast vier Jahren und die teils sehr jungen Kunden. "Aber wir sehen in Ihnen nicht nur die Kriminelle, sondern auch die Kranke.“

Ein Bewährungshelfer und ein gerichtlich bestellter Betreuer sollen die Frau nun auf ihrem Weg zurück ins bürgerliche Leben begleiten – und ihre Kinder, die die ehemalige Drogendealerin mit Tränen in den Augen in die Arme schlossen.

Von Frank Walter

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