Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -3 ° Regenschauer

Navigation:
Im laufenden Verfahren wird Iraker abgeschoben

Burgwedel Im laufenden Verfahren wird Iraker abgeschoben

Zuhair Elias ist nach Ungarn abgeschoben worden - während seines Widerspruchsverfahrens. Betreuer Dieter Vielgut sorgt sich um den 24-jährigen Iraker, der jetzt unter widrigen Bedingungen in einem Gefängnis in Südungarn ausharrt.

Voriger Artikel
Countdown für das große TSG-Zeltlager
Nächster Artikel
CDU fordert freies WLAN

Wie diese Zufluchtsuchenden, die sich von Budapest aus zu Fuß auf in Richtung Deutschland aufmachen, kam auch Zuhair Elias im September 2015 in die Bundesrepublik.

Quelle: dpa

Burgwedel. "Es ging alles rasend schnell. Hätten wir gewusst, dass es so ernst ist, hätten wir Kirchenasyl beantragt", sagt Vielgut, der im Burgwedeler Flüchtlingsnetzwerk mitarbeitet. Die Nachricht, dass einer seiner Schützlinge nach Ungarn ins Gefängnis abgeschoben wurde, erreichte ihn im Urlaub. Und das nicht etwa von behördlicher Seite: "Die Betreuerin der syrischen Familie, die ebenfalls in dem Haus meiner Jungs wohnt, hat es mir geschrieben", sagt Vielgut. Von den Behörden in Burgwedel hatte er mehr erwartet, doch diese sind laut Sozialarbeiter Otto Krull in die Asylverfahren selbst nicht involviert.

Zuhair Elias kam im September 2015 nach Großburgwedel - alleine. Zurückhaltend, traumatisiert, in sich gekehrt. Im Irak konnten er und seine Familie nicht bleiben, es war zu gefährlich für gläubige Christen wie sie. Erst lebten sie ein halbes Jahr in der Türkei. Dann folgte die klassische Flüchtlingsroute: mit einem Boot zu einer griechischen Insel, wieder übers Meer zum Festland und dann zu Fuß über Ungarn nach Deutschland. Und das war das Problem: Nach dem Schengen-System und dem Dublin-Abkommen ist das EU-Land, in dem ein Flüchtling zuerst den Boden betritt, für dessen Asylverfahren zuständig.

Während seiner Flucht wurde Zuhair von seinem Vater und  zwei Brüder getrennt, erzählt Vielgut. In Ungarn wurde er dann von der Polizei in Gewahrsam genommen. Das Trinkwasser sei Abwasser aus der Klospülung gewesen, zu essen gab es nur Brot. Man könne das kaum glauben, doch das passiere mitten in Europa. Zuhair kaufte sich frei. Und er unterschrieb Papiere, die seinen Asylantrag in Deutschland nichtig werden lassen.

Vielgut erfuhr davon erst durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Und zwar im Januar. Der ehrenamtliche Betreuer hatte einen langen Bericht über seinen Schützling ans BAMF geschickt: Zuhairs psychisch kranker Vater wie auch sein therapiebedürftiger Bruder seien in Bottrop, ein zweiter Bruder kümmere sich. Die Familie sei also in Deutschland. Aufgrund seines intensiv gelebten christlichen Glaubens würde Zuhair außerdem im Irak verfolgt werden, im Gefängnis in Ungarn drohten Misshandlungen, warnte der Burgwedeler. Als er beim BAMF nachfragte, wie weit das Asylverfahren sei, kam die Hiobsbotschaft: Bereits im Dezember habe es einen Ablehnungsbescheid gegeben. Die Bundesrepublik trete in diesem Asylverfahren nicht ein, weil es bereits in Ungarn laufe.

Anscheinend konnte der Postbote diesen Bescheid im Dezember nicht zustellen, Zuhair sei unter der Adresse "nicht auffindbar" gewesen, hieß es vom BAMF. So ganz mag Vielgut das nicht glauben: "Ich war noch nie dort und habe niemanden vorgefunden", immerhin wohnten dort vier weitere junge Männern sowie eine syrische Familie. Zuhair konsultierte einen Anwalt, um gegen die Ablehnung anzugehen.

