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Kochprojekt verbindet verschiedene Nationen

Burgwedel Kochprojekt verbindet verschiedene Nationen

Flüchtlinge, fremde Kulturen, Integration: Kaum ein Thema beschäftigt Menschen zurzeit mehr. Auch Nicole Friederichsen aus Großburgwedel hat sich gefragt, wie es gelingen kann, das man sich näher kommt. Und hat eine einfache Lösung gefunden: über das Kochen.

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Pizza aus Syrien: Farid Hussein hat in der syrischen Stadt Qamischli selbst ein Restaurant betrieben. Für "Miteinander kochen" bereitet er eine Pizza zu, wie er sie dort angeboten hätte. Projektinitiatorin Nicole Friederichsen notiert für das Buch nicht nur sein Rezept - auch Husseins Geschichte interessiert sie.

Quelle: Zottl

Thönse. "Edda! Komm her! Das ist lecker!" Fotografin Edda Wilkening kommt angelaufen. Vier, fünf Männer und Frauen umringen den Arbeitsplatz von Farid Hussein und bewundern den makellosen Pizzateig des 36-Jährigen. Als sie fotografiert, lächelt der Syrer strahlend in ihre Kamera.

Hussein, sein Teig und das Foto sind nur ein Bestandteil eines interkulturellen Projekts der Burgwedelerin Nicole Friederichsen. "Miteinander kochen“ lautet es -  Menschen aus verschiedenen Nationen erstellen gemeinsam ein Kochbuch. In dem Buch sollen neben dem Lieblingsrezept der Akteure nicht nur Mengenangaben und Kochhinweise stehen. "Wo kommst du her? Warum kochst du das?" Mithilfe dieser und ähnlicher Fragen will Friederichsen auch die Menschen hinter dem Rezept vorstellen. "Das Kochen ist eine nationalitätenübergreifende Ressource, ein Teil der eigenen Kultur - und auf die sind alle stolz", sagt Friederichsen.

Im Januar kam der Krankenschwester die Idee. Sie begann, ihre Kontakte als Trauerbegleiterin und Sprachlehrerin für Flüchtlinge zu nutzen und fand in ganz Deutschland Menschen, die Lust haben, ohne Bezahlung mitzuwirken: als Koch mit eigenem Rezept, als Fotograf, als Gastgeber, als Vermittler. Selbst der Göttinger Verlag, der das 90-seitige Buch herausbringen wird, verlangt kein Geld dafür; der Erlös aus dem Verkauf soll karitativen Zwecken zugutekommen.

Neustrelitz, Berlin, Wedel, Burgwedel, Lauterbach: Zurzeit ist Friederichsen ständig auf Achse. In der kommenden Woche wird sie in Köln in einem Flüchtlingsheim sein und dort gemeinsam mit einem Protagonisten kochen. Was sie dort für eine Küche erwartet? "Keine Ahnung", sagt sie unbekümmert. Denn das eigentliche Projektziel hat sie schon erreicht: An jedem Produktionstag bringt sie vermeintlich fremde Kulturen zusammen, hilft, Scheu abzubauen - bei sich, bei denen, die mitarbeiten und später beim Leser. Denn: "Es stecken so unfassbar viele Geschichten hinter jedem Menschen und seinem Rezept. Es wäre schade, sie nicht zu erzählen", sagt sie. Da es bei Weitem nicht alle ins Buch schaffen werden, betreibt sie einen Internetblog.

Auch Farid Husseins Geschichte wird erzählt: Denn dass er Pizzateig-Fladen so professionell hin und her wirft, kommt nicht von ungefähr. In seiner Heimatstadt Qamischli besaß er ein Restaurant, Burger und Pizza standen auf der Karte. Jetzt, acht Monate, nachdem er als Flüchtling nach Burgwedel kam, steht er für einen Nachmittag wieder in einer Restaurantküche – in der von Hinrich und Claudia Schulze. Die Inhaber des Thönser Gasthauses Lege haben einen Ruhetag verworfen, damit Hussein, eine zweite Syrerin, ein Paar aus Afghanistan sowie eine junge Göttingerin dort zubereiten können, was dann für das Buch abgelichtet wird.

Und das Gastronomenpaar packt kräftig mit an: Claudia Schulze sorgt dafür, dass die Gerichte in hübschen Schalen arrangiert werden. Und Gourmetkoch Hinrich Schulze lässt an diesem Tag Lachsmousseline und Rehbock-Terrine links liegen und bereitet für drei verhinderte Rezeptgeberinnen Spargelpizza, exotische Möhrensuppe sowie ein ägyptisches Gericht namens Molokhia zu, das er noch nie im Leben gekocht hat. Unter großem Gelächter versuchen alle gemeinsam, den richtigen Geschmack zu erarbeiten. "Es ist ein Geschenk", resümiert Friederichsen den interkulturellen Kochnachmittag, "wenn man mit Händen und Füßen kommuniziert und trotzdem so viel erfährt".

Verkaufserlös kommt Trauerbegleitern und Tafeln zugute

Kochen hilft: Nicht erst als Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit hat Nicole Friederichsen die positiven Effekte des gemeinsamen Kochens registriert. Die ersten Erfahrungen damit sammelte die Krankenschwester und Sozialwirtin bei ihrer Fortbildung zur systemischen Trauerbegleiterin. "Dort habe ich meine Abschlussarbeit über das Thema 'Kochen mit Trauernden' geschrieben", erinnert sich die Großburgwedelerin. Das gemeinsame Zubereiten von Mahlzeiten sei ein niedrigschwelliges Angebot, an dem sich fast jeder Mensch ein Stück weit beteiligen könne. "Jeder kann dabei etwas tun – und man ist in Gemeinschaft. Wer möchte, kann Erinnerungen teilen, wer nicht, muss es nicht tun", sagt sie.

Dass dieses Konzept auch bei der Flüchtlingsarbeit funktioniert, fand sie während ihrer ehrenamtlichen Einsätze als Sprachlehrerin für Geflüchtete heraus. "Mittwochs kamen meine Schüler immer zu spät, weil sie vorher noch zur Tafel-Ausgabe mussten. Dann kamen sie mit Taschen und Tüten voller Lebensmittel in den Unterricht. Diese Gegebenheiten habe ich in den Sprachunterricht eingebunden", erinnert sich Friederichsen. Sie erfuhr, dass viele Flüchtlinge abends oftmals gemeinsam kochten, unabhängig von ihrer Herkunft – die Idee zu "Miteinander kochen" war geboren.

Das Kochbuch wird laut Friederichsen voraussichtlich im Herbst 2016 im Göttinger Verlag "Die Werkstatt" erscheinen. Preis und ISBN-Nummer stehen zurzeit noch nicht fest. Der Erlös aus dem Buchverkauf geht an zwei karitative Einrichtungen: Nutznießer sind der Bundesverband Trauerbegleitung e.V., zu dessen Vorstand die Großburgwedelerin gehört, sowie der Bundesverband Die Tafel e.V.

Weitere Informationen und viele ergänzende Geschichten veröffentlicht Friederichsens in ihrem Blog unter miteinanderkochen.wordpress.com.

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Fotostrecke Burgwedel: Kochprojekt verbindet verschiedene Nationen

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