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Einigung unter ziemlich besten Feinden

Burgwedel Einigung unter ziemlich besten Feinden

So einen Prozess erlebt ein Amtsrichter nicht alle Tage: Seit 2011 liegen ein Burgwedeler Rentner und ein Ratsherr aus Norddeutschland im Streit – per Facebook soll es mehrfach zu Beleidigungen gekommen sein. Dank der Landeskasse und gutem Zureden konnte jetzt aber Frieden geschlossen werden. Nur für wie lange?

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Am Ende konnte vor dem Amtsgericht Burgwedel doch noch eine Einigung erreicht werden. Doch wie lang hält der Frieden zwischen dem Burgwedeler Rentner und dem Ratsherren aus Norddeutschland?

Quelle: Symbolbild

Burgwedel. Wie der Streit einst begonnen hatte, das wurde im Gerichtssaal nicht klar. „2011 wollte er mal Oberbürgermeister in unserer Stadt werden“, erzählte der Ratsherr aus Norddeutschland über den Angeklagten. Die für die Kandidatur notwendigen 220 Unterstützer habe der 67-Jährige aber nie vorweisen können – lediglich 14 Unterstützer hatten für ihn unterschrieben. „Wir haben uns damals mal auf einem Podium getroffen“, schilderte der Zeuge. „Er war ein älterer Herr, ich habe ihm Wasser eingeschenkt und mich anständig verhalten.“

Nach der Wahl kippte die Stimmung: Der Rentner soll im Internet die Kommunalpolitik der norddeutschen Stadt ordentlich auseinandergenommen haben. „Er hat sogar unserem Oberbürgermeister eine Liebschaft angedichtet“, erzählte der Zeuge. Ihn persönlich habe er auch mehrfach beleidigt – Klärungsgespräche verliefen im Nichts.

Vor dem Amtsgericht Burgwedel landete der Zwist jetzt – im Übrigen bei weitem nicht der erste Prozess seit 2011 – weil der schreibwütige Rentner und Blogger inzwischen in Burgwedel wohnt. Laut Anklage soll er im Juli 2015 im Internet den Ratsherren als „kranken, irren Menschen“ und „Arschloch“ betitelt haben. Der 67-Jährige wiederum war sich keiner Schuld bewusst – im Gerichtssaal Schokolade futternd, erteilte er erst dem Richter einen Grundkurs in der Bedienung von Facebook und Online-Blogs, forderte zwischendurch Raucherpausen ein und übte sich dann im einem filmreifen Kreuzverhör des Zeugen. Auf einen Verteidiger hatte er von vornherein verzichtet. „Ich stelle hier die Fragen“, brüllte der Angeklagte den Zeugen an und ließ sich auch vom Richter in seiner Fragestunde kaum beruhigen.

Nach 60 Minuten lagen die Nerven bei allen Beteiligten blank. „Wir reden hier über Bagatelldelikte, die es gerade so zur Anklage geschafft haben“, erklärte Amtsrichter Michael Siebrecht und wandte sich in Richtung des Angeklagten: „Beleidigung ist ein Antragsdelikt. Wenn Sie sich heute entschuldigen und einräumen, dass das Mist war, könnten wir vielleicht so den Deckel zumachen.“ Auch der Ratsherr stellte das in Aussicht.

„Wofür soll ich mich denn bitte entschuldigen?“, reagierte der Angeklagte erst empört – ließ sich dann allerdings überraschend auf eine Sitzungsunterbrechung ein und verhandelte lautstark mit seinem Prozessgegner. Kaum zu glauben: Eine Einigung war erreicht. „Ich bin heute um 18 Uhr zu Hause und lösche dann alle Artikel, die seinen Namen beinhalten, von meinen Internetseiten“, versprach der Rentner. Ein Handschlag besiegelte den Frieden. Und auch der Staat gab seinen Teil dazu: „Wir stellen das Verfahren ein, dann trägt die Kosten des Verfahrens die Landeskasse“, erklärte der Richter – ansonsten hätte der seit fünf Jahren vom Rentner belagerte Ratsherr dafür bezahlen müssen. „Wir leben 200 Kilometer auseinander, das geht bestimmt in Frieden“, gab der Burgwedeler sein Ehrenwort zum Abschied. Man wird sehen.

Von Carina Bahl

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