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Ebola-Impfstoff aus Burgwedel: Echo geteilt

Burgwedel Ebola-Impfstoff aus Burgwedel: Echo geteilt

Bei der bisher auf Impfstoffe für Nutz- und Haustiere spezialisierten Burgwedel Biotech GmbH in Großburgwedel entsteht die weltweit die erste Massenproduktion von Impfstoffen gegen das für Menschen todbringende Ebola-Virus. Für Bürgermeister Axel Düker ist das eine "traumhafte Nachricht", für manche Anlieger aber Grund zur Sorge.

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Im bestehenden Werksgebäude an der Straße Im Felde (links) soll der neue Ebola-Impfstoff hergestellt werden, rechts entsteht an der Autobahn A 7 ein neues Gebäude für die Verwaltung, die dorthin ausgesiedelt wird.

Quelle: msd

Großburgwedel. Dass ein "so notwendiges weltumspannendes Produkt" in Großburgwedel produziert werden soll, wird bei Rossmann begrüßt. Am Langen Felde ist das Drogerieunternehmen direkter Nachbar der zur amerikanischen Merck-Gruppe gehörenden Burgwedel Biotech (MSD): "Ein Sicherheitsrisiko sehen wir nicht", sagt Sprecher Stephan-Thomas Klose.

Ikea grenzt im Süden ans MSD-Gelände. "Wir wurden im persönlichen Gespräch informiert, eine Fortsetzung ist geplant. Auf Basis der Informationen sehen wir keinen Anlass zur Beunruhigung. Die Sicherheit unserer Mitarbeiter und Besucher steht für uns an erster Stelle", so Chantal Gilsdorf von Ikea.

Persönlich informiert wurde auch Martin Kind – Hallen seiner Hörgeratefirma werden von MSD genutzt. Kind ist begeistert – über die pharmazeutische Innovation aber auch darüber, dass der Impfstoff hier hergestellt wird: Er freue sich "für die Betroffenen, für das Unternehmen und für den Standort". Dass MSD-Vorgänger Wellcome Ende der 80-iger Jahre im Verdacht stand, für den Ausbruch der Maul- und Klauenseuche (MKS) verantwortlich zu sein, sei Vergangenheit. Kind: "Unternehmen sind lernfähig. Ich gehe von höchster Professionalität aus."

Ehrenbürgermeister Karsten Hoppenstedt spricht von einer "hervorragenden Entwicklung"“ für Burgwedel. Axel Düker ist überzeugt, dass die jetzige Erweiterung für den Ebola-Impfstoff und die damit verbundenen zusätzlichen 50 Arbeitsplätze nicht der letzte Expansionsschritt sind. "Wir werden Biotech weiter unterstützen."

Nicht ganz so offiziöse Statements klingen zum Teil anders. "Wohl kann einem dabei nicht sein. Immerhin hantieren die mit abgeschwächten Ebola-Viren", sagt ein Mitarbeiter einer direkt benachbarten Firma, obwohl MSD-Geschäftsführer Fons Verhaegen sagt, dass keine gesundheitlichen Risiken von dem neuen Ebola-Impfstoff für Mitarbeiter und das Umfeld ausgingen. An der ebenfalls nicht weit entfernten Schulze-Delitzsch-Straße sagt Almuth Kleinoth trotzdem: "Ich bin auf 180! Mit uns Anliegern ist nicht gesprochen worden." An ein Null-Risiko glaubt sie nicht und erinnert an den alten MKS-Fall. Ihre Nachbarin Jutta Skade pflichtet ihr bei: "Wer sich eiskalt über die Bürger hinwegsetzt, dem glaube ich kein Wort mehr."

Anno 1987/1988: Impfstoffwerk unter Verdacht

Impfstoffe gegen Maul- und Klauenseuche (MKS) werden in Großburgwedel schon seit Jahren nicht mehr hergestellt – anders als 1987 und 1988, als die MKS zweimal in Burgwedel ausbrach. Mit dramatischen Folgen bis hin zum DDR-Einreiseverbot für Menschen aus dem Sperrbezirk. Die Herkunft des Virus ließ sich nicht verifizieren, aber: Im Verdacht stand damals MSD-Vorgänger Wellcome.

