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Rocker neben Job und Familie

Großburgwedel Rocker neben Job und Familie

Auf den Geschmack der Sünde stehen sie auch nach 13 Jahren noch. Obwohl im bürgerlichen Leben längst etabliert, gönnen sich die fünf von Taste of Sin ihre Dosis jede Woche einmal. Im Keller des Großburgwedeler Jugendzentrums sind sie nicht die einzige Band, aber die dienstälteste.

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Tim Krüger, Oliver Ohrndorf, Sarah und Jerome Zastrow und Oliver dell’Antonio (von links) sind Taste of Sin.

Quelle: Martin Lauber

Burgwedel. Düster-romantisch klingen die Stimmungen und inneren Welten, die Sarah Zastrow mit bedeutungsvoller Stimme beschwört: Von Trauer und frostigen Nächten singt sie, vom einsamen Sturz und wispernden Schatten. Sarah legt die Texte auf die Musik, die die vier Jungs schreiben. „Jeder bringt seine Ideen mit“, erklärt Gitarrist und Background-Sänger Oliver dell’Antonio. „Das läuft relativ demokratisch bei uns.“

Das war schon so, als die zwei Jahre zuvor gegründete Ur-Besetzung anno 2002 einen neuen Bandnamen brauchte, weil es mit Beyond Belief urheberrechtlich Ärger gegeben hatte. Taste of Sin klang cool, fanden sie damals wie heute - „nicht zu sehr nach Metall oder Pop“. Wenn es einer Stil-Schublade bedarf, so trifft melodischer Hardrock mit Heavy-Metal-Einflüssen die Musik noch am besten. Neuerdings entwickelt sich daneben auch akustisch noch etwas.

Fünf Freunde

„Die leben und lieben ihre Musik.“ Nils Fichtel vom Großburgwedeler Jugendzentrum sagt das voller Respekt über seine treuesten Kellermusiker, die sich seit 15 Jahren möglichst an jedem Donnerstagabend im größeren der beiden Probenräume treffen. Viele Personalwechsel hat es in der ganzen Zeit nicht gegeben. Der letzte Neuzugang war vor drei Jahren Oliver Ohrndorf am Schlagzeug, der vorletzte, Tim Krüger, übernahm vor acht Jahren den Bass.

Die zweieinhalb Wochenstunden Musikmachen in der Rock-Katakombe sind mehr als nur Ausgleich neben Familie und Job, die alle in der Band mittlerweile haben. „Man kommt in eine andere Welt“, offenbart Programmierer Tim. Noch wichtiger sei aber, sagt Sarah, Landschaftsarchitektin im öffentlichen Dienst, dass sie alle beste Freunde sind. „Das ist unser Hauptbonus.“ Zweitbesetzungen waren denn auch immer schon total verpönt bei Taste of Sin.

Acht bis zehn Konzerte pro Jahr - das ist der langjährige Durchschnitt. Klar würden sie gern auch mehr Gas geben. Bei Privatkonzerten 2014 in Schweden und als Vorgruppe von Nachtblut in diesem Mai haben sie mal wieder Blut geleckt. Selbst vor dem Wacken-Festival hätten sie keine Angst. „Da würden wir schon hinpassen“, meint Tim.

Rein theoretisch, versteht sich, denn im Augenblick überlassen die 29- bis 36-jährigen Nebenberufsmusiker den Hauptjobs die Vorfahrt. Jerome zum Beispiel muss als Innovationsmanager immer wieder ins Ausland, das macht langfristige Konzertplanungen schwierig. Bei Drummer Olli (Berufsbezeichnung: Business Development) ist es kaum besser. Und bei Oliver dell’Antonio (Teamleiter Vertrieb) steht die Hochzeit vor der Tür.

Unplugged-CD geplant

Und so lässt das Quintett es 2015 mit Live-Gigs etwas ruhiger angehen. Der Fokus liegt auf Songwriting und der Vorbereitung eines ersten Unplugged-Programms für Bühne und CD, das 2016 neben einer zweiten CD mit elektrischer Musik eingespielt werden soll. Ossy Pfeiffer habe zugesagt, das in seinem Frida Park Studio in Hannover zu machen, verrät Sarah glücklich.

Bislang ist den fünf Freunden von Taste of Sin schon manches geglückt, immer eins nach dem anderen. Eine Platte? „Haben wir gemacht.“ Ein Band-T-Shirt? „Haben wir.“ Große Bühne? Abgehakt! Und was ist mit den „15 Minutes of Fame“, die laut Andy Warhol jeder mal erlebt haben sollte?

Zugegeben, es sind bisher nur ein paar Sekunden des relativen Ruhms: Die hat Taste of Sin zu einem internationalen Werbevideo für Sennheiser beigetragen - eine knackige Hardrock-Variante von Chesney Hawkes’ Hit „The One and Only“. Gemeinsam mit Hawkes und dem vietnamesischen Casting-König Trong Hieu standen die Großburgwedeler im Frida Park Studio vorm Mikro. In Berlin wurde der Clip gedreht, der bisher 285 000-mal bei Youtube geklickt worden ist.

Zu Kopf gestiegen ist das den Methusalems unter den Jugendzentrum-Rockern nicht. „Lieber Hobby, dafür auch noch in zehn Jahren zusammen“, so schätzt Sarah die Perspektiven der Band ein, und die Jungs widersprechen ihr nicht. Wie ihrem erwachsenen Realitätssinn zum Trotz strahlen die fünf immer noch eine Jugendlichkeit aus, die besonders ihrer neuen akustischen Musik gut zu Gesicht steht - eher sympathisch als sündig.

Herzlich willkommen im Keller

Im Kellergeschoss des Jugendzentrums an der Wiesenstraße gibt es eine kostbare, weil seltene Ressource: zweimal vier Schall-gedämmte Wände für Leute, die gern laute Musik machen, ohne dafür Miete zahlen zu müssen. „Da sind Kapazitäten frei“, erklärt Nils Fichtel aus dem Team des Jugendtreffs, der die beiden Probenräume unter seinen Fittichen hat. Den größeren der beiden nutzen zurzeit vier Kombos, die ihr eigenes Instrumentarium mitbringen und einen eigenen Schlüssel haben: Neben zwei namenlosen Bandprojekten sind dies Taste of Sin und die Gruppe Rockhouse, die auch bei „Rock hinterm Rathaus“ aufgetreten ist und im Ferienpass Kindern Gitarrenunterricht erteilt hat. Den zweiten Probenraum hat die Stadtjugendpflege mit einem kompletten Band-Equipment ausgestattet: Schlagzeug, Gitarre, Bass, Keyboard, Klavier. „Wer spielen will und ein kleines bisschen Erfahrung hat, kann ihn sofort nutzen“, erklärt Nils Fichtel. Aufgeschlossen wird er allerdings nur während der Öffnungszeiten des Jugendzentrums – an allen Werktagen von 14.30 bis 19.30 Uhr, freitags bis 20.30 Uhr. „Herzlich willkommen“, sagt Jugendpfleger Uli Appel auch jenen, die sich noch nicht trauen, in der Öffentlichkeit aufzutreten. mal

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