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Im Alten Posthof geht das Licht aus

Engensen Im Alten Posthof geht das Licht aus

Beerdigungsstimmung? Die haben Ursula und Friedhelm Stein sich verbeten am letzten, am allerletzten Abend des Alten Posthofs. Nach 54 Jahren ist in der Engenser Kneipe das Licht jetzt ausgegangen. Für ihr Dorf bleiben die Wirtsleute aber auf dem Posten.

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Am Stammtisch wird zum letzten Mal das Engensen-Lied angestimmt.

Quelle: Martin Lauber

Burgwedel. Adolf Hohmeyer, von 1946 bis 1986 Bürgermeister und dann Ortsbürgermeister von Engensen, hatte bei der Namensgebung für seine neue Gaststätte kreativ geschummelt. Denn in Wirklichkeit hatte der historische Posthof, an dem die Kutschen dereinst die Pferde wechselten, um die Ecke gelegen. Um Hohmeyers Geweihe und Jagdtrophäen an den Wänden und die bleigefassten Wappenscheiben neben dem Tresen haben seine Tochter Ursula und deren Ehemann Friedhelm Stein in „ihren“ 35 Posthof-Jahren stets drumherum renoviert. So unterschied sich die Szenerie am letzten Abend der Kultkneipe vielleicht gar nicht so sehr von der Eröffnungsfeier anno 1961.

Christian Trosien, Eingeborener und Stammgast, der sein Dorf ohne den Posthof gar nicht kennt, gönnte sich am Mittwochabend noch einmal ein Steak mit Kräuter-Zwiebel-Soße aus Friedhelm Steins Küche. Als Kommunikationszentrum des Ortes - „Komm doch rüber an unseren Tisch“ - sei die Gaststätte maßgeblich an seiner persönlichen Integration ins Dorf beteiligt gewesen, nachdem er der Liebe wegen über den Berg aus Wettmar hergezogen war, schmunzelt sein Freund Christian Rolinski. Beide schwärmen von den Bierchen im Alten Posthof sonntags nach dem Fußball: „Das war eine sehr, sehr schöne Zeit.“ „Steins, das ist, das war schon eine Institution“, ergänzt Trosien. „Das ist schon ein großer Verlust“, sagt Joachim Papenburg. „Irgendwie fehlt jetzt der Mittelpunkt.“

Doch Minuten später am Stammtisch ist der vorweggenommene Phantomschmerz schon wieder vergessen. Dort gibt es zum großen Finale keine Exklusivrechte, und die Sentimentalität bricht sich lustig musikalisch Bahn. Ja, Gerhard Schröder habe hier ebenfalls schon das Engensen-Lied gesungen, erinnert sich Ursula Stein, die am Zapfhahn ihre Trauer tapfer in Schach hält. Und auch der Ernst Albrecht und sogar der Helmut Schön samt Nationalmannschaft hätten im Alten Posthof schon Station gemacht.

Viele Engenser kommen am letzten Abend noch mal vorbei. Dass dem Koch und Wirt und Ortsbürgermeister in Personalunion die Speckböhnchen ausgehen, die auf dem Hermann-Löns-Teller eigentlich nicht fehlen dürfen, ist in den letzten Jahrzehnten so oft nicht vorgekommen. Aber den 66-Jährigen in der weißen Kochjacke bringt das heute nicht mehr aus der Ruhe ...

Unter dem Strich: In Engensen herrscht Verständnis und angemessene Halbtrauer für den von den Steins gewählten Halbruhestand. Die Kneipe ist weg, aber wenigstens für Familienfeiern und für Vereinsversammlungen wird der Saal weiter zur Verfügung stehen. Im Sommer soll sogar der Biergarten wieder öffnen. Fürs Amt des Ortsbürgermeisters will Friedhelm Stein noch mal kandidieren. Doch seine Heidschnucken, die will er als Halbrentner jetzt morgens ein bisschen länger aufs Frühstück warten lassen.

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