Auch wenn es 
fast 30 Jahre her ist und der niederländische Geschäftsführer von Burgwedel BioTech (MSD), Fons Verhaegen, dieses Kapitel der Historie seines Werkes kaum kennt: Ältere Burgwedeler erinnern sich gut an die Aufregung, als im Oktober 1987 nach zehn MKS-freien Jahren in Deutschland der Erreger zwei Rinderherden mit 33 Tieren in Großburgwedel befiel.

Ausgerechnet der damalige Bürgermeister Karsten Hoppenstedt, Landrat, Europaabgeordneter und Tierarzt von Profession, stellt die Diagnose. Fieberhaft versuchen die Behörden, die Ausbreitung der Krankheit durch die Einrichtung eines Sperrbezirks zu stoppen, der auch Teile von Burgdorf und der Gemeinde Uetze umfasst. Kein Nutzvieh darf rein oder raus. Und an der DDR-Grenze werden sogar Menschen aus dem Raum Hannover zurückgewiesen.

Groß ist die Brisanz schon beim ersten Ausbruch der Seuche, denn sie hat enorme wirtschaftliche Bedeutung: „Im Export nach Japan läuft nichts mehr, höchstens Würstchen in Dosen lassen die noch rein“, zitiert die HAZ einen hohen Beamten im noch Bonner Landwirtschaftsministerium. Und kaum hat die Lage sich im November 1987 beruhigt, tritt die Seuche acht Wochen nach Aufhebung des Sperrbezirks im Norden der Region Hannover erneut auf – diesmal zuerst 15 Kilometer von Großburgwedel und seinem Impfstoffwerk entfernt auf zwei Höfen in Dachtmissen und Weferlingsen. Das Veterinäramt lässt 320 Schweine, mehr als 30 Rinder und Schafe töten und zur Abdeckerei bringen. Ätznatron auf Grundstückszufahrten und Stallschwellen sind Pflicht, die DDR schränkt den Reiseverkehr erneut ein.

Es nutzt alles nichts: Auch
100 Tiere eines befallenen Wettmarer Bestands müssen in der ersten Januar-Woche getötet werden, kurz später 94 Rinder und 18 Ziegen im selben Dorf. Als auch Brüssel die Scheinwerfer auf Großburgwedel richtet und die EG sich mit den Konsequenzen für den internationalen Schlachtviehhandel beschäftigt, ist im Februar 1988 der Spuk endlich vorbei. Allein die Landtags-Grünen geben sich Ende März sicher: Ein „nahgelegenes Impfstoffwerk“ habe den Ausbruch der Seuche verursacht. Beim Erreger habe es sich um einen Prüfvirus in einem Versuchsstall gehandelt.

Karsten Hoppenstedt zieht ein anderes Fazit: „Über die Herkunft streiten sich die Gelehrten bis heute“, sagt er. Er persönlich vertritt die Auffassung, dass die „Kette der Sicherheitsmaßnahmen bei Wellcome 100-prozentig“ gewesen sei. Davon habe sich Burgwedels Gemeindeverwaltung vor Einrichtung der Impfstoffproduktion und Testställe vergewissert gehabt.

Dass in Deutschland Impfungen gegen die Maul- und Klauenseuche kurz später aufgegeben wurden, hat Hoppenstedt zufolge mit dem Burgwedeler MKS-Fall nichts zu tun. Die Impfungen seien zum Hemmnis für den Handel von Fleisch sowie von Sperma, Eiern und Embryonen von Vererber-Rindern geworden. Der ganzen Bundesrepublik hätte die Sperrung als Ausfuhrland gedroht.

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Bisher werden in Großburgwedel bei Biotech nur Impfstoffe für Nutz- und Haustiere hergestellt.

Quelle: msd
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