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Burgwedel

Stein des Anstoßes


Burgwedel gedenkt mit einem neuen Mahnmal der Opfer der NS-Diktatur – und muss sich heftiger Kritik erwehren.
Gedenken an Opfer- und Tätergruppen: Noch sind die umstrittenen Glastafeln mit den Namen verhüllt.

Gedenken an Opfer- und Tätergruppen: Noch sind die umstrittenen Glastafeln mit den Namen verhüllt.

© Martin Lauber

Dass sich das Simon Wiesenthal Center zur Wahrung der Rechte der Juden kritisch mit einer Gedenkstätte in einer niedersächsischen Provinzstadt auseinandersetzt, kommt nicht alle Tage vor. Burgwedel ist diese zweifelhafte Ehre jetzt zuteilgeworden. Auf einem Mahnmal auf dem Großburgwedeler Friedhof, das am Volkstrauertag enthüllt werden soll, stehen neben vielen anderen Namen auch diejenigen von fünf Angehörigen der Waffen-SS. „Eine solche Ehrung verunglimpft NS-Opfer. Wir fordern die Stadt auf, das Mahnmal zu überdenken“, schreibt Efraim Zuroff, Leiter des Simon Wiesenthal Centers in Jerusalem. Die Burgwedeler fühlen sich gründlich missverstanden. Bürgermeister Hendrik Hoppenstedt (CDU) fürchtet, dass seine Stadt in eine rechte Ecke gedrängt wird. „Da gehören wir nicht hin, im Gegenteil“, sagt der Verwaltungschef.

Vor mehr als zwei Jahren, so schildert es Hoppenstedt, entstand aus der Bevölkerung heraus der Wunsch, ein Mahnmal für die Großburgwedeler Opfer von Krieg und nationalsozialistischer Gewaltherrschaft zu errichten. Seitdem beschäftigt das Vorhaben Politiker, jüdische Verbände, Historiker und Schüler.

Die Burgwedeler haben sich für einen Entwurf des Bildhauers Peter Lechelt entschieden. Er hat zwei hintereinander aufgebaute Stelenpaare kreiert. Das erste, das sogenannte Tor der Erinnerung, ist den militärischen Opfern gewidmet. An ihm sind Glastafeln mit den Namen von 142 Soldaten angebracht – alphabetisch geordnet und ohne Dienstrang oder Truppenzugehörigkeit. Das zweite, Haus der Erinnerung genannt, soll der zivilen Opfer gedenken. Hier stehen die Namen von 15 Menschen, die als Zivilisten im Krieg oder auf der Flucht umgekommen sind. Ferner sind 28 Babynamen verewigt. Es waren die Kinder zwangsrekrutierter polnischer Mütter; sie starben in einem Großburgwedeler Heim.

Die Glasplatten sind es, die den Konfliktstoff bergen. Auf denen im Haus der Erinnerung sollten ursprünglich auch die Namen von zwei Großburgwedeler Juden stehen, die von den Nazis umgebracht wurden. Wegen der fünf SS-Angehörigen unter den Soldaten konsultierte die Stadt den Landesverband der jüdischen Gemeinden. Die Antwort war deutlich: „Ich halte es für nicht vertretbar, wenn man die Personengruppen der jüdischen Opfer und der soldatischen Opfer gegenüberstellen wollte“, schrieb der Vorsitzende Michael Fürst. Dies gelte auch vor dem Hintergrund, dass es unter den SS-Mitgliedern vermutlich welche gegeben habe, die keine persönliche Schuld auf sich luden. Er bitte daher, auf die Namen der Juden zu verzichten. Diesem Wunsch wurde entsprochen.

Persönliche Schuld der Täter, darum geht es. In Großburgwedel ist man sich der Brisanz, die darin liegt, Angehörigen von Täter- und Opfergruppen der Nazizeit an einer Stelle zu gedenken, sehr wohl bewusst gewesen. Die Initiatoren haben deshalb bei der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg, ähnlichen Dienststellen und Archiven recherchiert. Eine Arbeitsgemeinschaft von Schülern des örtlichen Gymnasiums hat das gesamte Projekt begleitet, Unterstützung kam vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Ergebnis: Persönliche Schuld der SS-Männer war nicht nachweisbar. „Das hat für uns den Ausschlag gegeben. Es gehört zu der Geschichte unserer wie vermutlich jeder anderen Stadt in Deutschland dazu, dass es hier SS-Angehörige gab“, sagt Hoppenstedt. Der zuständige Ortsrat hat am 24. August den Beschluss zum Mahnmal gefasst.

