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14. Ehrenring für Ingeborg Hochmair

Garbsen 14. Ehrenring für Ingeborg Hochmair

Der Freundeskreis Garbsen hat die österreichische Unternehmerin und Forscherin Ingeborg Hochmair am Dienstagabend mit dem 14. Ehrenring Garbsen ausgezeichnet. 

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„Danke für die warmherzigen Worte“: Ingeborg Hochmair freut sich über den Ehrenring. Stefan Birkner (links), Vorsitzender des Freundeskreises Garbsen, und Professor Heinz Haferkamp, Vorsitzender der Jury, überreichen Urkunde und Ring.

Quelle: Markus Holz

Garbsen.  Ingeborg Hochmairs Leben dreht sich seit Studienzeiten um Zehntelmillimeter  – und heute um die ganze Welt. Hochmair entwickelt Innenohr-Implantate, den hochempfindlichen Ersatz für das einzige Sinnesorgan, das die Medizintechnik heute ersetzen kann. Für Auge, Zunge, Nase und den Tastsinn gibt es keine Ersatzteile, nur für’s Ohr. Der österreichischen Unternehmerin und Forscherin Ingeborg Hochmair zu Ehren hat der Freundeskreis Garbsen am Dienstagabend einen glänzenden Festakt im Rathaus ausgerichtet.

Cochlea-Implantat galt als technisch unmöglich

Einen solchen Festakt erlebt das Rathaus nur einmal im Jahr: Exzellente Musik, rund 200 hochrangige Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, im Mittelpunkt eine außergewöhnlich angesehene Person, die es verdient, mit dem Ehrenring Garbsen ausgezeichnet zu werden. Ingeborg Hochmair, die 14. Ehrenringträgerin, ist die zweite Frau und Unternehmerin in der Reihe der Ringträger seit 2004.

Die gebürtige Wienerin ist Mutter von vier Kindern und promovierte Elektrotechnikerin. Ihr erstes Implantat hat sie Mitte der Siebzigerjahre unter einfachen Bedingungen im Labor gebaut, in Kunstharz gegossen und chirurgisch einsetzen lassen. Damals, sagte Laudator Professor Thomas Lenarz, galt ein Cochlea-Implantat als technisch unmöglich. Hochmair, damals noch Desoyer, und ihr späterer Mann Erwin Hochmair bewiesen das Gegenteil. Heute gehört sie zu den weltweit führenden Spezialisten für die Entwicklung und Produktion von Cochlea-Implantaten. Sie hat viele Jahre in Wien, Innsbruck und Stanford geforscht. Sie hat mit dem Pfund ihres Wissens zusammen mit ihrem Mann 1989 das Unternehmen MED-EL gegründet und beschäftigt heute weltweit rund 1800 Mitarbeiter – auch in Hannover. MED-EL Produkte erlauben Millionen tauber Menschen, wieder zu hören. Wie das geht, zeigt dieses Video von 2014 auf Youtube.

Weltweites Netz von Spezialisten

Hochmair arbeitet an der Schnittstelle von Forschung und Anwendung. „Sie ist eine Unternehmerin, die uns Mediziner versteht, die begreift, was wir brauchen und das umsetzt“, sagte Lenarz. Er ist Direktor des Deutschen Hörzentrums der MHH, der weltweit größten Einrichtung für Cochlear-Implantationen und implantierbare Hörsysteme. Lenarz trägt den Ehrenring seit 2012. Beide arbeiten seit Jahrzehnten am selben Thema. Beide haben zusammen große Fortschritte möglich gemacht. Einen kenntnisreicheren Laudator konnte der Freundeskreis kaum finden.

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Ein hochkarätiger Festakt für eine hochkarätige Ringträgerin: Der Freundeskreis Garbsen ehrt mit mehr als 200 Gästen die österreichische Unternehmerin Ingeborg Hochmair.  

