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Kräfte sammeln für die nächste Quote

Burgwedel Kräfte sammeln für die nächste Quote

Seit Monaten werden Flüchtlinge nur noch im Rahmen des Familiennachzugs zugewiesen. Die Atempause nutzt die Stadt Burgwedel, um sich "neu aufzustellen". Denn dass die Zahl der Zufluchtsuchenden wieder ansteigen wird, ist nur eine Frage der Zeit.

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Otto Krull, der alte Hase im Team der Sozialarbeiter.

Quelle: Laura Ebeling

Burgwedel. "Keiner kann eine Prognose über 2016 hinaus abgeben", sagt Otto Krull. 600.000 Flüchtlinge suchten derzeit neue Reisewege nach Europa. "Das wird einen langsamen Anstieg geben", erwartet er.

Otto Krull, das war 20 Jahre lang im Burgwedeler Rathaus der einzige Ansprechpartner für Zuwanderer wie für Obdachlose - und selbst mit dieser aus heutiger Sicht mageren personellen Ausstattung stand Burgwedel weit und breit alleine da. Erst als die Stadt bereits Zuflucht für annähernd 150 Asylbewerber war, bekam der Sozialarbeiter im Herbst 2014 erste Unterstützung in Gestalt seiner Berufskollegin Frauke Paschen. Bis Ende 2015 stieg die Zahl aber weiter auf mehr als 500 - schneller, als die Kommune Fachpersonal anheuern konnte. 

In dieser heißen Phase wurden die Menschen - überwiegend aus Syrien, Irak, Eritrea und Afghanistan - meist kurzfristig zugewiesen. Um sie unterbringen zu können, mussten Quartiere akquiriert und ausgestattet  werden. Vom Bauhof über Ordnungs- und Sozialamt bis zum Gebäudemanagement nahm dies alle Ressourcen in Anspruch. Immerhin blieb die Kommune der "Quote" stets einen Schritt voraus - und das gilt bis heute. Überwiegend dezentral sind die Flüchtlinge jetzt in städtischen oder von der Stadt angemieteten Gebäuden übers ganze Stadtgebiet verteilt: in Engensen 26, in Fuhrberg 82, 206 in Großburgwedel, 22 in Kleinburgwedel, in Thönse 56 und 50 in Wettmar. 58 weitere haben private Vermieter gefunden.

Und aktuell? Herrscht so etwas wie Atempause! Außer Familienangehörigen anerkannter Asylbewerber würden seit Monaten kaum noch neue Flüchtlinge mehr zugewiesen, so die Verwaltung. Gleichzeitig reisten 26 Menschen freiwillig nach Montenegro, Serbien oder in den Irak aus, drei Personen wurden wegen illegalen Grenzübertritts "rücküberwiesen", mancher tauchte unter. Und knapp 50 sind schlicht weggezogen.

Trotz stagnierender Zahlen ist rund um Krull und Paschen in den letzten Monaten eine ganze Stabsstelle aufgebaut worden, die sich regelmäßig zu Dienstbesprechungen trifft. Diese besteht zurzeit aus vier Sozialarbeitern, einer jungen Frau im Bundesfreiwilligendienst (BuFDi), zwei Mitarbeitern im Ordnungsamt sowie zwei Hausmeistern, die sich ausschließlich um die 53 Objekte kümmern, in denen Flüchtlinge untergebracht sind. "Eine Sicherheitsmaßnahme, um die nächste Quote überstehen zu können", sagt Krull nüchtern.

"Wir sind in einer glücklichen Lage", so bilanziert sein Chef, Axel Düker, den Status quo. "Wir haben die Quote übererfüllt, neue Häuser sind im Bau, die langfristig auch als Sozialwohnungen genutzt werden können. In Reserve haben wir für den Fall der Fälle die Container in Fuhrberg." Und das neue Personaltableau "gibt uns endlich die Luft für die eigentliche Sozialarbeit", so der Bürgermeister. Auch die technische Seite sei nun besser betreut.

Die kommunale Flüchtlingsarbeit hat jetzt mehr Struktur: Jede Ortschaft ist mittlerweile einem bestimmten Sozialarbeiter zugeordnet. Zeit, die 2015 für die Einzelfallhilfe nicht da war, werde nun eingesetzt für maßgeschneiderte Lösungen, erklärt Krull - etwa für einen Mann von der Elfenbeinküste, für den ein Praktikum im Altenheim gefunden wurde. Berufliche Perspektiven würden Hand in Hand mit dem Jobcenter ausgelotet. 60 Prozent der Flüchtlinge in Burgwedel haben eine Aufenthaltsgestattung und werden einen Integrationskurs besuchen können. Die übrigen - wie die afghanischen Flüchtlinge - sind neuerdings immerhin befugt, Drei-Monats-Maßnahmen zu absolvieren. Nur die Menschen "ohne Bleibeperspektive", etwa aus Montenegro, fallen auch durch die jetzt enger geknüpften Maschen des sozialen Netzes.