Dann schaltete sich die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) in Hannover ein. In einer Pressemitteilung war wegen der SS-Namen von „rückwärtsgewandtem Spuk“ die Rede. Kritisiert wurde auch, dass Sinti, die zeitweise in der Großburgwedeler Pestalozzistiftung untergebracht waren, nicht erwähnt werden. „64 Jahre nach Kriegsende fehlt dem Ortsrat am Wohnort des niedersächsischen Ministerpräsidenten jede Sensibiliät für angemessenes Gedenken an die Opfer nationalsozialistischer Gewalt am eigenen Ort“, heißt es in der Stellungnahme. Dem erweiterten DIG-Vorstand gehört das SPD-Ortsratsmitglied Rudi Gutte an. Er war nach Auskunft des Vorsitzenden Kay Schweigmann-Greve wesentliche Quelle für die Pressemitteilung, die sich später unter der Überschrift „Großburgwedel ehrt SS-Männer“ auch noch auf der Homepage der örtlichen SPD wiederfand – zum ausdrücklichen Bedauern des Vorstands.

Hoppenstedt wehrte sich. „Die DIG-Stellungnahme entbehrt jeglicher Grundlage und wirft ein völlig falsches Bild auf den Diskussionsprozess“, kritisierte er. Nach einem Gespräch mit dem Bürgermeister ruderte die DIG zurück. Die Formel vom rückwärtsgewandten Spuk gilt nicht mehr. Es sei deutlich geworden, dass sich die Burgwedeler um einen angemessenen Umgang mit den Geschehnissen während der NS-Zeit bemüht hätten. Die Ergebnisse seien aber unbefriedigend.

Nun fürchtet man im Rathaus, dass der Ruf der Stadt Schaden nehmen könnte. „Dabei haben wir eine Straße nach einem jüdischen NS-Opfer benannt“, sagt Hoppenstedt und verweist darauf, dass sein Onkel, der frühere Bürgermeister und Landrat Karsten Hoppenstedt, sich an führender Stelle um die Partnerschaft der Region Hannover zum israelischen Kreis Unter-Galiläa bemüht hat.

Trotzdem sorgt sich der Verwaltungschef wohl nicht zu Unrecht. Im Internet kursieren wenig vorteilhafte Artikel, wodurch auch das Simon Wiesenthal Center auf den Plan gerufen wurde. „Leider hat von dort bisher niemand mit uns gesprochen“, bedauert Hoppenstedt. Auch Hannovers linksautonome Antifa-Szene ist aufmerksam geworden. In einem Internet-Aufruf heißt es: „Kommt am Volkstrauertag zum Friedhof.“ Der Staatsschutz beobachtet die Entwicklung um das Mahnmal, mit dem sich die Großburgwedeler so viel Mühe gemacht haben und dessen Einweihung sie nun entgegenharren.

von Bernd Haase und Martin Lauber

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  • Leserbrief Thomas Lehmann Arne Kayser – 05.09.10
    Leider las ich den Kommentar von T. Lehmann erst jetzt; in der Tat handelt es sich bei der Namensverwechslung um einen peinlichen Fehler. Wohl war, dass gelegentlich die Genauigkeit leidet, wenn die Geschichten gut zusammen zu passen scheinen...

    A. Kayser
  • Leserbrief Arne Kayser Thomas Lehmann – 01.12.09
    Jeder hat seine politische Meinung, die ihm auch niemand streitig machen kann. Aber Tatsachenbehauptungen sollten wenigstens korrekt sein. Der inkriminierte Straßenname ehrt eben nicht Otto Wöhler, sondern seinen Vater. Deshalb lautet er ja auch nicht Otto-Wöhler-Straße, sondern Heinrich-Wöhler-Straße! Aber Vorurteile sind halt bequem und ersparen eine Verifizierung.
  • Stein des Anstoßes B. Haase und M. Lauber – 10.11.09




    An die
    HAZ
    Redaktion Leserbriefe


    09.11.09



    Zum Artikel „Stein des Anstoßes“ von Bernd Haase und Martin Lauber, HAZ v. 7.11.09

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    die Dilettanten und Ignoranten sind unter uns.

