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Richter bricht Verhandlung wegen unglaubwürdiger Zeugen ab

Dement, unwissend, unkooperativ Richter bricht Verhandlung wegen unglaubwürdiger Zeugen ab

Der eine leidet unter der Demenz, der zweite kann sich nicht richtig erinnern und das Opfer verweigert zunächst die Aussage: In Burgwedel hat ein Richter am Freitag ein Strafverfahren wegen Diebstahls eingestellt, da keiner der Zeugen glaubwürdig schien.

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„So etwas habe ich in meinem Beruf noch nicht erlebt“, entfuhr es Amtsrichter Michael Siebrecht, nachdem er einen 38-Jährigen freigesprochen hatte.

Quelle: Symbolbild

Burgwedel. „So etwas habe ich in meinem Beruf noch nicht erlebt“, entfuhr es Amtsrichter Michael Siebrecht, nachdem er einen 38-Jährigen freigesprochen hatte. Sämtliche Zeugen hatten sich bei der Befragung selbst disqualifiziert.

„Wenn Zweifel bleiben, reicht das eben für ein Urteil nicht“, sagte Siebrecht. Und dass die Zweifel blieben, dafür hatten die Zeugen einiges getan. Als der Protokollant sich zu Beginn der Sitzung mit dem Satz „Alle Zeugen bitte auftreten“ versprach, wusste noch keiner, wie recht er damit haben sollte. Denn die folgende Beweisaufnahme glich den Prozessen im Fernsehen - zur Freude der vielen Schüler, die im Saal waren.

Die Anklage warf dem 38-Jährigen vor, Geld und Schmuck aus der Handtasche einer jungen Wedemärkerin sowie eine Kamera und ein Handy aus dem Haus eines Anwalts gestohlen zu haben. Zudem sollte der Mann in die Kanzlei des Anwaltes eingestiegen sein - allerdings ohne Beute zu machen.

Zeuge eins war dementsprechend gewählt: der Anwalt. Der 86-Jährige ist allerdings inzwischen dement und verlor schon in der Aufnahme der Personalien bei der Frage, wie alt er denn sei, seine Glaubwürdigkeit: „Ich schätze irgendetwas zwischen 20 und 30 Jahren, Tendenz eher zur 30“, sagte er aus - und wurde vom Richter höflichst verabschiedet.

Als Zeuge zwei stellte sich der Sohn des Anwaltes vor: Dement war dieser nicht, aber gesehen hatte er von Einbruch und Diebstahl auch nichts. „Aber ich traue ihm das absolut zu. Es kann sonst niemand gewesen sein“, plädierte der 52-Jährige für eine Verurteilung. Dass auch er mit seinem Vater im Clinch liegt, dass auch er zur Tatzeit im Haus wohnte und selbst ebenfalls nur wenig Geld hatte, ließ er außen vor. „Bisher können wir die Belastungszeugen vergessen“, zog Siebrecht eine Zwischenbilanz.

Als Zeuge drei war die angeblich bestohlene Frau geladen. Die Zeugin hatte der Polizei alle Details erklärt - und schwieg im Gerichtssaal dennoch: „Wir vertrauen uns wieder, ich will ihn nicht belasten. Ich sage dazu einfach nichts“, beharrte die 31-Jährige. Erst als Siebrecht zwei Wachtmeister rief und mit Beugehaft drohte, bestätigte die Frau den Vorfall. Aber war diese Aussage jetzt handfest? „Mir liegt hier eine Betreuungsakte aus dem Tatzeitraum für die Zeugin vor“, betonte Siebrecht - Schizophrenie habe der Gutachter damals diagnostiziert. Und ähnliche Diebstahlsvorwürfe habe sie auch ihrem Mann in der akuten Phase gemacht.

Die Zeugen vier bis sechs - Bruder, Onkel und Cousin des Angeklagten, die sein Alibi bestätigen sollten - wurden gar nicht mehr befragt. Nur eine Zigarettenkippe mit DNA des Angeklagten, die in der Kanzlei gefunden worden war, stand am Ende als objektiver - aber unzureichender - Beweis im Raum. „Lieber lasse ich zehn Leute laufen, die es vielleicht gewesen sind, als einen Unschuldigen zu verurteilen“, sagte Siebrecht.

von Carina Bahl

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Von Redakteur Grit Hempelt

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