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Jeside kommt Abschiebung zuvor

Großburgwedel Jeside kommt Abschiebung zuvor

Der 24-jährige Khaire Fahad Aleyas aus Großburgwedel soll nach Bulgarien abgeschoben werden, doch der Iraker geht freiwillig in sein Heimatland zurück. Nur so kann der Physiker später legal mit einem Studienstipendium wieder nach Deutschland einreisen.

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Das Lächeln für die Kamera fällt Otto Ludwig und seinem irakischen Schützling Khaire Fahad Aleyas nicht leicht, denn schon in wenigen Tagen wird der junge Iraker in seine bedrohte Heimatregion zurückkehren.

Quelle: Martin Lauber

Burgwedel. Den Massakern der IS-Terrormiliz war seine Familie im August 2014 nur knapp entronnen. Nach Duhok, wo Vater, Mutter und Geschwister seitdem in einem Lager in unbeheizten Zelten leben müssen, wird der 24-jährige Iraker Khaire Fahad Aleyas aus Großburgwedel schon in den nächsten Tagen zurückkehren - „freiwillig“. Immer noch besser als die drohende Abschiebung nach Bulgarien.

Dort, wo der Jeside mit Bachelor-Abschluss in Physik herkommt und wo er bald schon wieder sein wird, ist „alles kaputt“. „Seine“ Uni in Mossul sei in IS-Hand. Allein aus seinem umkämpften kleinen Dorf, einem Vorort von Shingal, seien 200 Frauen und Kindern verschleppt worden. Das lässt den jungen Mann, aus dessen Freundeskreis viele getötet wurden, nicht los. Ob während der Flucht ins Sindschar-Gebirge, im bewaffneten Kampf gegen IS-Milizionäre oder später auf seiner Odyssee, die ihn über die Türkei und Bulgarien nach Großburgwedel führte: Immer träumt er diesen Traum, dass seine gekidnappten Landsleute zurückkehren können zu ihren Familien.

11 000 Dollar hatte der Aleyas-Clan zusammengekratzt, um ihm eine Zukunft außerhalb dieser Hölle zu ermöglichen. Aber nach dem Grenzübertritt in Bulgarien im Mai 2015 wurde der Iraker inhaftiert, geschlagen, alles, auch sein Handy „mit allen meinen Memories“ und sogar seine Jacke wurden ihm abgenommen.

Aleyas böse Erinnerungen decken sich über weite Strecken mit denen der beiden Syrer, denen 2015 in Wettmar Kirchenasyl gewährt wurde. Nach einem halben Jahr durften sie ihren Asylantrag in Deutschland stellen, zurück nach Bulgarien mussten sie nicht. Doch nach einer Rechtsverschärfung wäre für Aleyas mittlerweile ein ganzes Jahr Kirchenasyl nötig.

Seit drei Wochen hat der 24-Jährige die Anordnung seiner Abschiebung in Händen. Rechtsgrundlage ist wie bei den Wettmarer Syrern das Schengen-Abkommen, nachdem das Land, in dem ein Flüchtling zuerst EU-Boden betreten hat, zuständig ist.

Jeder wisse doch, wie weltfremd diese Regelung sei, zürnt der Großburgwedeler Otto Ludwig, der im Laufe des letzten halben Jahres zum väterlichen Mentor von Aleyas geworden ist. Bekannt sei auch, dass auf Flüchtlinge in Bulgarien ein Schlafplatz auf der Erde, aber keinerlei Perspektive warte. Der emeretierte Professor hatte den Iraker beim SPD-Sommerfest kennengelernt und seitdem intensivst gefördert. „Wir haben vom ersten Tag an nur Deutsch gesprochen“, sagt der 84-Jährige, der sich fest vorgenommen hatte, seinem Schützling den Weg auf eine deutsche Hochschule zu ebnen. Wie gut Aleyas sich nach so kurzer Zeit auszudrücken versteht, macht den Sprachwissenschaftler ein bisschen stolz.

Wegen dieser guten Deutschkenntnisse ist der 24-Jährige heute mit einem ZDF-Team in der hannoverschen Rückkehrberatung des Raphaelswerks verabredet. Vielleicht wird er erzählen, dass Otto Ludwig ihm ein gutes Handy gekauft hat, damit sie in Kontakt bleiben. Dass dieser, „mein Vater in Großburgwedel“, alle Hebel in Bewegung setzt, damit er möglichst bald mit Visum und Studienstipendium zurück nach Deutschland kann, wofür die freiwillige Ausreise die Voraussetzung ist.

Der Termin, wann er mit 500 Euro Starthilfe ins Flugzeug steigen wird, ist Aleyas noch nicht mitgeteilt worden. Und noch weniger weiß er, ob und wann er zurückkehrt nach Deutschland. Am liebsten käme er wieder nach Großburgwedel, wo er nicht nur beim Handball und Fußball viele Freunde gefunden hat.

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