    Warum die Burgwedeler/Großburgwedeler auch immer auf die Idee kamen, ein Mahnmal für alle Opfer von Krieg und Nazi-Gewaltherrschaft und auch noch für die Opfer von Flucht und Vertreibung auf dem evangelischen Friedhof zu setzen, mag im Dunklen bleiben. Tatsächlich ist es auch nur mäßig interessant. Selbst der gesunde Menschenverstand von Ratsmitgliedern einer Klein(st)stadt sollte allerdings ausreichen, um Unmöglichkeiten der Ehrung und des Gedenkens von Gewaltverbrechern und Mitgliedern einer verbrecherischen Organisation zu erkennen.

    Vielleicht hat die Stadt im eigenen Rathaus zu gute Erfahrung mit einem Kriegsverbrecher als Kollegen gemacht; schließlich engagierte sich der rechtskräftig verurteilte Kriegsverbrecher, Ex-General Otto Wöhler, vorbildlich in seiner Heimatstadt und zum Dank wurde eine Straße nach ihm benannt. Wie peinlich, dies zu verschweigen aber auf die Straßenbenennung „nach einem jüdischen NS-Opfer“ hinzuweisen. Eine Art verschämter Wiedergutmachungsversuch? Und selbst, wenn die Wöhlersche Stiftung viel Gutes tut, bleibt ein Störgefühl, wenn, dem vernehmen nach, in der ‚Heimatstube‘ der Stiftung ein Erinnerungsfoto hängt, auf dem der Händedruck Wöhlers und Hitlers festgehalten ist. Wer immer das Foto aufgehängt hat: Integerere und (falls der Ex-Generales selbst veranlasst hatte) geläuterte Personen hätten sich dieses Augenblickes (zumindest im Nachhinein) geschämt und das Foto nicht ausgestellt!

    Nachdem man einen leibhaftigen General im Nachkriegsdeutschland als guten Menschen kennengelernt hat, setzt man offenbar jetzt nach: SS-Leute waren halt auch Opfer. Ja natürlich, irgendwie sind wir ja alle Opfer. Am liebsten Opfer der Verhältnisse. Dann kann gleich auch die Verantwortung so schön sozialisiert werden. Denn wenn die Verhältnisse damals nichts anderes zuließen, können wir doch gleich allen, Tätern und Opfern, ein Denkmal setzen. Das spart auch die Mühe des Nachdenkens.

    Das Modell eignet sich auch vorzüglich für den Export, später könnte man es die „Burgwedeler Schule“ nennen: Bei einem Terror-Selbstmordanschlag gedenken wir dem Terroristen und den Opfern: Das spart und ist in alle Richtungen korrekt. Ein Denkmal für Herrn Bader und Frau Meinhof zusammen mit Hr. Buback? Ja, direkt hatten sie ja nicht einmal etwas mit der Ermordung von Herrn Buback zu tun; dann geht das doch, oder?
    Vielleicht ein nettes Denkmal für Slobodan Milošević in Srebrenica? Der war doch bestimmt auch irgendwie Opfer. Und Herrn Wöhler, ja dieser gute Mensch hat doch an den Stellen, an denen die von ihm verantworteten Erschießungskommandos tätig waren, wirklich ein Denkmal




    verdient, denn er war so sehr dagegen, dass er seinen Soldaten sogar das Fotografieren dieser Tätigkeit verbot. Also die Befehle zum Massenmord unterschrieb er; Fotos gibt’s nicht. Das muss doch eigentlich ein ganz guter Mensch gewesen sein und Fehler haben wir schließlich alle, oder?

    Ja ja, die unbelasteten SS-Verbrecher. Kernige Kerle und so liieeeb. Deshalb findet sich auch nichts in Ludwigsburg? Vielleicht sollte man darüber lieber doch noch einmal nachdenken: Das Interesse der Ludwigsburger Kriegsverbrecherkartei konzentrierte sich sinnvollerweise auf die SS-Verbrecher, die überlebt hatten. Wer am Ende des Krieges als (potenzieller) Täter tot war, verschlang zu Recht weniger Ressourcen zur Erforschung seiner Untaten. Tote SS-ler ohne Eintrag in Ludwigsburg sind nicht automatisch gute SS-ler

    Wenn wir gestern, am 8.11.2009 Herrn Hoppenstedt bei dem Einlaufen des Zuges der Erinnerung am Gleis 3 des Hauptbahnhofes in Hannover gesehen haben, hätte er rot vor Scham sein oder werden müssen. War er da, um seine Erinnerung aufzufrischen? Oder erhoffte er sich nähere Erkenntnisse über bedauernswerte SS-ler?

