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Alt und Neu sind noch nicht eins

Großburgwedel Alt und Neu sind noch nicht eins

Die Heisterholz-Siedlung vor den Toren Großburgwedels hat sich binnen anderthalb Jahren fast verdoppelt. Die „alten“ Bewohner haben neue Nachbarn bekommen. Zeit, sich vor Ort umzuhören.

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In der Splittersiedlung zwischen Großburgwedel und Oldhorst entstehen neue Nachbarschaften.

Quelle: Jens Niggemeyer

Burgwedel. Frank Bley bereut es nicht, mit seiner Frau im Heisterholz gebaut zu haben. „Man ist draußen im Grünen, kann aber wegen der guten Anbindung alles schnell erreichen.“ Positiv findet er, dass die Grundstücke so schnell verkauft wurden. „So haben wir fast alle gemeinsam gebaut.“ Die Belästidung durch Lärm und Staub habe sich nicht so lange hingezogen. Und noch ein Vorteil: „Man ist nicht d e r Neue, wir waren alle neu hier.“ Etwas allerdings sei noch im wahrsten Sinne des Wortes ausbaufähig: die Anbindung per Fuß- und Radweg nach Großburgwedel. Zurzeit gebe es einen Trampelpfad. „Es fehlt ein Stück von rund 200 Metern, das müsste zumindest asphaltiert werden.“

Für Stefan Keßler, Ehefrau Tina und Töchterchen Amelie hat es sich ebenfalls gelohnt, ihre Heimat ins Heisterholz zu verlegen. Sie wohnen in einem Neubau von Verwandten zur Miete. „Uns geht es hier sehr gut“, sagt Keßler. „Die Gegend ist optimal: Es ist ruhig, es gibt viel Natur. Das soziale Umfeld und die Infrastruktur sind super.“ Viele Einkaufsmöglichkeiten, zahlreiche Kindergärten, weiterführende Schulen, die Nähe zur Autobahn, Bushaltestelle vor der Haustür - es gebe kaum Grund, zu klagen. „Okay, der Bus fährt nur einmal morgens, einmal mittags - aber wir haben ja zwei Autos“. Seit April 2014 haben die Keßlers schon viele Kontakte geknüpft, sind mit zwei Familien sogar befreundet, man gehe „aus und ein“ beieinander. „Mitte August veranstalten wir sogar ein Straßenfest.“

Genervt hatten allerdings die Internetprobleme. „Als wir herzogen, hat uns die Telekom mitgeteilt, dass es auf der Seite der alten Anwohner 20 Ports gebe - und mehr seien nicht geplant.“ „Erst, wenn einer sterbe, könnten wir dessen Port bekommen. Da bin ich fast vom Stuhl gefallen.“ Also mussten anfangs Funklösungen herhalten. „Inzwischen wurde auf Druck der Stadt nachgebessert. Jetzt ist es okay.“

Nachbar Benedikt Kellner hält die aktuellen zehn Megabit pro Sekunde immer noch für grenzwertig gering. Er nimmt er es mit Galgenhumor: „In den Augen der Telekom gilt dieser Bereich als ausgebaut. Trotzdem: „Wir fühlen uns total wohl hier, hatten schon nach vier Wochen ein super Gefühl.“ Hier wohnten viele Familien mit Kindern, es herrsche eine angenehme Atmosphäre. „Was nützt dir ein eigenes Haus, wenn du blöde Nachbarn hast?“, sagt Kellner, der in einem Monat das erste Mal Vater wird. Deshalb sagt er: „Ein Spielplatz wäre schön.“

Und er vermisst noch etwas: „Es gibt hier im Ganzen nur sechs Besucherparkplätze. Wenn hier jemand eine Party feiern will, muss er sich immer mit den anderen absprechen.“ Zudem appelliert er an die Anwohner der hinteren Grundstücke, ein bisschen weniger aufs Gaspedal zu drücken. „Vielleicht könnte man ein Spielstraßenschild aufstellen.“

