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Neue Stadt Heitlingen ist eine Idee geblieben

Heitlingen/Auf der Horst Neue Stadt Heitlingen ist eine Idee geblieben

50 Jahre Auf der Horst: Es hätte dieses Jahr auch 50 Jahre Neue Stadt Heitlingen heißen können. Das Konzept war fertig. Es ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Bis zu 25 000 Menschen sollten dort eine neue Heimat finden.

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Charme bewahrt: In Heitlingen gibt es einen der ältesten Vollmeier-Höfe.

Quelle: Jutta Grätz

Garbsen. Flugzeuge donnern über den Ort. Gläser wackeln in den Vitrinen des Gutes Heitlingen. Garbsens kleinstes Dorf liegt in der Einflugschneise des Flughafens und hat sich seinen Charme bewahren dürfen. Wo heute rund 650 Menschen wohnen, wo es kaum Geh- und Radwege, keinen Bäcker und keinen Fleischer gibt, sollte in den Sechzigerjahren eine Trabantenstadt mit bis zu 25.000 Einwohnern entstehen.

„Die von 1957 bis 1962 geplante Neue Stadt Heitlingen sollte ein Modell dafür werden, wie man großstädtische Ballungsräume auflockern kann“, sagt der hannoversche Bauhistoriker und Planer Sid Auffarth. Die Planungen der „Forschungs- und Planungsgemeinschaft für Stadtentwicklung“ unter Vorsitz des Städtebauprofessors Wilhelm Wortmann waren umfangreich und sehr detailliert - bis hin zu den Grundrissen einzelner Gebäude wie Häuser, Schul- und Einkaufszentrum.

Der Entwurf zur Neuen Stadt Heitlingen zwischen Heitlingen und Resse: In der Mitte ein See und eine Ringstraße ums Zentrum, angrenzend die Wohngebiete. Die heutige A352 hätte mitten durch Garbsen geführt.

Quelle: Repro: Holz

Die Auter sollte aufgestaut werden, der See im Zentrum der Stadt liegen. Drum herum sechs Stadtteile mit etwa 3500 Bewohnern, die wiederum in familiengerechte Kleinnachbarschaften gegliedert waren. Zwei Drittel als niedrige Reihen- und Kettenhäuser, ein Drittel als Mietwohnungen und als Appartements für Alleinstehende in viergeschossigen Bauten.

Das Bundesbauministerium sagte eine finanzielle Unterstützung von 12 Millionen D-Mark zu. Doch die Landeshauptstadt Hannover legte die Pläne auf Eis und baute die Horst. Warum, erklärt Sid Auffahrt im Interview.

Von Jutta Grätz

„Der Minister sah ein leuchtendes Beispiel“

Von welchen städtebaulichen Ideen waren die Pläne für die „Neue Stadt Heiltingen“ inspiriert?

Den Anstoß für Heitlingen gab ein Schweizer Aufruf im Jahre 1953 „Wir selber bauen unsere Stadt“, zu dem der Schriftsteller Max Frisch ein aufrüttelndes Vorwort beisteuerte. Städtebaulich waren es die englischen „New Towns“ und skandinavische Siedlungen, insbesondere die finnische Gartenstadt Tapiola. Der damalige Wohnungsbauminister Paul Lücke sah im Heitlingen-Projekt ein leuchtendes Beispiel für die „Neue Stadt“ im Nachkriegsdeutschland, wie sie ab 1955 beispielsweise mit der Sennestadt bei Bielefeld entstand.Das städtebauliche und soziale Leitbild war die „Nachbarschaft“, baulich vergleichbar mit der Siedlung Hemmingen-Westerfeld, die ab 1958 mit 600 Wohnungen von der Niedersächsischen Heimstätte errichtet wurde.

Wie hätte die Neue Stadt Heitlingen die Stadtentwicklung Garbsens beeinflussen können?

Um 1950 hatten die stadtnahen Dörfer Altgarbsen, Havelse und Berenbostel jeweils rund 2000 Einwohner. Mit dem Bau der neuen Stadt Heitlingen für 25.000 Bewohner hätte sich nicht Garbsen zum räumlichen Zentrum entwickelt, sondern Heitlingen wäre deutlich weiter nördlich zum Mittelpunkt der umliegenden Ortsteilen geworden. Möglicherweise hätte dies zu einem anderen Gemeindezuschnitt geführt.

Gibt es ähnliche Projekte, die verwirklicht worden sind?

