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Ziemlich zickig

Wettmar Ziemlich zickig

Ein Schülerpraktikum bei der Zeitung – das klingt doch eigentlich nach Pressekonferenz und Politikerrunde. Wonach es nicht klingt, ist ein Ausflug auf den Bauernhof – zwei Stunden Ziegen füttern und melken.

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Hannes Elsen und Elke Walter tragen drei Zicken zur Weide.

Quelle: Frank Walter

Wettmar. Aber genau diese Idee hat die Redaktion und schickt mich auf den Ziegenhof Schümer nach Wettmar. Die Zicklein sind da, und wer könnte da besser vorbeischauen als der Praktikant?

Meine Oma hat zwar einen Bauernhof, daher könnte man denken, ich sei Stallgeruch gewöhnt. Stimmt nicht: Bei Oma lief maximal eine Kuh über die Weide. Zum Glück soll’s nicht ganz so früh losgehen, 8 Uhr ist ja selbst für Schüler human. Die Gummistiefel, die es für die Stallarbeit eigentlich sein sollten, kann ich nicht bieten, aber ein paar alte Turnschuhe sollten es auch tun.

Auf dem Hof im Nordosten Wettmars empfängt mich außer den meckernden Ziegen und dem krähenden Hahn auch eine menschliche Stimme. Sie gehört Hofbesitzerin Elke Walter, die zur Begrüßung schnell ihre Schubkarre zur Seite stellt. Viel Zeit zum Kennenlernen bleibt aber erst einmal nicht, ich bin schließlich zum Arbeiten da.

Beim Öffnen der Stalltür schlägt mir direkt der Geruch von Heu und Tieren entgegen. Was dahintersteckt, kommt mir sofort im gestreckten Galopp entgegen: Wie verrückt rast ein Teil der Ziegenherde zum Melkstand – ist ja klar, da gibt es das gute Futter. So einfach funktioniere das aber nicht immer, erklärt die Hofbesitzerin. „Einmal hat ein Spatz zu laut gepiept. Die gesamte Herde konnte deswegen nicht mehr zum Melkstand gehen.“

Meist haben es die Ziegen aber sogar zu eilig. Eigentlich passen nur sieben Tiere gleichzeitig in den Melkstand. Teilweise quetschen sich aber bis zu zehn auf einmal durch die Tür und laufen erwartungsfroh in Richtung ihres Frühstücks. Und wenn die Ziegen schon genüsslich am Futtern sind, stört es sie auch nicht, wenn jemand sie melkt.

Das probiere ich jetzt auch mal. Irgendwie per Hand Milch aus den Zitzen zu bekommen, das kann doch nicht so schwer sein – ist es aber doch. Notwendig ist es trotzdem, da die erste Milch beim Melken weder hygienisch noch geschmacklich große Klasse ist. Gefühlte fünf Minuten versuche ich, meine Handbewegungen irgendwie den Wünschen des Tieres anzupassen – wenn es mich denn überhaupt in seine Nähe lässt. Eine Ziege versucht doch tatsächlich, mich zu treten – liegt’s an den kalten Händen? Am Ende habe ich einigermaßen den Dreh raus und soll den Ziegen dann trotzdem ihr Melkgeschirr anlegen. So geht es deutlich einfacher.

Nach dem Melken dürfen erst die fast 50 Muttertiere auf die Weide, danach folgen die meist wenige Wochen alten Zicklein. Die älteren kennen den Weg, besonders manch Jüngerer braucht hingegen Tragehilfe – das mach’ ich doch gern. Doch auch das Zicken-Tragen will gelernt sein, schließlich will ich dem Kleinen nicht wehtun. Ich stelle mich ziemlich unbeholfen an. Elke Walter macht es vor, greift sich mit einem gekonnten Griff gleich zwei Tiere auf einmal.

Auf der Weide tummeln sich nicht nur die Muttertiere und der Nachwuchs, sondern auch die Papas: drei mächtige Ziegenböcke mit riesigen Hörnern, zur Sicherheit von den anderen Tieren durch einen Zaun getrennt. Ich freue mich auch über den Zaun ...

Elke Walter hat zwei Arten von Ziegen: die Weiße Deutsche Edelziege und die braune Thüringer Waldziege. Der weißen Luna – alle Mutterziegen haben Namen – scheine ich es besonders angetan zu haben: Sie folgt mir auf Schritt und Tritt und schnüffelt sogar an meiner Jackentasche. Beim Tag des offenen Hofes am 11. Juni, wenn Elke Walter wieder Besucher auf ihre Weide lässt, wird Luna sicher Hände zum Streicheln finden. Neben Luna fällt auch die Ziege mit dem kurzen und dem langen Horn auf. „Die reibt ihr Horn immer im Stall an der Betonwand“, erklärt Elke Walter.

In die Käserei darf ich zwar aus hygienischen Gründen nicht hinein, das war vorher klar. Aber im kleinen Hofladen darf ich mich umgucken. Dort gibt es außer dem selbst gemachten Ziegenkäse auch Zickenfleisch auf Bestellung sowie jederzeit bunte Eier – nicht von den Ziegen. Die Eier kommen von einigen Dutzend Hühnern, aber auch die müssen gefüttert werden. Das scheint weniger problematisch als bei den Ziegen, aber der Hahn nutzt die kleine Lücke und geht seine eigenen Wege. Doch Elke Walter ist auf Zack und fängt ihn schnell wieder ein.

Interessant war es auf dem Ziegenhof, Bauer werde ich aber wohl trotzdem nicht. Da gibt es sicherlich andere, die geschickter mit der Forke umgehen können. Auf diese Erkenntnis gibt’s zu Hause erst einmal ein Stück Ziegenkäse.

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Fotostrecke Burgwedel: Ziemlich zickig

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Von Hannes Elsen

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