Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 4 ° wolkig

Navigation:
Dilins erster Schrei

Burgwedel Dilins erster Schrei

Vom "Notstand in der Geburtshilfe" sprechen Fachleute in der Region Hannover - die HAZ-Volontärin Katharina Derlin wollte das genau wissen und hat in den Kreißsaal geschaut. Dort erlebt sie Gänsehaut pur, als Dilin auf die Welt kommt.

Voriger Artikel
Willkommen im Leben!
Nächster Artikel
Neuer Kreisel wird an A7-Zubringer erbaut

HAZ-Volontärin Katharina Derlin im Kreißsaal mit Baby Dilin wenige Minuten nach der Geburt.

Quelle: Katharina Derlin

Großburgwedel. Ein Tag im Leben einer Hebamme – von der Geburtsanmeldung bis zur geburtsvorbereitenden Akupunktur – das sollte meine Geschichte werden. Um 7.45 Uhr stehe ich in Schwestern-kluft auf der Entbindungsstation des Krankenhauses Großburgwedel, die ersten werdenden Mütter warten bereits auf die kleinen Nadeln der Akupunktur.

Ich bin mitten im Gespräch mit ihnen, als Schreie herüberhallen. „Da ist eine Frau gerade mitten in den Wehen“, meint eine Schwangere. Unüberhörbar. Kurz darauf holt mich die leitende Hebamme Karin Heine. „Eine Frau aus dem Irak liegt in den Wehen, der Muttermund ist fast vollständig geöffnet. Du darfst dabei sein. Aber keine Fotos.“ Mein Puls geht schlagartig hoch. Damit hatte ich nicht gerechnet – und vor allem nicht so schnell.

Ich folge ihr ein paar Räume weiter, die Wege sind kurz. Als ich das Zimmer um kurz vor 9 Uhr betrete, setzt gerade die nächste Wehe ein. Die 24-Jährige schreit. „Ganz so schlimm ist es nicht immer“, meint die Assistenzärztin. Die Schreie gehen mir quer durchs Mark. Ich ahne die Heftigkeit der Schmerzen. Die junge Frau, sie heißt Dilewin, klammert sich abwechselnd am Bett oder an ihrer geduldigen Schwiegermutter fest. Die Wehen kommen nun alle zwei Minuten, alle zwei Minuten ein lang gezogener Schrei, gefolgt von Wimmern und Weinen.

„Sie müssen in den Bauch atmen und pressen“ Ich selbst kämpfe bei den Schreien mit den Tränen und weiß selbst gar nicht, wieso. Der Raum ist vielleicht 20 Quadratmeter groß, das Bett steht in der Mitte. Zurückhaltend stehe ich am Kopfende – und ständig im Weg. Ich stelle mich ans halb geöffnete Fenster. Draußen regnet es, drinnen ist es schwül. Ich überblicke die gesamte Situation: Die erfahrene Hebamme Agnes, Hebammenschülerin Silke und eine Assistenzärztin schauen abwechselnd oder zeitgleich nach dem Rechten. „Sie müssen in den Bauch atmen und bei den Wehen pressen“, versucht Silke der werdenden Mutter zu erklären. Sie atmet den Rhythmus vor. Aber die Irakerin versteht das nicht. Die Assistenzärztin versucht, mimisch nachzuhelfen. „Pressen!“ Der Muttermund ist inzwischen ganz geöffnet, aber das Köpfchen mag einfach nicht weiterrutschen.

Um 9.07 Uhr kommt eine Frau ins Zimmer, eine Übersetzerin. Dilewin und ihr Mann sind erst seit sechs Monaten in Deutschland. Der Mann hat die Übersetzerin drei Wochen zuvor gebeten, bei der Geburt als Dolmetscherin zu helfen. Sie hat heute einen freien Tag. „Gott wollte, dass ich hier bin“, sagt sie und ist glücklich, helfen zu können. Hebamme und Assistenzärztin geben nun Anweisungen, die übersetzt werden. „Wann waren Sie eigentlich zuletzt auf Toilette?“ Silke erklärt mir, dass die Blase vielleicht so drückt, dass das Baby an ihr nicht vorbei kann. Es folgt: eine Blasenentleerung. Flüssigkeiten und andere Sekrete – alles vor mir, alles egal. Das hier ist ein so wichtiger Augenblick, und ich bin innerlich so angespannt, dass ich für Übelkeit oder andere Befindlichkeiten gar keinen Kopf habe.

Mein Grinsen bleibt den ganzen Tag

Die Gebärende dreht sich zur Seite, wieder auf den Rücken, wieder zur Seite. Alle zwei Minuten lang gezogene Schreie und immer wieder ein „Oiii“. „Es brennt und sie hat Rückenschmerzen“, übersetzt die Dolmetscherin die kurzen Phrasen, die Dilewin zwischendurch stöhnt. „Sie machen das gut“, sagt Hebamme Agnes. Um 9.31 Uhr lugt der Kopf raus, Hebammenschülerin Silke umfasst ihn mit beiden Händen und zieht kräftig – kräftiger, als ich vermutet hätte. Mit einem Ruck ist der ganze kleine Körper draußen – blau und sehr schlapp. Zu schlapp.

Mein Herz bleibt stehen. Die Assistenzärztin rennt heraus, ruft die Oberärztin, die Hebammen reiben den Körper, schlaff hängen die Ärmchen herunter. Die Stimmung hat sich schlagartig in eine angespannte Stille verwandelt. Gefühlte Ewigkeiten vergehen. Dabei sind es nur ein oder zwei Minuten. Die Nabelschnur wird schnell durchtrennt, die Kleine bekommt in dem Reanimationskasten Sauerstoff und wird kräftig gerubbelt. Endlich: der Schrei! Meine Augen werden schon wieder feucht. Und ich merke ein breites Grinsen, das sich in meinem Gesicht festsetzt. Langsam wird die Kleine rosafarben. Alles innerhalb der ersten drei Minuten.

„Das ist absolut im Rahmen“, erklärt mir die Oberärztin zehn Minuten später, während Hebamme Silke im Hintergrund gerade die Plazenta inspiziert. Auch dort soweit alles gut, nichts ist im Körper zurückgeblieben.

Ich schaue Dilin an – sie ist 50 Zentimeter lang und 3430 Gramm schwer. Ich beobachte Silke, wie sie das kleine Köpfchen und die Ärmchen säubert, alles untersucht, abtastet, einen Fußabdruck macht, das Namensbändchen anlegt und Dilin in ihren allerersten Strampler steckt. „Das entschuldigt doch alles, was vorher war“, sagt sie. Mein Grinsen bleibt den ganzen Tag.

Von Katharina Derlin

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
CDU-Anfrage an Regierung
In der Region gibt es einen Mangel an Geburtshelferinnen.

Die Probleme bei der Geburtshilfe und der Mangel an Hebammen in Hannover werden jetzt zum Thema im Landtag: CDU-Abgeordnete aus der Region haben eine entsprechende Anfrage an die Landesregierung gesandt.

mehr
Mehr aus Nachrichten