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Testament von Albert David ist aufgetaucht

Großburgwedel Testament von Albert David ist aufgetaucht

Ein unerwarteter Fund ist dem von der Stadt Burgwedel mit Recherchen zum Stolperstein-Projekt beauftragten Team gelungen: das Testament von Dr. Albert David. Für die im Kestner-Museum Hannover aufbewahrte Goldmünzensammlung des jüdischen Arztes gibt es demnach möglicherweise in Burgwedel lebende Erben.

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Irmtraud Heike und Jürgen Zimmer haben das Testament von Albert David entdeckt.

Quelle: Martin Lauber

Burgwedel. Nach 44 Jahren in Großburgwedel nahm sich Albert David vor dem Hintergrund wachsender Repressalien am 19. Mai 1940 das Leben. Dem 73-Jährigen war zwei Jahre zuvor die Zulassung als Arzt entzogen worden - wie auch seine wertvolle Goldsammlung. Die 42 arisierten Münzen im Gegenwert von damals 20 Jahresdurchschnittseinkommen gab das hannoversche Finanzamt damals widerwillig ans städtische Leihamt ab, das diesen „jüdischen Besitz“ aber seinerseits an die Pfandleihanstalt in Berlin abführen musste. Nach zähen Verhandlungen behielt das Geldmuseum der Reichsbank vier der Goldmünzen im Wert von 10 830 Reichsmark, den Rest der Sammlung erwarb die Stadt Hannover für 27 290 Reichsmark für ihr Kestner-Museum.

Anno 2008 - 70 Jahre später - richtete die Landeshauptstadt eine Stelle für die Provenienzforschung ihres Kulturbesitzes ein, die auch Nachforschungen nach Nachfahren oder Angehörigen der weiteren Verwandtschaft von Albert David anstellte - vergebens. Im Jahr 2013 machte diese Stelle die Münzsammlung deshalb bei Lost Art, jetzt Deutsches Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg, publik. Bislang ohne Ergebnis.

Erster Stolperstein verlegt

Eine Synthese aus christlichen und jüdischen Liedmotiven entlockt Wolfram Wallrabenstein seiner Klarinette. Andre Sitnow, Vorbeter der Jüdischen Gemeinde Hannover, ruft „El male rachamim“, den „Gott voller Erbarmen“, um Seelenfrieden an für Dr. Albert David. Und während auf der Hannoverschen Straße der Verkehr vorbeilärmt, legen circa 100 Gäste eine Schweigeminute ein. 75 Jahre nach Davids Tod wurde für ihn am Montag der erste Stolperstein in Großburgwedel verlegt, weitere sollen für andere NS-Opfer folgen. Wortlos platzierte Bildhauer Gunter Demnig den zehn mal zehn Zentimeter großen Messingstein mit der Aufschrift „Gedemütigt/entrechtet/Flucht in den Tod“ vor Davids letztem Wohnsitz. „Die Stolpersteine sollen nicht allein an die Opfer erinnern, sondern auch dieser Generation und kommenden Generationen helfen, Lehren aus der Vergangenheit für die Zukunft zu ziehen“, sagte Ortsbürgermeister Rolf Fortmüller. Stadtbürgermeister Axel Düker stimmte ihm darin zu.

In Burgwedel wurde etwa zur gleichen Zeit im Orts- und im Stadtrat einstimmig nicht nur für das Stolperstein-Projekt gestimmt, sondern die Stadt beauftragte auch die hannoversche Historikerin Irmtraud Heike und den Burgwedeler Journalisten Jürgen Zimmer mit Recherchen zu allen NS-Opfern, an die mit Stolpersteinen erinnert werden soll. Im Landesarchiv Wolfenbüttel stießen die beiden auf ein Aktenzeichen, unter dem sie im Amtsgericht Burgwedel Davids Originaltestament fanden. Es datiert vom 12. November 1938, zwei Tage nach der Reichspogromnacht - und nachdem David seine Approbation verloren hatte, was ihn nach Einschätzung von Heike und Zimmer schwer getroffen hat.

„In dem vorliegenden Testament verteilt David sein gesamtes Hab und Gut zugunsten seines zu der Zeit noch lebenden Bruders sowie auf weitere, nicht jüdische Personen, die nicht zu seinen familiären Verwandten, vielleicht aber zu seinen Freunden zu zählen sind“, heißt es bei der Stadt Hannover auf Anfrage. Erben von Begünstigten sollen nach unseren Informationen in Burgwedel noch leben, werden aber nicht namentlich genannt.

Mögliche Erbansprüche und ihre Berechtigung würden jetzt sorgfältig geprüft, kündigte Hannovers Stadtsprecherin Anja Menge an - auch vor dem Hintergrund der Washingtoner Erklärung, nach der jüdische Opfer des Holocaust zu entschädigen beziehungsweise während der NS-Zeit unrechtmäßig enteignetes Eigentum deren Nachfahren zu restituieren sind. „Darüber hinaus werden wir uns mit der Jewish Claims Conference zur Beratung über diese unter Eindruck existenzieller Verfolgung formulierten Testamentsverfügung abstimmen“, sagte Menge. „Erst wenn wir mit der juristisch-sachlichen Aufklärung weitergekommen sind, kann die Frage, an wen die Münzen übergeben werden sollen, durch den Rat der Landeshauptstadt Hannover entschieden werden.“

Den Überraschungsfund der vor Ort berufenen Rechercheure machte Bürgermeister Axel Düker gestern Abend im Amtshof bekannt: „Im Hinblick auf die Aufarbeitung der Geschichte der Stadt Burgwedel ist dies eine wichtige Entdeckung. Bei Beginn dieses Projektes konnte niemand mit einer solchen Entwicklung rechnen.“ Es sei bewegend, dass nach so langer Zeit neue Erkenntnisse über das Leben verfolgter und ermordeter Opfer aus Burgwedel aufgefunden wurden seien. Düker: „Dies müssen wir als Anlass nehmen weiterzuforschen.“

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