Otto Ludwig, der vor 40 Jahren die Amnesty International Ortsgruppe Burgdorf/Burgwedel gründete, hatte einen ganz ähnlichen Fall erlebt (s. Kasten) mit seinem Schützling, dem über Bulgarien eingereisten Iraker Khaire Fahad Aleyas. Um der "Rückübertragung" nach Bulgarien zu entgehen, ist der junge Mann freiwillig zurück zu seiner Familie in ein Flüchtlingslager im Nordirak gegangen. Ludwig versucht nun, ein Visum für einen Sprachkurs in Deutschland zu bekommen.

Zuhair erhielt nach dem BAMF-Bescheid  vom Ausländeramt eine einmonatige Duldung. "Wir dachten, während des Widerspruchsverfahrens wäre er sicher", sagt Vielgut heute. Doch der 22-Jährige wurde am 18. Mai "rücküberführt", so der Fachjargon. Nach Südungarn, wieder ins Gefängnis. Der Asylantrag wurde dort vier Tage später offiziell abgelehnt. Zuhairs Anwalt hat zwischenzeitlich erneut Klage eingereicht, weil das Asylverfahren nichts ordnungsgemäß beendet worden sei. Sollte diese Klage erneut abgelehnt werden, hat Zuhair keine Chance mehr auf ein Asyl in Deutschland.

"Genau das wollten wir damals vermeiden", erklärt Ludwig. Er wird seinem Schützling, der jetzt im Flüchtlingslager im Nordirak ist, vom Schicksal von Zuhair Elias berichten. Und dass es richtig war, freiwillig das Land zu verlassen - auch, wenn das Leben dadurch nicht besser geworden ist.

So erging es anderen Flüchtlingen aus Burgwedel

Freiwillig ausgereist

Khaire Fahad Aleyas hatte ein ähnliches Schicksal wie Zuhair: Der junge Physiker kam ebenfalls aus dem Irak. Seine Familie, die dort in einem Flüchtlingslager in Duhok seit fast zwei Jahren lebt, hatte 11.000 Euro für seine Flucht zusammen gekratzt. Über Bulgarien reiste er nach Deutschland, machte in Burgwedel Bekanntschaft mit Otto Ludwig, der sich seit Jahrzehnten für Flüchtlinge und politisch Verfolgte einsetzt. Auch bei Khaire wurde der Ablehnungsbescheid nicht zugestellt und er legte Widerspruch ein. "Uns wurde das aber zu brenzlig", sagt Ludwig. Um eine zweite Chance zu wahren, stieg Khaire vor laufenden ZDF-Kameras freiwillig ins Flugzeug. Ludwig telefoniert täglich mit ihm, unterstützt die Familie finanziell. Ein Kühlschrank für das glühend heiße Zelt, ein Arztbesuch für die Mutter, mehr kann er von hier aus nicht tun.

Kirchenasyl

Shijar Alabdullah aus Syrien war der erste Fall von Kirchenasyl im Kirchenkreis Burgwedel-Isernhagen. Seit August lebte der 30-jährige Syrer in der Wettmarer St.-Marcus-Gemeinde, um nicht zurück nach Bulgarien, wo er geschlagen und inhaftiert worden war, überführt zu werden. Nur einen Monat später die gute Nachricht: In der Gemeinde dürfe er sich bis zum Abschluss seines Asylverfahrens frei bewegen, ihm drohe keine Abschiebung mehr. Auch er ist ein Dublin-Fall. Er floh, weil die Terrormiliz IS seine Heimat zerstörte.

"Rücküberführung"

Er spielte in der Kreisliga TSV Wettmar Fußball - im Feburar dieses Jahres wurde er abgeschoben: Stürmer Konan-David Koffi. Der Ivorer lebte in Thönse, machte Sprachkurse und hatte bereits eine Arbeitsstelle - dennoch musste er nach Portugal ausreisen, als sein Asylverfahren abgelehnt wurde.

doc6p9wibf22bp19hbq3ho5

Fotostrecke Burgwedel: Im laufenden Verfahren wird Iraker abgeschoben

Zur Bildergalerie

Von Katharina Derlin

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten