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Rabbiner: Gedenken allein ist zu wenig

Burgwedel Rabbiner: Gedenken allein ist zu wenig

Burgwedels erster Stolperstein – am Montagnachmittag verlegt für den jüdischen Arzt Dr. Albert David – steht nicht allein für einen Blick zurück auf NS-Terror und Rassenwahn. Dass viele Bürger eine neue Erinnerungskultur begrüßen, dokumentierten gut 130 Gäste der Abendveranstaltung im Amtshof.

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Gunter Demnig über seine Stolpersteine: „Willst du sie lesen, musst du dich vor dem Opfer verbeugen.“

Quelle: Martin Lauber

Burgwedel. Trotz aller Traurigkeit über den Tod der unschuldigen Opfer, so Bürgermeister Axel Düker in seiner Begrüßung, sei er auch froh darüber, „dass wir nach den vielen Jahren der intensiven Debatte um die NS-Geschichte unserer Stadt das Stolperstein-Projekt als gemeinsame Aufgabe von Politik und Bevölkerung begonnen haben“. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte solle die Erinnerung an die Opfer dauerhaft im Bewusstsein der Stadtgesellschaft erhalten.

Nicht allein der Arbeitskreis Stolpersteine unter Leitung von Großburgwedels Ortsbürgermeister Rolf Fortmüller setzt sich mit den Schicksalen der lokalen NS-Opfer auseinander. Am Gymnasium haben sich zwei Schülerinnen mit Antisemitismus und der Biografie von Albert David beschäftigt. Sie durften im Amtshof aus ihren Seminararbeiten vortragen. Stolpersteine riefen gerade jungen Menschen ins Bewusstsein, dass Judenverfolgung „nicht eine Geschichte irgendwo in Deutschland“, sondern Realität auch in der eigenen Stadt war, erklärte die 17-jährige Sarah Schröder. Antisemitismus habe 1945 nicht aufgehört, dürfe nie bagatellisiert werden. Ein kleiner Kreis mutiger Protestanten in Großburgwedel sei Dr. Albert David bis zu seinem Freitod am 19. Mai 1940 treu geblieben, auch daran erinnerte die 17-jährige Kristin Greite.

„Hätte es damals mehr helfende Nachbarn gegeben, wir müssten heute nicht so viele Stolpersteine setzen“ - der das sagte, hat den Holocaust im Budapester Getto überlebt: Gabor Lengyel, Jahrgang 1941, dessen Eltern 1944 deportiert wurden. Der Rabbiner der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover erklärte: Auch wenn die Juden selbst solcher Gedenkorte nicht bedürften, sei er ein Stolperstein-Befürworter. Gedenken allein sei aber zu wenig. „Was die Opfer am meisten verletzt, ist das Schweigen der anderen.“ In diesem Sinne „würde ich mich sehr freuen, Sie bei Aktionen für Flüchtlinge oder Demonstrationen gegen Rassismus wiederzusehen“, so Lengyel.

Im ersten Teil des Abends hatte das Auditorium den Erfinder der Stolperstein-Idee kennengelernt. Der 67-jährige Gunter Demnig war zeitlebens ein Spurenleger. Obwohl er mittlerweile mehr als 53 000 Stolpersteine weltweit gesetzt hat, bewege ihn noch immer jedes einzelne Schicksal. Burgwedel beglückwünschte der Bildhauer, aller NS-Opfergruppen gedenken zu wollen - auch der Opfer der Euthanasiemorde, der Sinti und Roma, der Säuglinge aus der „Ausländerkinder-Pflegestätte“.

Berührend waren die pianistischen Intermezzi: Musikprofessorin Erika Lux interpretierte Werke jüdischer Komponisten, darunter Louis Lewandowski und Anton Rubinstein.

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