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Hochmair macht Gewinn, anders kann das Unternehmen nicht erfolgreich am Markt bleiben. Aber was sie damit tut, ist ein weiterer Grund, den Ehrenring zu tragen. 17 bis 20 Prozent des Umsatzes fließen zurück in Forschung und Entwicklung  neuer Produkte. Das ist ein ungewöhnlich hoher Prozentsatz. „Sie macht sich mit ihrem Erfolg nicht davon“, lobte Lenarz. Ein weiterer Teil der Erlöse fließt in den Aufbau eines weltweiten Netzwerkes von Spezialisten, die die Implantate einsetzen und warten können. „Wir sind in 120 Ländern präsent, zuletzt sind wir jetzt nach Mali gegangen“, sagt Hochmair. 5000 Kliniken zählen zu ihren Partnern. Sie hat das Ziel, bis 2025 allen tauben Kindern auf der Welt wenigstens die Chance zu geben, ein Implantat zu tragen. Dafür ist der Aufbau der medizinischen Infrastruktur Voraussetzung.

Eine Chance für alle tauben Kinder bis 2025

Warum dieses Ziel? „Wer nicht hören kann, trennt sich von Menschen“, sagte Hannovers Maschinenbau-Dekan Jörg Wallaschek. Soziale Ausgrenzung, das Stummbleiben der taub geborenen Kinder, ihre geringen Chancen auf Arbeitsmärkten und der Verlust gesellschaftlicher Teilhabe – all das aufzufangen sei letztlich wesentlich teurer für eine Gesellschaft, als die Versorgung mit Implantaten. Insofern hatte die Ehrung Hochmairs auch eine starke soziale Komponente. „Wir wollen zusammen noch viel erreichen“, sagte Thomas Lenarz. Hochmairs Antwort: „Aus der Hörregion Hannover sind in Zukunft starke Impulse zu erwarten.“

Das Potenzial ist groß: Weltweit gelten 150 Millionen Menschen als stark hörbehindert oder taub. 15 Millionen sind es in Deutschland. Einer Million Deutschen könnte ein Implantat helfen, wieder Lebensqualität zu gewinnen. Tatsächlich sind 25.000 bis 30.000 Patienten mit einem oder zwei Cochlea-Implantaten versorgt. Die Zahl der Patienten mit einem Herzschrittmacher soll zehnmal höher sein. Ein Hör-Implantat kostet rund 10.000 Euro. Ein Herzschrittmacher liegt zwischen 2000 und 20.000 Euro.

Das Implantat überbrückt den Gehörschaden

Ein gesundes Ohr nimmt Schall aus der Umgebung durch den Gehörgang auf und leitet ihn über das Trommelfell und die Mittelohrknöchelchen zum Innenohr. Dort reagieren Haare in der Cochlea auf den Schalldruck. 25.000 Hörzellen messen diese Reaktion und wandeln das Signal in elektrische Impulse um, die das Gehirn über den Hörnerv empfängt und verarbeiten kann. Die Cochlea hat die Form einer Schnecke mit 2,5 Windungen. Der Schneckenkanal hat eine Länge von etwa 35 Millimetern und ist zwischen 0,01 und 0,3 Millimeter breit. Manche Menschen werden taub, weil die Haare in der Cochlea absterben oder nicht mehr funktionieren, zum Beispiel nach vielen Jahren Arbeit an einer lauten Maschine. Diesen Menschen kann ein Implantat helfen.

Anders als ein Hörgerät, umgeht ein Cochlea-Implantat die beschädigten Haarsinneszellen und stimuliert den Hörnerv direkt elektrisch. Außen am Kopf wird ein Mikrofon befestigt. Es nimmt den Schall auf, wandelt ihn in Signale um und leitet sie an das Implantat unter der Haut weiter. Das Implantat wandelt die Signale in elektrische Impulse um und leitet sie an Elektroden weiter, die in der Cochlea nahe dem Hörnerv platziert sind. Diese stimulieren den Hörnerv. Die höchste Kunst für die Hersteller besteht darin, den feinen Elektroden die Sprache beizubringen, die das Gehirn versteht. Das Original wird ein Implantat vermutlich nie erreichen. Aber Implantatträger können die Welt zumindest wieder hörbar verstehen.    

Von Markus Holz

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