Der Schock von Flucht und Vertreibung aus Schlesien, Pommern und anderen Ostgebieten während und nach dem Zweiten Weltkrieg sitzt noch tief bei jenen, die es nach Wunstorf verschlagen hat. Das ist am Freitagabend während des Vortrags des Historikers Andreas Kossert deutlich geworden.
Rund 100 in der Mehrzahl ältere Besucher verfolgten im Forum der Stadtsparkasse das Referat des Autors des Buches „Kalte Heimat“, das die Ausstellung des Forums Stadtkirche ergänzte. „Sie kamen wie die Kartoffelkäfer“, las ein Besucher sichtlich bewegt aus einem Spiegel-Artikel vor. Es war die Äußerung eines Wunstorfer Pastors.
Der Besucher bestätigte damit die These Kosserts, dass die selten freundliche Aufnahme der „Hinterwäldler, Polacken ohne Kultur“, von „dahergelaufenem Pack mit zweifelhafter Herkunft“, wie die Vertriebenen im Westen bezeichnet wurden, der zweite große Schock für sie war. Allerdings war es auch für die Einheimischen schwierig. Ihre Welt hatte sich ebenfalls total verändert. Sie mussten mit Einquartierungen zurechtkommen. Einige waren sehr hilfsbereit, wie eine Zuhörerin berichtete.
Die „Neu-Wunstorfer“ sind hier längst zu Hause. Sie haben die Stadt verändert, mit weiterentwickelt, ihren kulturellen Reichtum und ihre Kirche in die stark evangelisch geprägte Stadt eingebracht. Doch die Heimat haben sie verloren. „Sie leiden unter Phantomschmerz, wie nach einer Amputation“, weiß Kossert. Die Gesellschaft habe das Thema lange verdrängt, das Leid der Menschen wurde privatisiert. Sie hätten nach außen funktioniert, sich innen wie tot gefühlt und mussten den Spott ertragen, ewig gestrige zu sein, weil sie sich nach dem Verlorenen sehnten.
Auf Grund der aktuellen Flüchtlingssituation in vielen Länder werde das Thema Traumatisierung nun aufgearbeitet. In Polen, wo viele Menschen umgesiedelt wurden, gebe es lebhaftes Interesse an alten deutschen Büchern über die Heimat. Auch dort seien die Menschen auf der Suche.
Jörg Rocktäschel
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