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Jahresurlaub im Spargel-Container

Burgwedel Jahresurlaub im Spargel-Container

Die Spargel-Saison nimmt Fahrt auf – und mittendrin sind wieder zig Helfer in Fuhrberg einzogen. Die zumeist aus Osteuropa stammenden Gäste verbringen ihren Jahresurlaub erstmals auch in den neuen Containern am Grasbruchweg.

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Die 36-jährige Kasia ist das erste Mal in Fuhrberg als Helferin im Einsatz.

Quelle: Carina Bahl

Fuhrberg. Der Bus rattert und wackelt, schaukelt und quietscht, aber Andrej hat alles im Griff: Der Pole steuert den alten Gelenkbus gekonnt in Richtung Spargelhof Heuer. Ein Bild, das die Fuhrberger nur zu gut kennen. „Ich bin heute der Chauffeur“, scherzt er gut gelaunt. Andrejs Auftrag: Die fleißigen Helfer, die seit frühmorgens in der Halle am Trülldamm Spargel waschen, sortieren und schälen, in die wohl verdiente Mittagspause abzuholen. In den neuen Containern am Ende des Grasbruchweges dampft es schon aus den Töpfen: Bratwürstchen, Kartoffeln und Sauerkraut stehen bereit.

Aber noch rattert die Sortiermaschine in der Halle kräftig – Tausende Spargelstangen werden gewogen, gewaschen, schockgefrostet, nach Größe, Dicke und Farbe in 14 Sorten eingeteilt. „Die Maschine ist gut, aber es braucht immer Handarbeit“, weiß Tomasz, der als Vorarbeiter den Überblick behält und für Fragen und Probleme ein offenes Ohr hat. 2001 war er das erste Mal als Spargelstecher dabei, seit 2008 ist er Vorarbeiter und lebt mit seiner Familie nicht mehr nur zur Saison in Fuhrberg. „Es hat mir gefallen, und dann bin ich geblieben“, erklärt er lachend. 

Die gute Stimmung, die Tomasz verbreitet, lässt sich auch am Spargel-Fließband beobachten. „Wir sind inzwischen wie eine große Familie“, beschreibt der 36-Jährige das enge Miteinander der zumeist polnischen Hilfskräfte. 48 sind aktuell in der Halle im Einsatz, zig weitere bei der Ernte auf den Feldern aktiv – im Mai zur Hochsaison werden noch mehr mit anpacken. „Meistens sind die Männer auf dem Feld und die Frauen in der Halle“, weiß der Vorarbeiter aus Erfahrung. Die harte körperliche Arbeit sei für Männer besser geeignet, „und die Frauen sind beim Sortieren und Waschen viel geschickter“. Aber es gibt auch Ausnahmen: „Wir haben eine Kollegin, die sticht seit zehn Jahren Spargel und will nichts anderes tun. Sie ist gut.“

Täglich um 7 Uhr beginnt die Arbeit in der Halle, um 9.30 Uhr schließt sich eine Kaffeepause an, um 12 Uhr geht es mit dem Bus in die Containeranlage zur einstündigen Erholung.

Per Knopfdruck öffnet Andrej die Bustür. Der Plausch mit seinen Landsmännern und -frauen klingt vertraut. „Fahr schneller, das Essen wird kalt“, witzelt einer auf den Bänken. Mittendrin sitzt auch die 36-jährige Kasia. Die Polin verbringt gemeinsam mit ihrer Mutter zum ersten Mal ihren Jahresurlaub in Fuhrberg. Eigentlich ist sie Verkäuferin, ihre Mutter arbeitet beim Gesundheitsamt. Überhaupt findet sich fast jeder Berufsstand auf den Feldern und in der Spargel-Halle – von der Krankenschwester bis zur Wirtschaftsfachkraft. Und warum? „Wir können uns so viele Dinge für unsere Familien leisten“, macht Kasia keinen Hehl daraus, dass die Bezahlung stimmt. „Und es macht wirklich Spaß, weil wir uns alle so gut verstehen.“

Ihre 57-jährige Kollegin, die ebenfalls Kasia heißt, ist bereits seit 18 Jahren jeden Frühling in Fuhrberg. „Die neuen Container sind schön“, sagt sie, während sie einen Einblick in ihre „Wohnung“ gewährt. Gemeinsam mit Basia und deren Tochter verbringt sie die Wochen in einem kleinen Zimmer. Dank kostenlosem Internetzugang ist der Kontakt zur Familie daheim gesichert. Jeden siebten Tag haben die Spargelhelfer zudem frei – „wir gehen dann spazieren, einkaufen oder fahren Schwimmen“, erzählen die drei, die – wie sollte es bei Frauen auch anders sein – ihre Unterkunft liebevoll mit persönlichen Details und Pflanzen dekoriert haben. Bei den Männern sieht es im Container anders aus – Pragmatismus dominiert dort am Etagenbett.

 „Die Spargelhelfer gehören zu Fuhrberg dazu“, weiß Tomasz. Mindestens einmal in der Woche geht es mit dem Bus zum Frischmarkt im Dorf, denn während das Mittagessen Chefsache ist, verpflegen sich die Helfer morgens und abends selbst. „Wir schmieren Brote, und jeder isst von jedem“, schildert Basia. Zweimal pro Saison laden Heuers zum Grillfest ein, aber auch sonst wissen die Helfer sich ihre Abende gesellig zu gestalten. „Vor ein paar Wochen haben wir drei Geburtstage gefeiert“, erinnert sich Tomasz. Ein gelungenes Fest mit 70 Leuten. Dass neue Helfer meist und leicht über Mundpropaganda geworben werden, wundert da nicht: „Teilweise arbeiten ganze Familien hier“, sagt er.

Da die wenigsten Deutsch sprechen, sind Mitarbeiter, die dolmetschen können, unverzichtbar. Auch die 21-jährige Julia, die seit vier Jahren eigentlich in der Spargel-Küche im Einsatz ist und sich selbst Polnisch beigebracht hat, weiß hier und da einzuspringen. „Zum Beispiel, wenn jemand zum Arzt muss, dann fahre ich mit“, erzählt sie. Jeder der Helfer kennt und grüßt sie. „Das ist eine echt gute Gruppe.“

Und schon endet der Plausch zwischen Hochbetten und von Familie Heuer spendierten Schoko-Osterhasen – Andrej ist vorgefahren. Der Spargel ruft.

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Fotostrecke Burgwedel: Jahresurlaub im Spargel-Container

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Von Carina Bahl

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