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Im Hastbruch fließt keine Milch mehr

Burgwedel Im Hastbruch fließt keine Milch mehr

Feuchtes Grünland, so weit das Auge reicht, erstreckt sich nördlich von Wettmar und Engensen. 37 Jahre lang war der Hastbruch Sommerquartier und Melkplatz der Milchkühe von Petra und Hans-Heinrich Küster. Doch diese Woche hieß es Abschiednehmen von der Herde – das Wettmarer Ehepaar gibt die Weidemilchviehhaltung auf.

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Hans-Heinrich Küster, Milchbauer a. D.

Quelle: Chadde

Wettmar. Die Abendsonne senkt sich über das Landschafts- und Wasserschutzgebiet. Ein weißer Bulli kommt angebraust und hält an einer Weide mit
50 Milchkühen. Petra (57) und Hans-Heinrich Küster (61) steigen aus und bereiten mit routinierten Handgriffen das abendliche Melken ihrer schwarzbunten Herde vor. Blitzendes Gestänge wird an der Decke des blechernen Melkschuppens befestigt, die selbst gepolsterten Melkschemel zurechtgerückt.

Die meisten Tiere kennen die Routine und kommen von alleine angezuckelt. Wie Schulkinder stellen sie sich vor der Seil-Absperrung auf. Und ein bisschen Gerangel gibt es auch, während das Landwirtspaar sechs Milchgeschirre in Stellung bringt. Der Motor der Weidemelkanlage wird aus einem mitgebrachten Kanister mit Benzin betankt und springt ratternd an, dann kann es losgehen.
Jeweils sechs Kühe werden in die einzelnen Boxen getrieben, ihre vier Zitzen ein bisschen stimuliert, dann die Vakuumpumpen angesetzt. Die abgezapfte Milch fließt in den 1000-Liter-Tank des Milchbullis, der alleine bei Küsters schon seit 1992 im Dienst steht. „Na, Frieda“, begrüßt Hans-Heinrich Küster die elf Jahre alte Veteranin seines Bestandes. Jedes Jahr Ende April/Anfang Mai kam sie mit der Herde auf die Weidefläche im Hastbruch, im Oktober ging es wieder in den Wettmarer Anbindestall. Zehn Kälber hat Frieda geboren.

Doch für jeden Liter ihrer Milch gibt es derzeit nur 24 Cent. „Personalkosten haben wir ja keine“, sagt Petra Küster, obwohl sie weiß, dass das eine Milchmädchenrechnung ist. Auf den Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde kommen die Küsters mit ihrem Milchvieh nicht – der Milchpreis deckt gerade mal die Haltungskosten. Und jetzt stünden Investitionen an – in Kühlung, Bulli, Melkgeschirr. Da zieht das Ehepaar lieber einen, wenn auch schmerzhaften, Schlussstrich.

Der Melktermin war immer Pflicht

Seit 1979 haben morgendliches und abendliches Melken den Tag des Landwirtsehepaares strukturiert, das in diesen 37 Jahren vier Kinder groß gezogen hat. „Wenn ich um 15 Uhr zum Kaffeetrinken eingeladen bin, werde ich spätestens um 17 Uhr unruhig“, berichtet Petra Küster. „Der Melktermin ist Pflicht.“ Nein, er war Pflicht: Anfang dieser Woche wurden die ersten der Tiere abgeholt. Da hoffte sie noch insgeheim, dass der Transporter eine Panne hat. Zwischen den klirrenden Absperrketten ihres Melkstandes klang das fast wie ein Wunsch.

Petra Küster beim Melken.

Quelle: Chadde

Jetzt ist der letzte Abend im Hastbruch, bei dem das Ehepaar seinen kompletten Bestand um sich geschart hat. „Dann könnt ihr mal richtig Urlaub machen“, versuchen Familie und Freunde die positive Seite hervorzukehren. „Ich wollte ja immer mal nach Kanada“, sinniert Hans-Heinrich Küster, während mit der Abenddämmerung feuchte Kühle in den Melkstand einzieht. „Bald ist die Ausrede weg“, sagt er leise und wendet sich den nächsten vier Kühen zu. „So, die Damen, jetzt aber zackig“, treibt er sie in den Melkstand.

