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300 Mann stoppen das Feuer

Waldbrandkatastrophe vor 40 Jahren 300 Mann stoppen das Feuer

1975 ächzte ganz Westeuropa unter einem heißen Sommer. Im August ereignete sich die größte Waldbrandkatastrophe in der Geschichte der Bundesrepublik. Mehr als 100 Hektar Wald stehen allein in der Region Hannover in Flammen. Im Nordosten des Landkreises kämpften 300 Feuerwehrleute gegen die Flammen.

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30.699 Stunden haben 300 Freiwillige aus den Nachbarkommunen gegen das Feuer angekämpft.

Quelle: privat

Burgwedel. Es ist heiß im August 1975 - ganz Westeuropa stöhnt und ächzt unter einem selten beständigen Azorenhoch. Seit Mitte Mai hat es kaum geregnet. Unter der Hitzeglocke verbiegen sich Bahnschienen, schmelzen Straßenbeläge. Über Kiefernwäldern und Heideflächen klettern die Temperaturen Tag für Tag über 35 Grad bei gerade mal 20 Prozent Luftfeuchtigkeit - statt der üblichen 80.

Das Unheil kündigt sich am 8. August an, als bei Stüde im Landkreis Gifhorn das erste Feuer ausbricht. Weitere Brände bei Gifhorn und Celle versetzen auch die Feuerwehren im Nordosten des Landkreises Hannover in Alarmbereitschaft. „Immer neue Meldungen von immer noch größeren Wald- und Flächenbränden kamen über den Sender“, so beschreibt die Chronik der Großburgwedeler Feuerwehr die knisternde Spannung.

Der größte Waldbrand der Geschichte der Bundesrepublik wütete 1975 nicht nur in den Wäldern der Landkreise Celle und Gifhorn und im Wendland. Auch zwischen Ramlingen und Engensen kämpfen in der zweiten Augustwoche 1975 rund 300 Freiwillige eine Woche lang gegen die Flammenwand an.

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Am Sonntag, 10. August, steht dann tatsächlich eine Rauchfahne am östlichen Horizont - aus Burgwedeler Perspektive. Thönses Ortsbrandmeister Wilhelm Lueg fährt mit seinem Privatwagen los, fordert einen Polizeihubschrauber an, dessen Pilot aber zunächst Entwarnung gibt. Zwei Stunden später brennt es lichterloh.

Feuerwelle vom Ramlinger Dennen in Richtung Wohngebiet

Burgwedels Gemeindebrandmeister Bruno Rockahr rückt mit seinen sieben Ortsfeuerwehren von Westen aus, Stadtbrandmeister Kurt Fuchs mit den sieben Burgdorfer Feuerwehren von der Ostseite an. Getrieben von starken Winden, rollt eine unaufhaltsame Feuerwelle vom Ramlinger Dennen in Richtung Wohngebiet am Lahberg zu. „Wir mussten schnell nachalarmieren“, sagt Kurt Fuchs. Denn: Die Ramlinger Ortsfeuerwehr hilft gerade mit einem Trupp beim Brand in Gifhorn aus, ein zweiter ist als Ablösung am Mittag gestartet. „Im Ort waren also nur noch wenige Einsatzkräfte“, erinnert sich Burgdorfs ehemaliger Stadtbrandmeister.

Nördlich der Lahberg-Siedlung - auf der Kreuzung der Straßen Celler Weg und Am Lahberg - richtet sich die Einsatzleitung ein. Mit Rockahr übernimmt auch Fuchs eine Schicht. „Jeden Tag von 6 bis 13 Uhr“, sagt der heute 84-Jährige aus Burgdorf. Nach kurzer Zeit sind 25 Ortsfeuerwehren aus dem Umkreis mit gut 250 Männern im Einsatz. Landwirte mit Treckern und Güllewagen sowie drei Betonmischer mit jeweils 9000 Litern Wasser an Bord rollen ebenfalls ins Einsatzgebiet.

Waldbrandkatastrophe 1975

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Bald stehen 107 Hektar Wald in Flammen. Raupen schieben vor der Flammenwand, die laut Burgdorfer Kreisblatt bis zu fünf Kilometer breit sein soll, eine Schneise ins Dickicht. Dramatische Szenen spielen sich ab. Ein Landwirt wird von der Feuerwalze überrollt, kann sein nacktes Leben, nicht aber seinen Traktor retten. Ein überhitztes Löschfahrzeug aus Burgdorf brennt beim Betanken durch einen Kurzschluss aus. Eine vom Feuer eingeschlossene Fahrzeugbesatzung aus Großburgwedel entkommt um Haaresbreite.