    Lieber Herr Bürgermeister Dr. Hoppenstedt: Tun Sie sich einen Gefallen und sprechen Sie ein Machtwort. Notfalls sollten Sie zurücktreten; nicht weil Sie sich die Hände schmutzig gemacht haben, aber bevor Sie plötzlich mit dreckigen Händen dastehen, weil Sie den falschen Freunden gefolgt sind. Ich bin sicher, Ihnen ist das Alles im höchsten Maße peinlich aber mit Ignoranz und Aussitzen werden Sie diesen Fall nicht los. Bleiben Sie geradlinig und positionieren Sie sich eindeutig:

    Mitglieder der SS/Waffen SS gehören nicht auf ein Denkmal für die Opfer von Krieg und Nazi-Gewaltherrschaft, denn sie waren eine ganz wesentliche, treibende Kraft, die vor und während des Krieges Gewalt, Terror und Krieg verursacht und als tragende Säule gefördert und aufrecht erhalten hat.


    Und wenn Sie es nicht tun, sollte sich zumindest die evangelische Kirche dagegen verwahren, der gehört immerhin der Friedhof, auf dem das Denkmal stehen soll.

    Herr Dr. Hoppenstedt erhält eine Kopie diese Schreibens; weitere Verbreitung wird vorbehalten.

    Hinweis an die HAZ: Bis auf Anrede, Betreff, Schluss- und Grußformel bitte nur ungekürzt oder bei Kürzung nur nach autorisierender Rücksprache veröffentlichen.


    Mit freundlichen Grüßen

    Arne Kayser







  • Lasst es einfach js.b – 08.11.09
    Kann ein Mahnmal, über das schon im Vorfeld so heftig diskutiert wurde, überhaupt noch seinen Zweck erfüllen? Ich glaube nicht. Wenn die Errichtung eines solchen Mahnmals im Jahr 2009 wieder mal eine solche Riesen-Diskussion auslöst, dann lasst es einfach bleiben. Dann haben alle Beteiligten weniger Stress, die Antifa muss sich neue Krawall-Ziele suchen, und auch dem Ansehen der genannten jüdischen Verbände wird es entgegenkommen, wenn sie nicht weiter zu den üblichen polemischen Pressemitteilungen genötigt werden.

    Und keine Sorge, liebe Stadt Burgwedel, du bist nicht braun, nur weil du kein eigenes Mahnmal hast.
  • Wiederaufarbeitung Der Provinzler – 07.11.09
    "Die Ergebnisse seien aber unbefriedigend."

    Eben! Das kommt dabei heraus, wenn man alles letztendlich auf gleiche Stufe stellen will. Alles ist irgendwie bedauerliches Opfer und keiner war richtig Täter! So ist Geschichte "fair aber gerecht" und macht wieder richtig Spaß. Das Unglück fiel halt irgendwie vom Himmel ... oder lag es vielleicht daran das durch die Überzeugungen und Stammtischparolen einiger "Opfer" den wirklichen Opfer, bevor sie geschunden wurden, alle Würde und Menschlichkeit abgesprochen wurde?

    Wenn man die Wahrheit nicht will, dann soll man das Mahnmalbauen lassen.
  • Überflüssiger Verein SB – 07.11.09
    Das interressiert heute doch nun wirklich keinen mehr. Diese ganzen Institutionen hören aufgelöst.

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Burgwedel in Zahlen

Niedersachsenmeute in Thönse. Foto: Olaf Slaghekke (myheimat.de)
  • Bundesland: Niedersachsen
  • Landkreis: Region Hannover
  • Fläche: 152 km²
  • Einwohner: ca. 20.500
  • Bevölkerungsdichte: 135 Einwohner je km²
  • Postleitzahl: 30938
  • Ortsvorwahlen: 05139, 05135
  • Wirtschaft: Firmendatenbank
  • Stadtverwaltung: Fuhrberger Straße 4, 30938 Burgwedel, Telefon (05139) 89730
  • Bürgermeister: Hendrik Hoppenstedt (CDU)
  • Rat: CDU (18 Sitze), SPD (8), Grüne (4), WEB (2), FDP (1), Die Unabhängigen (1)
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