Ein Mann und zwei Kinder kommen ans Weidetor. „Na, ihr Urlauber“, begrüßt sie Hans-Heinrich Küster. „Wollt ihr helfen?“ Der Zusammenhalt in der Familie und mit den Helfern war immer das Schönste, findet Petra Küster. Wie sie das mit vier Kindern und der Arbeit im Betrieb geschafft hat, kann sie gar nicht mehr nachvollziehen. Aber bei den Küsters war immer klar, dass die drei Töchter und der Sohn mit anpacken. „Immer hatte einer Konfirmation, die Schule oder den Führerschein fertig – es war dauernd was los“, erinnert sich die 57-Jährige.
Eine Woche Urlaub in Cuxhaven für sie und die Kinder war aber jeden Sommer drin. „Mein Mann hat uns freitags hochgebracht, ist zurück auf den Hof und hat uns am darauf folgenden Wochenende wieder abgeholt“, das war Tradition. Wenn Not am Mann war, ist immer jemand eingesprungen.

Ausgemolken: Was kommt jetzt?

Wie sie jetzt mit der pflichtbefreiten Zeit umgehen werden, das wissen die Küsters noch nicht. „Wahrscheinlich renne ich ein bisschen kopflos durch die Gegend“, vermutet sie und begrüßt Aushilfsmelker Christian und Sohn Ben herzlich. „Wir wollten uns doch verabschieden“, sagt der braun gebrannte Mann, reicht eine Milchkanne an, tätschelt einer braun-weißen Kuh den Stert und lässt den Rest seines Satzes verklingen.
Die Kühe sind ausgemolken und werden mittlerweile vom Licht des Vollmondes beschienen. Aufsteigender Abendnebel hüllt sie ein. Es wirkt, als würden sie schweben. Ob Fußgängern und Radfahrern im nächsten Frühjahr auffallen wird, dass die Weidemilchkühe, die längst schon eine Rarität waren, fort sind aus dem Hastbruch?

Dass die Herde auf einem Hof bei Bremen zusammenbleiben wird, ist Hans-Heinrich Küster wichtig. Nach rund zwei Stunden bauen er und seine Frau die Milchleitung wieder auseinander, steigen in ihren 31 Jahre alten Milchbulli. Als sie auf ihren Hof einbiegen, heben die 2016 geborenen Kälber neugierig die Köpfe. Am nächsten Abend werden auch sie fort sein – und die Küsters bleiben zurück.

Von 26 auf null in 25 Jahren

Noch 1992 waren es insgesamt 26 melkende Betriebe aus Engensen, Wettmar und Thönse, die rund 500 Milchkühe im Hastbruch weiden ließen. Mit Küsters Herde verschwindet dort mit den letzten Milchkühen auch der letzte Melkstand.

Neben der Agrarpolitik spielt die Produktivitätsentwicklung eine entscheidende Rolle beim Verschwinden des Milchviehs aus dem regionalen Landschaftsbild. Wer in einen modernen Boxenlaufstall mit Futterwagen investiert, muss 30 bis 35 Arbeitsstunden pro Jahr und Kuh veranschlagen. Ein Durchtreibemelkstand mit Anbinde- oder Weidehaltung, wie bei Petra und Hans-Heinrich Küster, kostet dagegen 80 bis 90 Arbeitsstunden pro Jahr und Kuh.

Eine Milchkuh liefert im Jahr durchschnittlich 9000 bis 13 000 Liter Milch, für die aktuell 24 Cent pro Liter gezahlt werden. Neben dem Stellplatz braucht eine Milchkuh täglich 120 Liter Wasser, 50 Kilogramm Frischfutter, Gras, Maissilage sowie Schrot.

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