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„Oma“ öffnet viele Türen für Flüchtlinge

Großburgwedel „Oma“ öffnet viele Türen für Flüchtlinge

Ihre Flüchtlings-WG ist mehr als nur eine Notgemeinschaft: Dass sich sieben afghanische Männer in Großburgwedel ein bisschen als Familie fühlen dürfen, daran ist die 79-jährige Barbara Wilkening nicht ganz unschuldig. „She is like a Oma for us“, sagen die Flüchtlinge über die engagierte Großburgwedelerin.

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Die sieben Afghanen sind glücklich, in Großburgwedel „a good Oma“ gefunden zu haben. Wenn Barbara Wilkenings Sohn Ingo (hinten, Mitte) zu Besuch ist, unterstützt er seine Mutter.  

Quelle: Martin Lauber

Großburgwedel. Sie sind zwischen 18 und 40. Zwei Schneider sind darunter, ein Bauunternehmer, ein Maurer, ein Maler, ein Fliesenleger, ein Kinderarzt und Elektrotechnikstudent. Aber das sind Attribute aus der Vergangenheit. Nach wochenlanger Flucht waren die sieben Anfang Oktober in der Erstaufnahmestelle Friedland in einen Bus gesetzt worden. Fünf Schiiten und zwei Sunniten - in der Wohnung, in der die Stadt Burgwedel sie einquartiert hat, treiben Glaubensrichtungen keinen Keil zwischen die Landsleute. „Euer Gott wohnt auch in unserer Kirche“, mit diesen Worten hatte Barbara Wilkening die Asylbewerber bei einem Besuch in der Petrikirche beeindruckt. Das Weihnachtsfest haben die Moslems bei Christen im Familienkreis mitgefeiert - die Wilkenings war nur eine von vielen Familien, die über die Feiertage Flüchtlinge zu sich nach Hause eingeladen haben.

„Die Menschen sind nett zu uns“, sagt Serajuddin, der Kinderarzt, in etwas holprigem Englisch. In Burgwedel stünden Flüchtlingen viele Türen offen. Viermal die Woche gehen die Afghanen zum Sprachunterricht. Beim Fuß- und Volleyball, beim Schach, im Jugendzentrum und im IKM-Treff haben sie Anschluss gefunden.

Ihr WG-Asyl im ersten Stock ist so picobello, dass man vom Fußboden essen könnte. „Alle bedienen alle“, erklärt Damenschneider Mojtaba: Pflichten wie Kochen, Backen, Putzen und Aufwaschen gingen reihum, der geschenkte Heimtrainer werde brüderlich geteilt. Kartenspiele und Mensch ärgere dich nicht habe „Oma“ ihnen beigebracht. In den Stunden, die diese tagtäglich mit ihnen verbringt, lernen die Flüchtlinge viel über ihr Gastland. Hasan verleiht ihr den Ehrentitel „unsere Lehrerin“.

Ein Flüchtlingsmärchen mitten in Großburgwedel? Dass die Afghanen immer wieder daraus erwachen, ist dem offenen Ausgang ihrer Asylverfahren geschuldet. Und mehr noch der Allgegenwart dessen, was fehlt: Heimat, Familien, Freunde. Mehrere der Männer kommen aus der Provinz Ghazni, wo die Taliban viele ländliche Gebiete beherrschen. „Jede Nacht denke ich über die Zukunft nach“, sagt Serajuddin, der Frau, vier Kinder und ein Haus und einen Garten hinterlassen hat. In seiner Klinik musste er tagsüber verletzte Soldaten und nachts verletzte Taliban zusammenflicken - bei Letzteren steht er auf der Todesliste.

Wenn Mudasar Bilder seiner beiden kleinen Kindern auf dem Smartphone zeigt, treibt ihm die Sehnsucht Tränen in die Augen. Das Smartphone ist das Kostbarste, was er hat. Aber nicht nur die beiden Väter stehen täglich in Kontakt mit daheim. Barbara Wilkening versucht indes, Mudasars lähmende Sorge um seine Familie in Schach zu halten. Der 29-Jährige hatte für US-Streitkräfte und die Nato Straßen gebaut. Morddrohungen der Taliban ließen ihm nur die Flucht. Hasan war fünf Wochen unterwegs - die Blasen an seinen Füßen sind noch nicht verheilt: „1000 Kilometer in falschen Schuhen“, sagt er - und lacht.

Von Martin Lauber

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