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Jeder in der Klasse hat seine Stärken

Großburgwedel Jeder in der Klasse hat seine Stärken

Die Pestalozzi-Schule ist weit über die Grenzen Burgwedels hinaus für ihre Förderklassen "Emotionale und Soziale Entwicklung“ bekannt. Dass aber auch Kinder mit geistiger Behinderung dort ihre komplette Schullaufbahn absolvieren können, wissen nur wenige Eltern. Ein Besuch im Klassenzimmer.

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Eine Umarmung von Klassenlehrerin Gundula Kaminke gehört in der Förderklasse zum Alltag.

Quelle: Carina Bahl

Großburgwedel. Auf den ersten Blick könnte sich das Klassenzimmer in jeder Grundschule befinden: Viele bunte Bilder und warme Farben an den Wänden strahlen Gemütlichkeit aus. Aber es sind keine Sechsjährigen, die dort pünktlich um 8 Uhr morgens eintreffen – es sind 15- bis 18-Jährige. Klassenlehrerin Gundula Kaminke und Erzieher Jens Siegner unterrichten nur sechs Schüler in der Förderklasse "Geistige Entwicklung“. Alle sind geistig behindert und werden individuell gefördert.

Liebevoll positioniert Tim frühmorgens seine beiden Teddys auf dem Tisch und streichelt ihnen über den Kopf – sie geben ihm Halt, er spricht mit ihnen. Irritieren tut das niemanden. Im Gegenteil: Seine Klassenkameraden akzeptieren das. "In einer Regelschule fänden andere das im besten Fall niedlich“, weiß Siegner. Im schlechtesten Fall würde Tim dafür ausgegrenzt und gehänselt.

Heute ist Praxistag. In Dreiergruppen geht es in die Küche und in den kleinen Werkraum. Der 18-jährige Emil zeichnet dort hochkonzentriert auf Holzleisten Zahlen – in exakten Abständen. Tim bohrt derweil mit Begeisterung Löcher in eine Baumscheibe. "Das wird ein Insektenhotel“, erzählt er – und lädt ohne jede Scheu die fremde Besucherin von der Zeitung zu einem Spiel ein, das er für den jährlichen Pestalozzi-Basar gebaut hat. Mit einem Körnerkissen gilt es dabei, das Loch in einem Holzbrett zu treffen. "Na gut“, zeigt sich Tim ganz fair, "als Anfängerin darfst du dich näher an das Brett dran stellen.“

Emil hat autistische Züge, Tim ist manchmal übermütig und tut sich schwer, weiter als bis Drei zu zählen. "Jeder hat hier ein Talent, und darauf kommt es an“, betont Siegner, der freundschaftlich seine Jungs zu fördern und im Zweifelsfall zu bremsen weiß. "Nähe und Emotionen muss man zulassen können. Wir sind hier eine Familie“, sagt Siegner. Das sieht man.

Auch in der Küche wird dieses Prinzip gelebt: Gemeinsam wird heute eine Suppe zubereitet. Philipp, der Jüngste in der Klasse, braucht seine Zeit, um in Worte zu fassen, was er auf dem Tisch sieht. Dennoch erkennt er sofort die Sahne und den Kürbis, stellt sich geschickt an beim Schnippeln des Gemüses. Dass er spontan eine Umarmung von seiner Klassenlehrerin einfordert und genießt, ist in Ordnung. Auch Maja und Katharina, die wie viele täglich mit dem Schul­taxi in die Pestalozzistraße kommen, können mit Philipps Bedürfnis nach Nähe inzwischen umgehen. "Und wenn ich das nicht will, dann sag ich ihm das einfach“, erklärt Katharina, während sie Philipp kurz den Halt gibt, den er braucht, und sich anschließend mit Maja gut gelaunt Schürzen umschnürt.

Kochen und Werken – das ist der Praxistag. Generell ist der Stundenplan praxisnah gestaltet. Zuverlässigkeit, sich an Regeln zu halten, Kritik anzunehmen – darum geht es. Deutsch und Mathe gibt es aber auch, sind doch gerade Kulturtechniken wie Rechnen, Lesen und Schreiben Grundvoraussetzung für viele Berufe. Dennoch: Jeder wird nur so gefordert und gefördert, wie er es kann. "Der eine übt Bruchrechnung, beim anderen geht es darum, Rechts und Links unterscheiden zu lernen“, erklärt Kaminke.

Die Pestalozzi-Stiftung will ihren Schülern das Maximum ermöglichen: Die Kinder sollen auf einen Beruf vorbereitet werden und wissen, dass sie wie alle Menschen ein Recht auf einen Job haben. Sie sollen den Mut bekommen, ihr Leben selbstständig zu meistern. "Auch ein Autist kann später bei SAP Programmierfehler aufdecken oder in einer Kaffeerösterei ein exzellenter Barista werden“, betont Stiftungssprecherin Lilian Gutowski. "Wir wollen mehr erreichen für die Schüler als eine reine Akzeptanz auf einer Insel.“

Sechs Förderklassen "Geistige Entwicklung“ gibt es bei Pestalozzi. Die Schüler könnten theoretisch zwölf Schuljahre dort verbringen. Aber selten kommt es dazu. "Viele haben eine wahre Odyssee des Scheiterns hinter sich, wenn sie bei uns ankommen“, weiß Kaminke. Misserfolge in Regelschulen, ein langer Weg bis zur Feststellung des Förderbedarfs hätten sie gezeichnet. "Bei uns sollen die Kinder das Gefühl haben, zu genügen, komplett zu sein“, beschreibt es die Lehrerin. "Hier bekommen sie die Stabilität, die sie verdienen.“ Nicht Schwächen stünden im Fokus, sondern ihre individuellen Stärken.

Erfolge zu erleben, darum geht es auch bei den Projekten. So stand kürzlich Schwimmen auf dem Stundenplan. "Ich bin das erste Mal gerutscht“, ruft Tim. "Und ich habe 17 Bahnen geschafft“, erzählt Emil. Ein Lächeln huscht über beide Gesichter, als Tim Emil anerkennend auf die Schulter klopft.

Von Carina Bahl

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