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Schluss mit Schubladenschreiben

Burgwedel Schluss mit Schubladenschreiben

Evelin Niemeyer-Wrede (46) ist seit 20 Jahren Krankenschwester, seit zehn Jahren Großburgwedelerin und seit diesem Jahr Autorin. Über diesen Weg und ihr erstes Buch „In der Flucht“ hat sie mit uns gesprochen.

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„Berufsautorin ist für mich nicht wirklich ein Ziel“: Evelin Niemeyer-Wrede.

Quelle: Picasa

Burgwedel. Wie kommt man denn vom Krankenbett an den Schreibtisch?

Ich glaube, überhaupt nicht. Die beiden Seiten meines Lebens sind unabhängig von einander. Ich habe in der Jugend gern geschrieben - vom Tagebuch bis zu Theaterstücken. Aber dann ist das Hobby ein wenig versandet. (überlegt) Okay, zugegeben: vollends versandet.

Aber dann gab es diesen einen Schlüsselmoment, der Autoren zum Schreiben bringt, richtig?

Das sollte so sein, nicht wahr? Ehrlich gesagt, war dieser Moment einfach das Leben. Nach mehr als 20 Jahren auf Intensivstationen war ich satt, musste mich verändern. Haus, Mann, Kind: Alles war da - und vor vier Jahren waren es dann endlich auch die Zeit und die Muße, wieder einmal etwas zu schreiben.

War es schwer, wieder mit dem Schreiben anzufangen? Gab es die Angst vor der leeren Seite?

Irgendwie nicht. Ich war hochmotiviert, hatte in drei Monaten meinen ersten Roman fertig. Aber als Erwachsene muss man ja immer alles professionalisieren: In autodidaktischen Studien und Internetforen lernte ich, wie man richtig schreibt. Im Nu war auch ein zweiter Roman fertig.

Wo kann man die beiden lesen?

Nirgends. Das traue ich mich selbst nicht mal. Der Erste war von der Form her grausam, der Zweite dann das Ergebnis von zu viel Überlegung. Beide liegen ganz tief in einer Schublade bei mir zu Hause - und da werden sie auch für immer bleiben.

Wie steht Ihre Familie zu Ihrem Hobby? Schließen Sie sich zum Schreiben im Keller ein?

Es gibt Wochen, da bleibt für das Schreiben alles liegen, und es gibt Wochen, da bleibt das Schreiben für die Familie liegen. Die ist stolz auf mich. Ich habe das Hobby meines Mannes eingebunden und eines seiner Fotos als Cover genommen.

Ihr Buch „In der Flucht“ spielt in einem Krankenhaus. Vermischen sich Ihre beiden Seiten da doch?

Das Setting ist ein Krankenhaus. Aber das liegt nur daran, dass ich mich in Krankenhäusern auskenne. Die Handlung hätte auch in einer Werbeagentur oder überall sonst spielen können - aber so eine habe ich noch nie von innen gesehen.

Jetzt stelle ich die Frage doch: Was will die Autorin uns denn mit Ihrem ersten Buch sagen?

Es geht um Ansprüche: Ansprüche, die Chefs, die Gesellschaft und man selbst an sich stellt. Jeder versucht heutzutage, allem und allen gerecht zu werden. Die Frage, wohin man selbst möchte, was einen glücklich macht, die wird nicht mehr gestellt und schon gar nicht beantwortet.

Ein Beispiel dafür wäre?

Die Illusion der Powerfrau. Heutzutage leitet Frau mit links einen Konzern und wischt mit rechts die Schokoschnute ihres Kindes ab. Anfang 30 soll sie alles auf einmal realisieren: Karriere, Kind, Haus und die Pflege der Eltern. Die Frage muss sein, was man davon schaffen möchte und nicht, wie man alles schafft.

Das klingt, als wollten Sie mit Ihrem Buch etwas bewirken. Ist das so?

Ich glaube nicht, dass mein Buch jemanden bekehren wird. Aber vielleicht ist es ein kleiner Denkanstoß. Ich halte nichts von Interpretationen. Bücher wirken unbewusst, sie wecken ein Gefühl, oder sie tun es nicht. Das ist ihre einzige Chance, nachzuwirken.

Welche Bücher wirken denn bei Ihnen nach?

