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Uralte Eichen fallen wegen der Pflegekosten

Burgwedel Uralte Eichen fallen wegen der Pflegekosten

Zwei der mächtigen Eichen und eine riesige Buche auf der Ostseite der Hermann-Blanke-Straße in Großburgwedel werden diesen Herbst gefällt, um die Kosten von Baumpflegearbeiten zu sparen. So hat es eine Wohnungseigentümergemeinschaft beschlossen.

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Zwei Erwachsene können diesem dicken Eichenstamm nicht  umarmen.

Quelle: Martin Lauber

Burgwedel. Immer wieder fielen Äste auf den Vorplatz der gemeinsamen Garagenanlage, wo auch Kinder spielten, sagt Miteigentümer Fred Ruprecht. Die Kosten, das Totholz entfernen zu lassen, seien hoch. „Erheblich preiswerter“ sei es, die Bäume wegzunehmen.

Man muss den Kopf schon weit in den Nacken legen, um die Wipfel der Eichen sehen zu können. Um ihren Stamm zu umarmen, braucht es die Spannweite von mehr als zwei Erwachsenen. „Die könnten noch ein paar Hundert Jahre älter werden“, meint Detlef Gogowski. Könnten, aber werden sie nicht.

„Ein Jammer“, sagt Burgwedels Umweltkoordinator Malte Schubert. Aber: Die alten Bäume stünden auf Privatgrund, seien weder per Bebauungsplan noch durch eine Satzung geschützt. Rechtlich sei nichts dagegen zu machen. Diese Auskunft hat er auch Detlef Gogowski erteilt, der sich an ihn gewandt hatte und das Alter der großen Eichen an der Hermann-Blanke-Straße, von denen auch einige auf seinem Grundstück stehen, auf „aus Amtsvogts Zeiten“ datiert.

Grünes Hufeisen

Wer sich die Stadt aus der Vogelperspektive anschaut, dem fällt ein dunkelgrünes Hufeisen auf den ersten Blick auf: Dieses U aus den alten Bäumen zieht sich durch den Amtspark und schließt auch – noch –
 die Hermann-Blanke-Straße fast hermetisch mit ein. „Aber wenn das so weitergeht ...", sagt Gogowski, führt den Satz aber nicht zu Ende. „Ich verstehe nicht, warum es keine Baumschutzsatzung gibt.“

Tatsächlich haben in der näheren Umgebung nur die Gemeinden Wedemark und Sehnde in einzelnen Ortsteilen und Lehrte in seiner Kernstadt große Bäume per Satzung unter Schutz gestellt. In Burgwedel fehle, soweit er das einschätzen könne, für eine Baumschutzsatzung im Augenblick der politische Wille, sagt Malte Schubert. Persönlich würde er es als „durchaus zielführend“ erachten, über einen Schutz für Bäume mit einem Stammumfang ab 80 Zentimetern nachzudenken.

In Burgwedels Ratsgremien war das Thema Mitte der Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts und noch einmal anno 2002 ohne Ergebnis diskutiert worden. Peter Böer, früherer Rats-Grüner und Nabu-Mann, erinnert sich noch gut an das schlagendste Gegenargument, das auch ihn damals beeindruckt habe: Werde eine Satzung beschlossen, drohe die Gefahr, dass vor Inkrafttreten noch schnell viele alte Bäume gefällt werden. „Die Bäume sind ein Schatz, der die Stadt lebenswert macht“, sagt Böer. Ein Schatz, den er persönlich in Großburgwedel aber immer mehr schwinden sieht.

So schätzt das auch Konrad Thye ein. „Wie lange will Burgwedel das noch hinnehmen?“, fragt der anerkannte Vogelschützer. Schon, um der Verkehrssicherungspflicht Genüge zu tun, würden viele Bäume gefällt. Mit einer Schutzsatzung ließen sich wenigstens gesunde große Laubbäume retten, argumentiert er. „Aber in Burgwedel ist das leider kein Thema.“

Lebensraum für 1000 Arten

Dabei sei eine alte Eiche Lebensraum für bis zu 1000 verschiedene Arten: Vögel, Säuger, Insekten. Einen Jahrhunderte alten Baum zu ersetzen, sei „schlicht nicht möglich“. Für den Artenschutz, fürs Ortsbild und weil er CO2 in Sauerstoff umwandele, bringe „ein Baum eine Leistung für die Gesellschaft“, erklärt Thye. Deshalb hielte er es für angemessen, Besitzer alter Bäume zumindest in begründeten Einzelfällen zu unterstützen.

Böer erinnert daran, dass oft das fortgeschrittene Alter von Grundstücksbesitzern bei der Entscheidung, einen Baum fällen zu lassen, eine Rolle spiele. Dass allein wegen Laub und Dreck zur Säge gegriffen wird, sei allerdings die Ausnahme, sagt Marcus Fortmüller. Bei 90 Prozent der stattlichen Bäume, die seine Gartenbau- und Baumpflegefirma entferne, lägen Schädigungen vor. Mit Baumkontrollen und Pflegemaßnahmen im Drei- bis Fünf-Jahres-Turnus könnten Baumbesitzer Haftungsrisiken ausschließen.

Der Kommentar

Jeder Baum zählt

Überall kreischen die Sägen – die Gründe sind vielfältig: Alte Bäume sind krank oder ein Haftungsrisiko, ihre Pflege ist ein Kostenfaktor, ihr Laub unbequem oder schlicht nicht mehr zu bewältigen. Der Schatz der grünen Riesen, die die Stadt lebenswert machen, er schwindet.

Nun sind die Schlachten um Baumschutzsatzungen schon vor Jahrzehnten vielfach ergebnislos ausgefochten worden. Keiner will mehr ran an das Thema – wegen des bürokratischen Aufwands und des absehbaren Ärgers, den es gibt, wenn man in fremdes Eigentum eingreift. Ein restriktives Regelwerk kann man politisch wohl vergessen.

Das bedeutet aber nicht, dass man das Thema komplett ausblenden sollte. Warum kann eine Stadt wie Burgwedel oder besser noch eine staatliche Instanz es Grundstückseigentümern nicht erleichtern, sich für den Erhalt alter Bäume zu entscheiden? Diese leisten für Klima, Ortsbild und Artenschutz – also die Allgemeinheit – einen großen Dienst.

Ein Fass ohne Boden? Natürlich müssten Wege gefunden werden, um Hilfen auf begründete Einzelfälle zu begrenzen – etwa, wenn die Rente für einen Pflegeschnitt zu klein ist oder ein alter Mensch die Berge von Eichenlaub nicht mehr allein bewältigen kann. Jeder gerettete Baum zählt. Von Martin Lauber

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Fotostrecke Burgwedel: Uralte Eichen fallen wegen der Pflegekosten

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