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Post aus Frankreich lüftet Geheimnis

Wettmar/Domfront Post aus Frankreich lüftet Geheimnis

Unweit von Burgwedel spielte sich am 8. April 1945 ein finsteres Kapitel der deutschen Geschichte ab: die sogenannte Celler Hasenjagd. Der erste Nachkriegsbürgermeister von Burgwedels Partnerstadt Domfront entkam bei dieser mörderischen Menschenhatz auf KZ-Häftlinge.

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Dirk Bode hat dank langjähriger Kontakte nach Frankreich dazu beigetragen, das Rätsel um die jahrzehntelang verschollenen Dokumente aufzuklären.

Quelle: Jürgen Zimmer

Wettmar. Im Sommer 2011 meldet sich ein 91-jähriger Mann aus Celle in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora bei Nordhausen: Ob Interesse an etwa 150 Zeichnungen von Häftlingen und Tagebuchaufzeichnungen aus dem KZ bestehe. Seine Schwiegermutter habe die Mappe im April 1945 in ihrem Schrebergarten nahe des Celler Bahnhofs gefunden.

Und ob Interesse besteht! Handelt es sich doch um authentische Quellen für die dramatischen Ereignisse während der Räumung der Lager, der Todesmärsche und der Massaker an KZ-Häftlingen im April 1945. Anhand der Beschriftungen sind der französische Oberst Camille Delétang als Urheber der Porträtzeichnungen und der Arzt Armand Roux als Verfasser der handschriftlichen Dokumente schnell identifiziert. Beide überlebten die Deportation und spielten nach dem Krieg eine wichtige Rolle in Überlebenden- und Veteranenverbänden.

Der Zufall spielt mit

Ebenfalls im Sommer 2011 erhält in Wettmar der pensionierte Französischlehrer Dirk Bode von einer befreundeten Kollegin in Frankreich zwei Stapel Kopien: Einen 400 Seiten umfassenden, bis dahin unveröffentlichten Bericht, der ebenfalls von dem Lagerarzt Armand Roux stammt. Darin schildert dieser seine Erlebnisse zwischen 1944 und 1945 in deutschen Konzentrationslagern.

Der zweite Stapel besteht aus kopierten Seiten aus einem Buch mit dem Titel „Agents d’evasion“ (Fluchthelfer) eines Widerstandskämpfers und KZ-Häftlings namens André Rougeyron, den Roux in seinem Bericht erwähnt und den Delétang gezeichnet hat.

Den Bericht von Armand Roux gibt der Wettmarer an die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen weiter. Überraschend stellt sich heraus, dass er sich gut mit dem Fund im Celler Kleingarten ergänzt.Die gesamte Geschichte um die 66 Jahre lang verschollenen Porträtzeichnungen von Camille Delétang kann nun erzählt werden.

Im „Kommando Hecht“ bei Holzen im Weserbergland, einem Nebenlager des KZ Buchenwald, hatte Camille Delétang seine Zeichnungen dem Lagerarzt Roux anvertraut, weil er fürchtete, die kräftezehrende Zwangsarbeit beim Bau des unterirdischen Rüstungskomplexes Mittelbau-Dora nicht zu überleben.

Bomben, Flucht, Hatz

Roux hielt die Zeichnungen zusammen mit seinen eigenen handschriftlichen Notizen in einer Kladde versteckt. Als Anfang April 1945 die Häftlinge aus Holzen und anderen KZ-Lagern nach Bergen-Belsen transportiert werden sollten, gerieten sie am 8. April auf dem Celler Bahnhof in ein Bombardement von 130 amerikanischen Flugzeugen. Dass in den offenen Kohlewaggons Häftlinge transportiert wurden, konnten die Alliierten nicht wissen. Wer die Bomben überlebt hatte, rannte, flüchtete. Roux wurde in dem Durcheinander die Mappe mit den Zeichnungen entrissen - und wenig später in den Schrebergarten einer Cellerin geworfen, die sie all die Jahre fein säuberlich geordnet aufhob.

Dem Bombardement schloss sich etwas an, das später unter dem zynischen Begriff „Celler Hasenjagd“ traurige Berühmtheit erlangte: Zivilisten beteiligten sich an der Hatz auf flüchtende KZ-Häftlinge. Von den 4000 Häftlingen, darunter 1200 Frauen und Kinder, überlebten nur etwa 1100 Bombenhagel und Massaker. Sie wurden nach Bergen-Belsen getrieben, unter ihnen Roux und Delétang.

„Im Zeichen des Zebras“

Da die Gedenkstätte Bergen-Belsen nicht die Kapazitäten hatte, den Bericht von Roux zeitnah zu übersetzen, machte Dirk Bode sich an die Arbeit und trans­kribierte jene Teile des Berichts, die im Lager Holzen und in Celle spielen: „Im Zeichen des Zebras - Dinge, die ich in deutschen Lagern von 1944 bis 1945 gesehen und erlebt habe“. Das Buch soll bis Mitte 2015 in Deutschland erscheinen.

Die Zeichnungen von Delétang (1886-1969) und die Tagebucheintragungen von Roux (1886-1960) sind bereits 2013 unter dem Titel „Wiederentdeckt - Zeugnisse aus dem Konzentrationslager Holzen“ von der Gedenkstätte Mittelbau-Dora veröffentlicht worden. Im Rahmen einer Wanderausstellung werden sie am kommenden Sonntag in Latillé, dem Wohnort von Armand Roux, erstmals gezeigt. Die Enkel veröffentlichen zeitgleich sein Manuskript unter dem Titel: „Von Poitiers nach Bergen-Belsen“ in Frankreich. Sie stehen mit Dirk Bode in engem Kontakt, der das alles mit ins Rollen gebracht hat.

Von Jürgen Zimmer

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