Ähnliche Neugründungen gab es bei Bielefeld mit der Sennestadt, die ab 1955 nach Plänen von Hans Bernhard Reichow für 20.000 Menschen entstand. Allerdings gab es bei keinem anderen Projekt von Anfang an eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe, in der Raumplaner, Verkehrsplaner, Soziologe, Wasserwirtschaftler, Landschaftsplaner, Pflanzensoziologe, Städtehygieniker, Betriebswirt, Jurist, Bauhistoriker und Architekten vertreten waren. Doch fehlte die Stadt Hannover, was letztendlich zum Scheitern des Projektes führte. Alle anderen vergleichbar ambitionierten neuen Großsiedlungen wie Nürnberg-Langwasser, das ab 1957 für 40.000 Einwohner von der Gewog/Neue Heimat errichtet wurde, oder die Neue Vahr in Bremen, die ab 1957 für 30.000 Bewohner von der Gewoba/Neue Heimat gebaut wurde, waren kommunale Initiativen und ungleich dichter geplant.

Welches waren, Ihrer Meinung nach, die entscheidenden Gründe für das Scheitern der „Neuen Stadt Heitlingen“?

Gescheitert ist das Projekt „Neue Stadt“ Heitlingen am Widerstand der Landeshauptstadt Hannover, und da vor allem am damaligen Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht. Er sah nicht in der Anlage von Trabantenstädten die Zukunft der Region, sondern in der Sanierung der inneren Stadtgebiete und dem Bau neuer Stadtteile wie Vahrenheide/Sahlkamp, Roderbruch und Mühlenberg. In der Außenentwicklung setzte er vor allem auf den Ausbau von Orten entlang bestehender Verkehrswege im Sinne einer gegliederten Stadt-Landschaft. Als gewichtige Gegenargumente führte die Stadt Hannover die Nähe zum Flughafen Langenhagen an, dessen zukünftiger Ausbau werde eingeschränkt sowie der fehlende Autobahnanschluss, der mit der südöstlichen Verlagerung der zunächst geplanten Autobahntrasse Hamburg-Ruhrgebiet wegfiele. Die genannten Gründe gegen das Projekt Heitlingen erscheinen wenig glaubwürdig. Plausibler erscheint die Befürchtung der Stadt Hannover, dass viele staatliche Fördermittel für den Wohnungsbau nach Heitlingen abfließen könnten, aber vor allem hatte man keine Kontrolle über die Planungen, die da jenseits der Stadtgrenze stattfanden. Die Vorentscheidung brachte der politische und personelle Wechsel nach der Landtagswahl 1959, der dem Gegner des Projektes, der Landeshauptstadt, nunmehr die früher fehlende Unterstützung brachte.

Ist die soziale Mischung einer schnell entstehenden Stadt wie die „Neue Stadt Heitlingen“ oder eben „Auf der Horst“ planbar?

Die Entstehung einer lebendigen Nachbarschaft dauert im allgemeinen zwanzig Jahre, also eine Generation. Dann kann die zufällige Zusammensetzung der Bewohnerschaft übergehen in ein Miteinander, wo man sich kennt und wo ein mehr oder weniger dichtes soziales Netz besteht. Soll in einer neuen Stadt oder einem neuen Stadtteil ein lebendiges Alltagsleben von Anfang an entstehen, dann brauchen die Zuzügler Unterstützung zum Beispiel durch gemeinschaftliche Wohnprojekte, sei es in Eigentum oder genossenschaftlich zur Miete, die schnell sozial aktive Inseln bilden können. Oder wenn sich Familien, Paare und Alleinstehende bereits vor dem Einzug kennenlernen und frei wählen können, mit wem sie als Nachbarn zusammenwohnen wollen, dann entsteht ein Beziehungsnetz, in dem sich die Bewohner verantwortlich für ihr Umfeld fühlen und sich eher für Verbesserungen im Quartier einsetzen. Anschauliche Beispiele für eine frühzeitige Einbeziehung zukünftiger BewohnerInnen sind das „Französische Viertel“ in Tübingen und das „Rieselfeld“ in Freiburg im Breisgau, wo gemeinschaftliche Wohngruppen mit Vorrang herangezogen wurden - mit durchschlagendem Erfolg wie die Praxis zeigt. Eine Beteiligung von Bürgern auch im kleinen Maßstab macht ein Neubaugebiet rasch zur neuen Heimat.

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