Mehrfach entgeht die Lahberg-Siedlung knapp der Evakuierung. „Wir hatten alle Muffensausen“, erinnert sich Friedhelm Leisenberg, Burgwedels späterer Stadtbrandmeister. Obwohl die Feuerwand von Nordosten aus den Celler Weg schon übersprungen hat, kann die Feuerwehr die drohende Gefahr noch abwenden. Bruno Rockahrs Konzept geht auf: Nördlich des Lahbergs habe er alles nass machen lassen, um das Feuer zu stoppen, erinnert sich Fuchs. Am Montagmorgen gegen 4.30 Uhr scheint alles unter Kontrolle.

Doch weit gefehlt: Der Wind frischt wieder auf, das Feuer legt an Intensität sogar noch zu. Die Wasserversorgung ist problematisch. Um die Fahrzeuge zu betanken, wird die Wulbeck gestaut, aber der Bach ist fast leer, und leistungsstarke Beregnungsbrunnen gibt es noch nicht.

Damals 22 Jahre jung, ist Leisenberg einer der wenigen mit Funkausbildung: „Die meisten Fahrzeuge hatten keinen Funk“, weist er auf den wundesten Punkt in der Logistik hin: Die Nachrichten gingen mit Meldern hin und her - kostbare Stunden vergingen, in denen sich das Lagebild längst wieder verändert hatte.

Zuerst sind es die Frauen der Feuerwehrleute, die Essen herankarren, bis das DRK die Versorgung übernimmt. Kreisvorsitzende Helga Bindseil persönlich fährt mit in die brennenden Wälder. Als Jugendrotkreuzler telefoniert sich der 17-jährige Walter Rockahr, später Oldhorsts Ortsbrandmeister, die Finger wund, um die Lebensmittel preiswert einzukaufen. Auch das THW beteiligt sich am Aufbau und Erhalt der Infrastruktur.

Im Zwölf-Stunden-Rhythmus an die Feuerfront

Die Feuerwehrleute starten nun im Zwölf-Stunden-Rhythmus an die Feuerfront. Auch Wilhelm Lueg kämpft mit seinen Kameraden verbissen gegen die Flammen. Der heute 91-Jährige erinnert sich genau: „Das Feuer lief unten, sprang an den Bäumen hoch und lief oben weiter. Im Nu warst du umzingelt, und manchmal war es verdammt knapp.“

Am Montag bekommen die Freiwilligen Verstärkung von 50, am Dienstag von 100 Bundeswehrsoldaten mit Jeeps und Unimogs zum Transport von Schläuchen und Verpflegung. Am Dienstag meldet das Kreisblatt: „Jetzt haben die Wehren das Feuer unter Kontrolle“, aber erst am Sonntag, 17. August, gegen 16.30 Uhr - nachdem noch kleinere Brandherde in Fuhrberg, Altwarmbüchen, Großburgwedel und Ramlingen im Keim erstickt worden sind - ist das Feuer wirklich besiegt.

Mit allen Herausforderungen, die es bieten konnte: Denn nachdem der Wind am Dienstag gedreht hat, brennen auch Sägespäne, die in einer Tonkuhle in Richtung Ehlershausen lagern. Der größte und längste Einsatz der Freiwilligen aus Burgdorf und Burgwedel ist nach sieben Tagen beendet.

„Dabei“, sagt Kurt Fuchs, „hatten wir ja eigentlich noch Glück.“ So hätten vier Wege die Brandfläche umgeben, sodass die Retter stets von allen Seiten an das Feuer heran konnten. Doch über allem, sagt der 84-Jährige, habe die Kameradschaft gestanden.

Hinterher wird Bilanz gezogen: 30.699 Stunden haben 300 Freiwillige aus den Nachbarkommunen gegen das Feuer angekämpft. Als Sofortmaßnahme schafft die Gemeinde Burgwedel für 75. 000 Mark Mehrkanal-Funkgeräte an - genauso viel Geld hat sie für Verdienstausfall, Getränke und Verpflegung der Freiwilligen während des Brandeinsatzes ausgegeben.

Von Jürgen Zimmer und Martin Lauber

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Burgdorf
An die Erlebnisse vor 40 Jahren erinnert den ehemaligen Stadtbrandmeister Kurt Fuchs das Buch „Die große Waldbrand-Katastrophe“.

Von den Erfahrungen der Einsatzkräfte nach dem Waldbrand profitieren die Feuerwehren noch heute - unter anderem mit der Aufklärung aus der Luft und höher gelegten Fahrzeugen.

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