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Stadt sucht Wohnungen für Geflüchtete

Burgwedel Stadt sucht Wohnungen für Geflüchtete

Auf dem Burgwedeler Wohnungsmarkt haben sie kaum eine Chance: Insbesondere für größere Flüchtlingsfamilien und einzelne junge Männer sucht die Stadt dringend Wohnraum. Hausbesitzern will sie mit einer Art Mieter-Zertifikat Sicherheit geben.

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Endlich ein Zuhause: Ghazi Noori Naif, seine Frau Dilvin Baber Jalal und die beiden Kinder Ghassan (3) und Dilin (1) ziehen bald in ihre eigene Wohnung - dank des Engagements ihrer Mitbürger.

Quelle: Elena Everding

Burgwedel. Burgwedels Flüchtlinge machen keine Negativschlagzeilen. Sich zufrieden zurückzulehnen mag Otto Krull, Sozialarbeiter bei der Stadt Burgwedel, aber mitnichten. Zwei Jahre nach der großen Fluchtwelle im Herbst 2015 wohne das Gros der Geflohenen immer noch in städtischen Unterkünften. Das erschwere die Integration. Und insbesondere den Menschen, die so lange Zeit in mehrfach belegten Zimmern leben müssten, drohe der Lagerkoller, räumt er ein.

Krull drückt es vorsichtig aus: Für Geflüchtete seien die Voraussetzungen schlechter als für deutsche Wohnungssuchende. Sicher war der anonyme Brief, der vor einigen Wochen im Internet die Runde machte, ein Ausreißer: Darin wurde ein Großburgwedeler, der eine Wohnung in der Innenstadt an Geflohene vermietet hatte, übel angegangen. Auch Krull kam der Brief zur Kenntnis: "Das war offen vorgetragener Rassismus", sagt er. Leider sei auch so etwas Realität in Burgwedel.

Trotzdem setzt Burgwedels dienstältester Flüchtlingssozialarbeiter auf die Burgwedeler Hausbesitzer. Rund 30 Familien und Einzelpersonen überwiegend aus Syrien, dem Irak und Afghanistan hat er im Blick, wenn er feststellt: "Wir wollen, dass sie in den Wohnungsmarkt hineinfinden." Die meisten seien als Asylbewerber anerkannt. "Das sind alles liebenswerte Menschen." Und wenn es einmal Probleme gebe, bleibe die Stadt im Hintergrund ansprechbar.

Krulls Kollegin Frauke Paschen legt Vermietern besonders jene jungen Männer ans Herz, die als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gekommen waren und nun, nachdem sie erwachsen geworden sind, ihre sozialpädagogisch betreuten Wohngemeinschaften verlassen müssen oder mussten. Vielen von ihnen bräuchten außer einer Wohnung auch noch die menschliche Wärme einer aufgeschlossenen Familie, appelliert Paschen. Das gelte auch für jene jungen Auszubildenden, die in Mehrbett-Zimmern von Unterkünften nicht die erforderliche Ruhe zum Lernen finden könnten.

Um die Chancen von Flüchtlingen auf dem Wohnungsmarkt zu verbessern, haben sich Burgwedels Sozialarbeiter etwas einfallen lassen. Krull und seine Kollegen haben eine Art Mieter-Zertifikat entworfen, das Flüchtlinge erwerben können nach dem Besuch von mehreren Unterrichtseinheiten zu Themen wie dem Umgang mit der Wohnung, Lautstärke, Besucher,  Lüften, Schimmel und Müll. Dafür hat die Stadt bei der Region Hannover Fördermittel beantragt und bereits Referenten aus der Wohnungswirtschaft angefragt. 

Die eigene Wohnung - ein Riesenschritt zur Integration

Dass die Wohnungssuche für Geflüchtete durchaus erfolgreich verlaufen kann, wenn engagierte Bürger sie unterstützen, zeigt die Geschichte einer jungen Familie aus dem Irak. Das Ehepaar Dilvin Baber Jalal (24) und Ghazi Noori Naif (22) wird in einigen Tagen endlich ihre eigenen vier Wände in Engensen beziehen. "Die Wohnung gefällt uns total gut, wir sind damit sehr glücklich", freut sich Familienvater Naif. Vor allem wegen der beiden kleinen Kinder, Sohn Ghassan (3) und Tochter Dilin (1), war das eigene Heim mehr als nötig. Nun ist die Familie Mieter einer schönen Drei-Zimmer-Wohnung mit 70 Quadratmetern Platz zum Leben - für sie ein großer Luxus.

Denn noch lebt die Familie mit elf weiteren Familienmitgliedern in einem Haus in Engensen. "Auf 135 Quadratmetern war es dann doch sehr eng", erzählt der ehrenamtliche Flüchtlingsbetreuer Joachim Schrader, der auch Mitglied im Engenser Ortsrat ist. Mit einem Kreis weiterer Helfer kümmert er sich um die Iraker, die nun seit fast zwei Jahren in Deutschland leben.

Weil Schrader genau weiß, dass die Integration in einem Haus mit so vielen Menschen kaum funktionieren kann, aber wie schwierig es für Geflüchtete ist, eine Wohnung zu finden, machte er sich auf die Suche. Sein Bekannter Thomas Bertram, der eine leer stehende Wohnung hatte, hörte davon und wollte die junge Familie kennenlernen.

"Ich habe von der beengten Wohnsituation gehört und wollte helfen", erzählt Bertram. Probleme habe er keine gesehen - dafür die strahlenden Gesichter der Familie, als sie zum ersten Mal die Wohnung sahen. "Das war einfach unser Bauchgefühl", meint seine Frau Sonja Bertram.

Enttäuscht wurde das Ehepaar bisher nicht: Naif und seine Frau richten die Wohnung gerade für sich her, auch den Garten haben sie schon auf Vordermann gebracht. Thomas Bertram würde sich wünschen, dass mehr Vermieter umdenken. "Viele haben Vorurteile, wir wurden sogar davor gewarnt."

Familienvater Naif weiß, wie manche Deutsche über geflüchtete Menschen denken. Um Vorurteilen zuvorzukommen, lernt er an der Volkshochschule Deutsch und macht gerade seinen Führerschein, um nächstes Jahr eine Ausbildung beginnen zu können. Die eigene Wohnung sei ein Riesenschritt, um in Deutschland richtig anzukommen.

Wie so ein "richtiger Deutscher" lebt, glaubt der Iraker schon ganz genau zu wissen. Schrader erzählt amüsiert: "Ghazi meinte, ich solle den Vermietern bei der Wohnungssuche sagen, dass er und seine Frau auch Bratwurst essen und Bier trinken." Ihnen sei es allerdings völlig egal, was ihre Mieter essen, meint Sonja Bertram - und lacht laut.

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Fotostrecke Burgwedel: Stadt sucht Wohnungen für Geflüchtete

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Von Martin Lauber und Elena Everding

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