Das eine Lieblingsbuch habe ich nicht. Nick Hornby mit seinem sehr guten Einfühlungsvermögen für die heutige Zeit und Jane Austen mit ihren gestochenen Dialogen lese ich gern.

Berühmte Namen. Wie schwer war es für Sie als Anfängerin, einen Verlag zu finden?

Es braucht Geduld und ein dickes Fell. Mehr als 95 Prozent der sogenannten „unaufgefordert eingereichten Manuskripte“ werden abgelehnt. Bei den großen Verlagen habe ich gar nicht erst gefragt. Sechs Agenturen lehnten mich ab, bei zehn mühsam recherchierten Kleinverlagen war dann einer dabei, der sagte: Wir machen das. Das war mein persönlicher Ritterschlag.

Zur Person

Evelin Niemeyer-Wrede ist 1967 in Sulingen geboren – einem, wie sie sagt, „kleinem Örtchen irgendwo zwischen Hamburg und Bremen“. Als sie ihren Mann aus der Wedemark kennenlernte und dieser zu Großburgwedel sagte: „Das ist eine schöne Ecke, da kenn ich mich aus“ – da überlegte Niemeyer nicht lang und zog vor zehn Jahren um. Die gelernte Krankenschwester und Mutter eines Sohnes arbeitet seit mehr als 20 Jahre in einem Krankenhaus in Hannover, zunächst stets „an der Front“ in der Intensivstation. Vor drei Jahren beendete Niemeyer dann die aktive Pflege am Krankenbett und zog sich in den administrativen Krankenhausbereich zurück. „In der Flucht“ ist Niemeyers erstes Buch, das verlegt wurde. Es ist überall erhältlich, muss jedoch in Buchhandlungen meist vorbestellt werden. Einen Blog zum Buch gibt es im Internet auf inderflucht.blogspot.de.

Wie lang hat es dann noch gedauert bis zur Veröffentlichung?

Rund ein Jahr. Ich bekam einen Lektor in Bonn, der das Manuskript sieben Mal bis ins Detail mit mir durchgegangen ist.

Sieben Mal? Dann hatten Sie eine Zweitwohnung in Bonn?

Nein (lacht). Das meiste ging per Mail. Von der groben Struktur bis zum Kommafehler haben wir das Buch durchgearbeitet. Und kaum war es verlegt, musste ich mit Lesungen beginnen.

Kann man danach sein eigenes Buch noch sehen?

Ich kann es jetzt fast auswendig. Aber Lesungen vorzubereiten, zu überlegen, was ich dem Publikum aus meinem Buch anbiete, war eine tolle Aufgabe.

Und wie war die Premiere? Schreiben ist ja nicht gleich Vorlesen...

Es war aufregend. Allerdings hatte ich mit meinem Sohn ja einen guten Trainer. Kinder sind ein sehr kritisches Publikum. Wenn er ging, wusste ich: Du hast es vergeigt. Erwachsene sind da ja meist höflicher.

Sie waren jetzt in Langenhagen zu Gast. Wann hört man Sie denn mal in Großburgwedel?

Ehrlich? Das traue ich mich noch nicht. Im Amtshof lesen oft so große Autoren …. Meine Freunde und Familie kennen mein Buch. Das heißt, ich müsste darauf setzen, dass sich genug finden, die sich ehrlich für mein Werk interessieren. Wie fühlt man sich wohl, wenn man im großen Amtshof vor nur sechs Zuhörern liest? Lieber nicht.

Soll das Hobby denn einmal zum Beruf werden?

Da bin ich Realistin. Für mich gilt es jetzt meinen Anspruch zu erfüllen, die Leidenschaft für das Schreiben nicht wieder zu verlieren. Das vierte Buch ist in der Mache. Berufsautorin ist für mich nicht wirklich ein Ziel.

Warum nicht?

Es gibt dann Deadlines und Zeitdruck. Die Verlage wollen Ergebnisse sehen. Das könnte ich nicht. Jetzt kann ich einen ganzen Vormittag für drei Zeilen verschwenden und diese, wenn ich möchte, am Nachmittag einfach wieder löschen. Ich muss nie eine Arbeit abliefern, mit der ich unzufrieden bin. Und wenn ich einmal unzufrieden bin, dann kann ich mein Geschriebenes dort verstecken, wo meine zwei ersten Bücher auch liegen: ganz tief in der Schublade.

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