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Willkommen im Leben!

Großburgwedel Willkommen im Leben!

Sie helfen durch den wichtigsten Moment im Leben: Hebammen. Doch die Lage ist prekär. In den Hebammenschulen finden sich kaum Bewerber. Und weil die Haftpflichtversicherung für selbstständige Hebammen sehr hoch ist, können sich diesen Beruf immer weniger leisten. Doch ihre Arbeit ist unersetzbar.

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Willkommen im Leben - so heißt es im Krankenhaus Großburgwedel.

Quelle: Katharina Derlin

Großburgwedel. Es ist noch vor 8 Uhr an diesem Morgen im Kreißsaal des Krankenhauses Großburgwedel. Und doch sitzen bereits mehrere Schwangere im Wartebereich, sie alle haben Termine zur geburtsvorbereitenden Akupunktur. Die Räume sind in freundlichem Gelb gestaltet, bunte Gardinen wirken gegen die sonst klinischen Räume an. Fotos dort entbundener Babys hängen an Wänden und Türen.

„Die Atmosphäre hier ist familiärer als in den großen Kliniken“, sagt die leitende Hebamme, Karin Heine. Gerade setzt sie die Akupunkturnadeln bei Juliane, drei weitere Frauen sitzen oder liegen ebenfalls in dem Raum, die Akupunkturnadeln in Beinen, Armen und am Kopf. Sie stimulieren Punkte, die den Muttermund weicher werden lassen – das kann den eigentlichen Geburtsvorgang erleichtern. Die Stimmung ist ausgelassen, man unterhält sich, mit einer Leichtigkeit schafft Heine es, die Schwangeren zu entspannen.

Die Frauen kommen aus Burgwedel, der Wedemark, dem Umland. Gleich, wen man fragt, sie fühlen sich hier gut aufgehoben. Im Schnitt kommen zwei Kinder am Tag im Großburgwedeler Krankenhaus zur Welt. Pro Schicht wird aber nur eine Hebamme eingesetzt. „Das kann schon sehr stressig werden“, sagt Heine. Zwei Tage zuvor musste Hebamme Agnes Brandes während einer Nachtschicht drei Kinder zur Welt bringen. „Das ging nur, weil die Babys nicht punktgenau zur selben Zeit auf die Welt kamen“, sagt die 52-Jährige.

Dass das Henriettenstift Anfang Juni zeitweilig seine Kreißsäle schließen musste, weil es einen Personalengpass gab, ist bei den Schwangeren in der Akupunkturrunde Thema Nummer eins. „Ich wäre auf die Barrikaden gegangen“, sagt Eva Dierks aufgeregt. „Ich war so schockiert, als ich davon las. Da kommt man mit Wehen dort an und wird wieder weggeschickt!“ Die 38-Jährige hatte sich 2014 an der Seite von Oberärztin Dagmar Klatt dafür eingesetzt, dass die Geburtsstation in Großburgwedel nicht geschlossen wird. Wie ihr erstes Kind soll auch das zweite hier geboren werden.

„Der gesamte Aufenthalt im Henri war eine Katastrophe“, erzählt Juliane. Sie meint die Geburt ihres ersten Kindes vor zwei Jahren in Hannovers Geburtstklinik Henriettenstift. „Mir wurde nicht gezeigt, wie ich richtig stille, ich lag in einem Vierbettzimmer und um 3 Uhr nachts sollte mein Kind einen Hörtest machen – weil dafür früher keine Zeit war“, erzählt die heute 35-Jährige. Für ihre zweite Geburt hat sie sich für ein kleineres Krankenhaus entschieden: in Großburgwedel.

Fast alle der Frauen, die an diesem Morgen bei der Akupunktur sind, haben eine Hebamme – und hatten keine Probleme, eine zu finden. Allerdings geht es in den kleineren Orten in der Region, fernab der Landeshauptstadt, vor allem durch Empfehlungen und Bekanntschaften. Und die Hebamme, die das erste Kind zur Welt gebracht hat, soll auch beim zweiten helfen. So war es bei Juliane und auch bei Eva. „Es war selbstverständlich, dass ich meine Hebamme erneut nehme“, sagt Eva.

Charlotte Haack hatte allerdings auch in der Region arge Probleme: Mit zehn Geburtshelferinnen hat sie gesprochen, aber wegen des Sommerurlaubs war keine zum geplanten Termin vor Ort. „Oder sie wohnen zu weit weg“, erklärt sie: Hebammen dürfen nicht mehr als 20 Kilometer zu ihren Schwangeren fahren. „Ich hatte richtige Panik, keine zu finden“, sagt die 34-Jährige. Im siebten Monat hat nun auch sie eine gefunden, die Hebamme kommt wie sie aus der Wedemark. „Meine Hebamme ist wie eine Tante“, meint Charlotte.

Gerade bei der Nachsorge – so geht es hier tatsächlich allen Frauen – sind sie dankbar, eine Ansprechpartnerin für alle Unsicherheiten zu haben. Traumatische Erlebnisse bei der Geburt, Handgriffe beim Stillen, nicht enden wollendes Schreien. Die Hebamme berät in allen Dingen. „Und sie ist eine Seelentrösterin“, meint Nina Dreyer. Sie hofft vor allem auf Tipps, wie sie das Familienleben mit zwei Kindern koordiniert bekommt.

Aber auch im Krankenhaus sind die Hebammen unverzichtbar. Agnes Brandes ist seit 28 Jahren im Krankenhaus Großburgwedel. „Sie gehört quasi zum Inventar“, meint Oberarzt Klas Hendrik Wulfmeyer. „Ich brauche Action und wollte hauptsächlich Entbindungen machen“, erklärt sie selbst. Für Wulfmeyer ist die Arbeit der Hebammen „unbezahlbar“. Als Oberarzt komme man nur zu Geburten, wenn es Probleme gibt. Die Hebammen indes seien die gesamte Zeit da und gäben dem Oberarzt die Informationen, damit dieser rasch Entscheidungen treffen kann. „Ihre Arbeit kann man mit Gold nicht aufwiegen“, sagt er. Sie seien ein eingespieltes Team.

Von Katharina Derlin

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