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Die ganze Welt in einer Grundschule

Auf der Horst Die ganze Welt in einer Grundschule

280 Schüler besuchen die Grundschule Saturnring auf der Horst. Ein engagiertes Pädagogenteam bemüht sich dort um die Integration von Jungen und Mädchen aus 35 Nationen.

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Lehrerin Snjezana Kozul kontrolliert, ob die Mädchen alles richtig gemacht haben

Quelle: Isabel Christian

Garbsen. Essad ist ein bisschen neidisch auf seine Klassenkameraden, auch wenn er es nicht zugeben mag. Sein Fahrrad hat einen Platten, deswegen kann der Zehnjährige heute im Sachkundeunterricht nicht mit den anderen auf dem Schulhof Radfahren üben. Stattdessen muss er beim Aufbau des Hindernis-Parcours helfen.

Doch da bremst Anwer direkt neben ihm, steigt von seinem Rad, nimmt den Helm ab und reicht ihn Essad. „Vielleicht willst du ja auch mal fahren“, sagt er freundlich. Glücklich lässt sich Essad den Helm unterm Kinn festschnallen und brettert auf dem Fahrrad los. Lehrerin Karin Hollstein ermahnt ihn zwar, nicht so schnell zu fahren, doch ein kleines Lächeln kann sie nicht unterdrücken angesichts der wahrhaft freundschaftlichen Geste.

Während Karin Hollstein mit ihrer Klasse 4b auf dem Schulhof das Radfahren übt, werden im Schulkindergarten die Brotdosen ausgepackt. Es ist ein tägliches Ritual: Bevor gegessen wird, zeigen alle Kinder reihum, was sie an diesem Tag zu essen mitbekommen haben. Dafür werden sie von den anderen, je nachdem wie gesund der Snack ist, mit Punkten belohnt oder bestraft.

Was sich nach einem kuriosen Spiel anhört, hat einen ernsten Hintergrund: „Viele Eltern machen sich keine Gedanken um das Pausenbrot ihrer Kinder, sie packen ihnen einfach etwas Essbares ein und gut ist“, sagt Konrektorin Silvia Moritz. Doch das sind meist nicht der gesunde Apfel und das sättigende Graubrot, sondern Toast und Milchschnitte.

„Es hilft nichts, wenn wir den Eltern jeden Tag predigen, sie sollen den Kindern bitte etwas Gesundes mitgeben“, sagt Moritz’ Kollegin Petra Heyn, „Die Kinder haben wesentlich mehr Einfluss auf ihr Pausenbrot, wenn sie Mutter oder Vater sagen, was gesund ist und was nicht.“ Denn kein Kind möchte gern mit null Punkten für die Gedankenlosigkeit der Eltern abgestraft werden.

In den Schulkindergarten gehen Kinder, die vom Lebensalter her gesehen zwar die erste Klasse besuchen müssen, aber noch nicht reif genug für die Schule sind. 18 Fünf- bis Siebenjährige wuseln derzeit durch den Raum. Der sechsjährige Nuradin ist erst seit zwei Monaten dabei, doch er fühlt sich schon richtig wohl. „Ich find’s einfach toll hier“, sagt er und rennt los, um für seine Lehrerinnen, die mit Schaumstoffspielzeug und CD-Player bepackt sind, die Tür aufzuhalten.

In einem anderen Teil der Schule üben acht Jungen und Mädchen verschiedener Altersstufen mit Snjezana Kozul Deutsch. Die Kinder leben erst seit Kurzem in Deutschland und kommen mit der Sprache noch nicht zurecht. Lehrerin Kozul verteilt bunte Bilder mit Verkehrsmitteln auf dem Boden, dann müssen die Kinder sagen, welcher Begriff dazu gehört. „Ich weiß, ich weiß! Das ist ein Auto“, ruft Saleh aufgeregt. Der Neunjährige stammt aus Syrien und ist vor einigen Monaten mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen.

Doch nicht alle in der Gruppe kommen aus Krisenländern. Aleks etwa stammt aus Bulgarien, Angie kommt aus Griechenland und ­Estere aus Lettland. Ein Jahr lang bleiben sie im Deutschkurs, danach werden sie in den normalen Klassenverband integriert. Mathematik und Sport haben sie allerdings schon zusammen mit ihren zukünftigen Klassenkameraden. „Damit sie schon mal Kontakte knüpfen können“, sagt Kozul.

Auch für Louisah und Selcuk steht jetzt Deutschunterricht auf dem Stundenplan. Sie sind zwar mit Deutsch als zweiter Sprache aufgewachsen, doch das Lesen und Schreiben bereitet den Zweitklässlern immer noch große Probleme. Deshalb bekommen sie von der kommissarischen Schulleiterin Sabine Barth-Ihl Extraunterricht, während ihre Klasse Deutsch hat. „Im normalen Unterricht würden sie sonst den Anschluss völlig verpassen“, sagt Barth-Ihl.

Louisah gibt sich während der Stunde hibbelig und muss ein paarmal ermahnt werden. Doch am Schluss meint sie, es habe Spaß gemacht. „Schule macht immer Spaß“, sagt die Achtjährige und grinst.

Bestmögliche Chance

Die Ganztagsgrundschule Saturnring gilt als sozialer Brennpunkt. 85 Prozent der 240 Schüler haben einen Migrationshintergrund, Kinder aus 35 Nationen kommen täglich in dem Gebäude zusammen. Manche der Schüler sind erst seit einigen Monaten in Deutschland und bekommen noch kaum etwas vom Unterricht mit, andere haben massive Lern- und Entwicklungsschwächen und brauchen dauerhafte Unterstützung, um den Schulalltag zu meistern. In der Grundschule prallen wahrhaftig Welten aufeinander. Doch das pädagogische Team um die kommissarische Schulleiterin Sabine Barth-Ihl und Konrektorin Silvia Moritz lässt sich von diesen Widrigkeiten nicht einschüchtern. Mit einer Vielzahl von pädagogischen Angeboten wie dem Schulkindergarten, der Deutschlerngruppe, Einzelunterricht, Nachmittagskursen und abwechslungsreich gestaltetem Unterricht treten die Pädagogen jeden Schultag an, um ihren Schützlingen die bestmöglichen Chancen zu bieten. isa

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