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Klinik lässt Raucher im Warmen

Großburgwedel Klinik lässt Raucher im Warmen

Andere Kliniken verbannen Raucher resolut ins Freie, im Großburgwedeler Krankenhaus dürfen sie den blauen Dunst immer noch im Warmen in die Luft blasen. Das ist jedoch seit Langem umstritten.

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Im Eingangsbereich des Krankenhauses sitzen die Raucher hinter Glas auf dem Präsentierteller. Immer gut gefüllt: die Aschenbecher neben den Sitzbänken vor dem Klinikeingang.

Quelle: Martin Lauber

Burgwedel. Aus der gläsernen Raucherlounge im Eingangsbereich seines Hauses an der Fuhrberger Straße könnte das Klinikum Region Hannover (KRH) marketingmäßig sicher mehr machen. Etwa so: „Raucher, kommt nach Großburgwedel! Hier habt ihr nicht nur regensichere Pavillons im Freien, sondern einen Platz im Warmen mit leistungsstarker Entlüftung, gepolsterten Freischwingern an Tischen, auf denen Aschenbecher stehen, und einen Kaffeeautomaten in Griffweite.“ Aber nichts liegt dem KRH ferner, als diesen Raucherbereich, den auch eigenes Personal nutzt und in dem Patienten aus der Schmerztherapie nachts soziale Kontakte pflegen, marktschreierisch anzupreisen.

Im Gegenteil - auf Anfrage vollführt KRH-Sprecher Bernhard Koch einen Eiertanz: Natürlich halte das Klinikum als Gesundheitsunternehmen jegliches Suchtverhalten für nicht gut. Gleichwohl werde in Großburgwedel das Rauchen gebilligt, „weil es sich um eine gesellschaftlich tolerierte Sucht handelt“.

Professor Dr. Michael Fantini hat als neuer Ärztlicher Direktor den für Raucher einzigartigen Status quo geerbt, den es so seit dem Umbau im Jahr 2003 gibt. Für zeitgemäß halte er so etwas persönlich nicht - allemal nicht in derart exponierter Lage. Gleichwohl verwendet auch der Facharzt für Anästhesiologe den Terminus von der „gesellschaftlich tolerierten Sucht“, um den Status quo zu rechtfertigen. Und er greift in die Historie zurück: „Das war 2003 sicher eine lobenswerte Idee.“ Vorher sei auf allen Balkonen und sogar heimlich auf den Toiletten in den Krankenzimmern geraucht worden. Mit dem Raucherraum sei dieser Missstand abgestellt worden.

Angesichts der laufenden Diskussion über die Medizinstrategie 2020 sieht der Ärztliche Direktor aber keinen kurzfristigen Handlungsbedarf. In einem Akutkrankenhaus mit kurzen Verweilzeiten von durchschnittlich fünf bis sechs Tagen müsse man nicht unbedingt den Ehrgeiz entwickeln, neben der Erkrankung, wegen der der Patient eingeliefert wurde, auch noch „die Krankheit des Rauchens“ kurieren zu wollen. Die Erfolgsaussichten wären ohnehin gering.

Und was sagen die Betroffenen? Elvira Maaß steckt sich als ambulante Patientin vor dem Heimweg im Raucherraum eine Zigarette an. „Die Debatte über den Raucherraum gab es von Beginn an“, berichtet die 62-jährige Isernhagenerin. „Wenn es so bleibt wie jetzt, ist es gut. Würde der Raum abgeschafft, würde ich das auch akzeptieren.“ Sie würde dann draußen auf einer der von Aschenbechern umstellten Bänke Platz nehmen.

„Hier kann man vor lauter Qualm kaum sitzen“, meint dort ein toleranter Nichtraucher. „Aber man kann ja weggehen.“ 20 Meter weiter ist zu sehen, was an anderen Kliniken der Platz für Raucher ist: der Glaspavillon im Freien. Ein 22-jähriger Raucher schwärmt, er habe dort sofort Anschluss gefunden. Sein Gesprächspartner, seit zehn Jahren Nichtraucher, findet die Diskussion über den Raucherraum überzogen. „In den Achtzigern“, erinnert er sich, „haben einen die Schwestern zum Rauchen noch auf den Gang geschoben.“

Lounge ist ein Alleinstellungsmerkmal

Die Tabaksucht endet nicht mit der Aufnahme im Krankenhaus – das ist auch bei Patienten anderer Krankenhäuser in der Region so. Das Angebot aber, das das Krankenhaus Großburgwedel seinen rauchenden Patienten macht, ist ein Alleinstellungsmerkmal. Überall sonst ist das Rauchen im Gebäude strikt untersagt – für Mitarbeiter wie Patienten.

Dieses Verbot gilt etwa auch im hannoverschen DRK-Krankenhaus Clementinenhaus. Laut Geschäftsführerin Birgit Huber darf im Haus definitiv keine Zigarette angezündet werden. Dafür wurde im Park der Klinik ein überdachter, wetterfester Pavillon errichtet. Gleichwohl sitzen ihren Angaben zufolge viele Patienten auf Parkbänken und qualmen im Freien. „Die Rauchsucht lässt sich offensichtlich nicht eindämmen“, sagt die Geschäftsführerin. Wegen des stricktes Rauchverbots laufen ebenfalls Patienten des Vinzenzkrankenhauses zum Beispiel mit Infusionsbeutel und Rollator zuhauf nach draußen. Dort stehen sie dann zusammen mit anderen Qualmern, teils mit Mantel überm Pyjama – selbst bei Regen und Minusgraden. „Raucher haben bei uns nur die Gelegenheit, im Garten den blauen Dunst ins Freie zu blasen“, erklärt Kaj Dohrmann, PR-Assistentin des Vinzenzkrankenhauses.

Auch das Gelände der MHH Hannover ist nach Aussage von Sprecher Stefan Zorn komplett rauchfrei. Lediglich in sogenannten Raucherpoints ist die Qualmerei erlaubt. „Sie sind zwar überdacht, aber bei 38 Grad wie auch bei minus elf Grad müssen die Patienten draußen ausharren.“ Eine Ausnahme bilde da nur die Psychiatrie, wo „das Rauchen einen medizinischen Effekt hat“, sagt Zorn.

von Martin Lauber und Katerina Jarolim-Vormeier

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