Und wie gestaltet sich das Miteinander mit den alteingesessenen Heisterholzern? „Für die waren die letzten zwei Jahre mit den andauernden Bauarbeiten sicher nicht einfach“, glaubt Kellner. Auch deshalb sei es vielleicht noch eher ein Neben- anstatt ein Miteinander. Frank Bley, der vorher schon Kontakte hatte, kommt „ganz gut klar“. Für Irma Ente gilt das weniger. Die 74-Jährige wohnt seit 1961 in der Siedlung, das Haus ihres inzwischen verstorbenen Mannes stammt aus den Vierzigern. „Mit den Alteingesessenen verstehe ich mich. Bei einigen der Zugezogenen habe ich das Gefühl, einzig ihre Meinung zählt.“ Folgerichtig habe es Differenzen gegeben. „Vorgestellt hat sich auch kaum einer“, vermisst sie zudem ein wenig die früher übliche Etikette. Das Haus hat sie inzwischen an zwei ihrer neun Enkel überschrieben, die ebenfalls dort wohnen. „Ich mag es hier, weil es ruhiger und nicht so schnelllebig ist wie in der Stadt“, sagt Enkel Marcus Hähnel.

Thomas Bruns lebt seit 2009 im Heisterholz, liebt die ländliche Lage ebenfalls und empfindet das „liberale Miteinander“ und die Chance, individuell zu wohnen, als wohltuend. „Es gibt hier nicht so viele Vorgaben, jeder kann sich seinen eigenen Lebensraum schaffen.“

Bei allem Verständnis für persönliche Geschmäcker habe die Optik doch ein wenig gelitten, findet dagegen Sibylle Horst, die mit ihrer Familie seit 1988 in der Splittersiedlung zu Hause ist. „Hier wurden ja einige richtige Kästen hochgezogen“- und das auf vergleichsweise kleinen Grundstücken. Das verändere natürlich das Wohn- und Lebensgefühl.

„Früher wollte keiner hier heraus ziehen. Das hat sich geändert“, trauert sie den ruhigeren Zeiten etwas nach. Die vergangenen zehn Jahre seien schon eine Belastung gewesen. „Hier wurde ja permanent gebaut - erst westlich des alten Teils der Siedlung, dann östlich. Nun werde es ja wieder ruhiger werden. „Es ist ja traumhaft hier. Abgeschieden, im Grünen, man kann Tiere halten, in der Natur Rad fahren, es gibt viele Familien mit Kindern.“

Apropos Kinder: Auf dem Schotterweg am Heisterholz lassen manche Hundehalter ihre Vierbeiner ihr Geschäft verrichten, ohne im Anschluss für die Beseitigung zu sorgen. „Die Eltern haben keine Chance, ihre Kinderwagen da lang zu schieben, ohne hinterher Hundescheiße an der Karre zu haben.“ Aber das ist ein Problem, das sich lösen lassen sollte.

Das letzte Grundstück ist jetzt verkauft

Drei Jahre nach dem Abriss des Gebäudeensembles der einstigen Kartonagenfabrik Strohdach ist das 18.000 Quadratmeter große Baugebiet Heisterholz jetzt komplett ausverkauft. Die circa 20 Baugrundstücke hätten sich – zu Quadratmeterpreisen zwischen 160 und 170 Euro – besser vermarkten lassen als erwartet, berichtet Cord Geweke von der Niedersächsischen Landgesellschaft. Die letzten Grundstücke hat jetzt die Firma Demir Bau aus Meinersen erworben und erste Bauanträge gestellt. „Wir planen dort eine zweite Wohnanlage mit 12 Wohnungen“, sagt Frank Kolbe, der für die Projektierung zuständig ist. Auch den Streifen zur Landesstraße 383 hin, der als Mischgebiet ausgewiesen ist, wird die Firma bebauen. Über das Wie liefen noch Abstimmungsgespräche mit der Stadt Burgwedele. Schade, sagt Kolbe: Bei Betrieben – nur nicht störendes Gewerbe darf sich ansiedeln – sei der Standort gar nicht so gefragt, aber stark bei privaten Häuslebauern. Entweder werde das Land an Gewerbetreibende verkauft, oder aber Demir Bau lasse sich möglicherweise selbst im Heisterholz nieder.

von Jens Niggemeyer und Martin Lauber

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