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Schulzes neuer Roman reißt alte Wunden auf

Großburgwedel Schulzes neuer Roman reißt alte Wunden auf

Wer dachte, der Mahnmalstreit sei ausgestanden, irrt: In seinem neuen Roman „Wem gehört die Erinnerung?“ bezieht der 88-jährige Großburgwedeler Julius Schulze literarisch Position gegen die 2012 auf dem Großburgwedeler Friedhof realisierte Gedenkstätte.

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Julius Schulze zeigt seinen Roman, der den Streit um das richtige Gedenken an die Opfer der NS-Zeit thematisiert.

Quelle: Martin Lauber

Burgwedel. Im PR-Flyer zum Buch, das Schulze unter dem Pseudonym Julius Aller geschrieben hat, heißt es: „Wie die Politik des Ortes durch die Querelen erschüttert wird, wie die Einwohnerschaft in Gruppen zerfällt und sich endlich nach vieler Mühe wieder zusammenrauft, erzählt dieser Roman. Allerdings hinterlassen die Auseinandersetzungen eine offene Wunde, die nur langsam heilen will und jederzeit wieder aufbrechen kann.“

Genau das könnte Großburgwedel mit dem Erscheinen von „Wem gehört die Erinnerung?“ nun bevorstehen. Denn Fiktion ist allenfalls die Rahmenhandlung des fast 300 Seiten starken Bandes. Die Romanfiguren Karl Burmeister und Benno Rotermund beschreibt Aller so, dass nicht nur Insider sie als Otto Bahlo (CDU) und Rudolf Gutte (SPD) wahrnehmen, die realen Protagonisten des mit harten Bandagen im Großburgwedeler Ortsrat geführten Mahnmalstreits. Diese Kontroverse hat Schulze, selbst CDU-Mitglied, in einer Mischung aus Fiktion, Dokumentation, Kolportage und persönlichem Kommentar aus nicht ganz neutraler Warte nacherzählt.

Bahlos Vorstoß für eine Erweiterung des Erster-Weltkrieg-Ehrenmals um zwei Namenstafeln für die getöteten Soldaten des Zweiten Weltkrieges war ihr Ausgangspunkt gewesen, die bestehende Gedenkstätte für alle Opfergruppen der NS-Zeit war mehr als fünf Jahre später - maßgeblich auf Betreiben Guttes - ihr Ergebnis. Auf dem Weg dorthin hatte Großburgwedel wegen der zunächst geplanten Nennung von SS-Angehörigen weltweit Schlagzeilen gemacht - das „Tor der Erinnerung“ hatten Unbekannte 2009 mutwillig zerstört.

Allers „Heimatroman“ bettet diese Chronik ein in Landschaftsbeschreibungen und Lokalhistorie, in längere Kapitel über General Otto Wöhler, die Petrikirche, Großburgwedels Schützenfest und das Innenleben der CDU. Mittendrin, wie bei Romeo und Julia, gibt es zwei junge Leute - Anja Rotermund und Bernd Burmeister -, deren Liebe der (Mahnmal-)Streit ihrer Väter im Wege steht.

Der Ich-Erzähler drückt in den Sitzungskrimis, in denen der Ortsrat über das richtige Gedenken streitet, die Zuhörerbank. Er kolportiert das Stadtgespräch. Und er kennt sich bestens aus mit der Denke jener Großburgwedeler seiner eigenen Generation, die sich ein ehrendes Gedenken an die Soldaten gewünscht hätten und die bis heute keinen Frieden gemacht haben mit der Mahnmal-Formulierung: „... ob die Soldaten ... an Verbrechen beteiligt waren oder unbescholten blieben, ist für jeden Einzelnen zu fragen“.

Diesen mehrfach im Buch zitierten „schlimmen Satz“ lehnt auch der Romanerzähler selbst ab. Er stelle alle im Zweiten Weltkrieg Gefallenen unter Generalverdacht. Überhaupt gehöre die Erinnerung den Angehörigen und sonst niemandem - das ist die Romanantwort von Schulze alias Aller auf die im Buchtitel gestellte Frage.

Am Ende des Plots ist die heile Großburgwedeler Welt - allemal aus Sicht der CDU-Familie Burmeister - zumindest privat wieder hergestellt mit der Tauffeier für den gemeinsamen Sohn von Anja und Bernd. Nur Großvater Rotermund fehlt. Aber das ist eigentlich kein Wunder bei den Gerüchten, die Großvater Burmeister in Umlauf gebracht hatte: Sein SPD-Gegenspieler solle bei der Zerstörung des ersten Mahnmals die Finger im Spiel gehabt haben. Am Biertisch präzisieren „Bekannte“ des Ich-Erzählers den Verdacht: Rotermund habe die linksautonomen Lindener Butjer angeheuert. „Sogar Geld soll bei diesem verschwörerischen Anlass geflossen sein“, heißt es da. Die Mütze tief ins Gesicht gezogen, sei Rotermund beobachtet worden, wie er die Butjer nachts am Friedhof in Empfang genommen habe. Und schließlich habe man sich in einer Lindener Kneipe getroffen, „um den Sieg über das verhasste Denkmal zu feiern“.

Im Roman heißt es weiter: „Da war niemand, der nicht zu dem Schauermärchen beigetragen hätte. Lag es an dem Bier ...?“ Im richtigen Leben hat die Polizei den Anschlag nie aufklären können.

Zur Person

Julius Aller, hinter diesem Pseudonym steckt der 88-jährige Großburgwedeler Julius Schulze, der nach 34 Jahren als Deutsch-, Latein- und Religionslehrer am Herschel-Gymnasium Hannover und später in Großburgwedel als Studiendirektor 1992 in Pension ging. Aufgewachsen in der Lüneburger Heide, war der Sohn eines Pastors 1943 von der Schulbank weg zur Wehrmacht eingezogen worden und hatte die letzten Monate an der Westfront erlebt – „als Kindersoldat, würde man heute sagen“, meint der Autor, der Vorstandsmitglied der Großburgwedeler CDU ist. In seinem vorletzten Roman aus dem Jahr 2009 hatte Schulze sich in einer Mischung aus Fiktion und Dokumentation Hitlers 56. Geburtstag im Führerbunker genähert. 2012 folgte „Karriere“: Das Buch spielt im kleinbürgerlichen Milieu eines Angestellten, der in seinem Betrieb nach einem Abteilungsleiterposten strebt.

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