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Turnerschaft lässt Flüchtlinge Beitrag zahlen

Turnerschaft Großburgwedel verlangt Beiträge von Flüchtlingen Turnerschaft lässt Flüchtlinge Beitrag zahlen

Mehrere Dutzend geflüchtete Menschen sind in der Turnerschaft Großburgwedel (TSG) sportlich aktiv - bisher zum Nulltarif. Doch aus Sicht des Vorstandes bedeutet Integration auch Gleichstellung bei den Beiträgen. Die Flüchtlinge sollen Mitglieder werden - und zahlen.

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Schon Anfang Juni 2015 sorgte die TSG dafür, dass diese jungen Männer aus Syrien, von der Elfenbeinküste, aus Afghanistan und weiteren Ländern zum Sport treffen können.

Quelle: privat

Großburgwedel. Ob im Ballsport oder beim Kinderturnen, in der Frauenaerobic-Gruppe oder in der besonders stark von männlichen Flüchtlingen frequentierten Freizeitsportabteilung: Zahlreiche der Männer, Frauen und Kinder hätten im Verein "eine sportliche Heimat gefunden", sagte Vorsitzender Uli Appel in der Mitgliederversammlung der TSG am Montagabend.  "Wir haben das Thema Flüchtlinge vergangenen Sommer sofort aufgegriffen", mittlerweile seien mehrere Dutzend sportlich aktiv. Den Versicherungsschutz gewährleiste der Landessportbund, "und wir haben auf Beitragszahlungen bisher verzichtet", so Appel.

Das soll sich, so die Empfehlung des Vorstands, nun ändern. Aus registrierten sollen ordentliche Mitglieder werden, die zwischen 9 Euro (Kinder/Jugendliche) und 13 Euro (Erwachsene) monatlich zahlen. Dass die Betroffenen sich das leisten können, dessen habe der Verein sich versichert. Für Freizeit, Unterhaltung und Kultur enthielten die Regelsätze des Arbeitslosengeldes II (Hartz IV) und des Asylbewerberleistungsgesetzes zwischen 36 und 44 Euro pro Monat. Für Kinder und Jugendliche könnten zudem Zuschüsse aus dem Bildungs- und Teilhabepaket eingesetzt werden. In Gesprächen mit Flüchtlingen sei er dafür auf Verständnis gestoßen. Einige Familien seien bereits vor Monaten aus freien Stücken der TSG beigetreten, für einige Geflüchtete hätten ortsansässige Mitglieder die Beiträge übernommen. Eines Beschlusses der Versammlung bedurfte es nicht, weil ja nur die bisher geübte Ausnahme von der Beitragspflicht aufgehoben werden soll.

In der Versammlung stieß die Ankündigung auf geteiltes Echo. Während Gerd Duckstein als Vorsitzender der Burgwedeler Tafel davor warnte, die wirtschaftliche Situation von Flüchtlingen zu überschätzen, gab es auch solche Stimmen: "Eine sehr gute Lösung. Es gibt auch arme Deutsche, die Beiträge zahlen." Appel indes versprach: "Wir werden niemanden ausschließen, nur weil er sich das nicht leisten kann" - egal welcher Herkunft.

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Pro: "Gleichstellung ist richtig"

Sigmar Gabriel war vor einigen Wochen noch abgewatscht worden. Spätestens mit den Ergebnissen bei den drei Landtagswahlen sollte aber klar sein, dass der SPD-Chef ebenso wenig falsch gelegen hat wie Kirchenvertreter. Auch diese mahnen, bei der nötigen Hilfe für Flüchtlinge andere Bedürftige nicht zu vergessen. Es geht darum, die um sich greifende Neiddebatte im Keim zu ersticken. Dass die TSG künftig auf Gleichbehandlung setzt, ist genau richtig. Wie will man anderen Mitgliedern mit wenig Geld denn erklären, dass sie Beiträge zahlen, Flüchtlinge aber nicht? Die 13 Euro kann sich der eine wie der andere leisten. Und sonst wird die TSG ihnen entgegenkommen – allen Menschen, egal welcher Herkunft. 

von Frank Walter

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Contra: "Keine unnötigen Hürden" 

Flüchtlinge, die im Verein schon angekommen sind, werden zahlen. Aber für viele, die nach langer Fluchterfahrung ohne Geld, Essen und Sicherheit Burgwedel erreichen, könnte ein Beitrag eine hohe Hürde bedeuten. Gebe ich mein Geld für Sport aus, wenn ich gerade noch ums Überleben gebangt habe? Eher nicht. Wirtschaftlich ist das Vorgehen der TSG nachvollziehbar. Ob so aber nicht vielen, gerade jungen Flüchtlingen, der einfachste Schritt zur Integration genommen wird, ist fraglich. Mit Gleichbehandlung hat das wenig zu tun – bedürftige, deutsche Familien müssen nicht die Sprache und Kultur in der Fremde lernen. Wie gut aber das im Verein dank kostenloser Angebote klappt, hat sich oft gezeigt – nicht zuletzt bisher bei der TSG. 

von Carina Bahl

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