Baustellen gibt es viele, die jetzt angegangen werden. Zum Beispiel jene Kinder, die unregelmäßig zur Schule gehen. Auch am Runden Tisch Flüchtlinge, wo Stadt, Helfernetzwerk, Schulen und Jugendpflege, Sportvereine und Kirche zusammen arbeiten, werden Angebote und Hilfen koordiniert. "Wir nehmen die Flüchtlinge an die Hand, um sie selbst zu Ehrenamtlichen zu machen", skizziert Frauke Paschen eins der Ziele. Auch auf diesem Feld gebe es Fortschritte.   

Das Team: Otto Krull

20 Jahre lang Einzelkämpfer, genießt der Sozialarbeiter jetzt die kollegiale Arbeit auf Augenhöhe im Team. "Wichtig ist, die Motivation der Menschen zu verstärken", so lautet sein Credo. Zuständig ist Krull für die Flüchtlinge in Engensen und für die "Kleiderei", in der Flüchtlinge wie sozial Schwache gebrauchte Textilien finden. Weil er alle und jeden kennt, wird Krull sich fortan darum kümmern, die Arbeit der mehr als 100 Ehrenamtlichen zu unterstützten.

Frauke Paschen

Über die "Festung Europa" hat die Sozialarbeiterin ihre Diplomarbeit geschrieben.  "Die heiße Zeit haben wir zu zweit geschaukelt", blickt sie auf das Jahr 2015 zurück. Neben den Flüchtlingen in Wettmar und Teilen von Großburgwedel kümmert sich Paschen um die Spendenverwaltung und um die Sprachkurse. Die 28-Jährige sind in puncto Integration noch Luft nach oben: "Es sind noch ganz ganz viele Projekte möglich."

Daniel Gudeka Dinka

Erst seit Monatsbeginn gehört der 48-Jährige  zum Team. Der Diplom-Sozialpädagoge mit äthiopischen Wurzeln hat sich zuvor in Hannover um Flüchtlinge und Obdachlose gekümmert. Jetzt  gilt er manchem Flüchtlinge in Burgwedel als Vorbild, dass es sich lohnt, die deutsche Sprache zu lernen. Die Zufluchtsuchenden in Thönse sind seine Klientel, außerdem hat Dinka die im Aufbau befindliche Flüchtlingsbücherei unter seinen Fittichen.

Roman Serebryanyy

"Die meisten Flüchtlinge wollen etwas aus ihrem Leben machen und sind scharf auf Lernen und Arbeit", sagt der 38-Jährige, der Ende 2015 als Dritter ins Team kam. Zu seinem Job gehöre es aber auch, manchmal Erwartungen "zurechtzurücken". Der aus der Ukraine stammende Sozialarbeiter hat selbst in Hamburg seinen Bachelor gemacht . Jetzt ist er der Ansprechpartner für die Fuhrberger Flüchtlinge.

Nora Kaufmann

Nora, die 2014 in Großburgwedel ihr Abi gemacht hat und dann ein Jahr als Au Pair nach England ging, leistet seit September 2015 ihren Bundesfreiwilligendienst im Sozialamt der Stadt ab. Der Kontakt mit den Flüchtlingen aus vielen verschiedenen Ländern hat sie Respekt gelehrt: "Das sind Menschen wie wir alle mit ihrer eigenen Geschichte." Keine Frage ist es für die 20-Jährige nach diesen Erfahrungen, dass sie Soziale Arbeit studieren wird.

Annika Morcinek und Niklas Sehnke

"Wir sind eher schon die Bösen", sagt die 25-jährige Verwaltungsbetriebswirtin aus dem Ordnungsamt, die  für die Unterbringung der Zufluchtsuchenden zuständig ist. Bis sie in die neue Stabsstelle kam, hatte sie mit dieser Klientel nichts zu tun. Ihr 22-jähriger Kollege ist für die "örtliche Überprüfung" der 53 Objekte zuständig, in denen die Stadt Flüchtlinge unterbringt. Das heißt auch, für Bedürfnisse der Bewohner ein offenes Ohr zu haben.

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