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Garbsen nach Kirchenbrand unter Schock
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Willehadi-Kirche nur noch Ruine Garbsen nach Kirchenbrand unter Schock

Viele Garbsener können den Brand der Willehadi-Kirche im Stadtteil Auf der Horst immer noch nicht fassen. Am Absperrzaun rund um die Ruine hängen zahlreiche bunte Bänder zum Zeichen des Mitgefühls.

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An den Absperrzaun rund um die Kirchenruine haben Garbsener bunge Bänder als Zeichen des Mitgefühls gehängt.

Quelle: von Ditfurth

Garbsen. Brandstifter hatten in der Nacht zu Dienstag die evangelische Willehadi-Kirche im Garbsener Stadtteil Auf der Horst angesteckt. Die Kirche und das angrenzende Gemeindezentrum brannten bis auf die Grundmauern nieder. Der Schaden geht in die Millionen. Doch welchen Schaden die Tat bei den Menschen in dem Stadtteil angerichtet hat, vermag bislang noch niemand abzuschätzen. „Wer Kirchen ansteckt, der schreckt auch vor dem Tod von Menschen nicht zurück“, sagt Anwohner Kurt Gleick. „Meine vier Jahre alte Tochter traut sich nicht mehr auf die Straße“, berichtet Klaudia Wiechmann. Pastorin Renate Muckelberg kämpft noch am Nachmittag gegen die Tränen: „Es gibt uns Trost, das wir schon jetzt das Signal erhalten haben, dass die Gemeinde bestehen bleiben und die Kirche wieder aufgebaut wird.“

Meterhohe Flammen

Um kurz vor 1 Uhr hatten Anwohner des Orionhofs Feuerschein und dichten Rauch in dem Gemeindehaus der Kirche bemerkt. Sie verständigten sofort die Feuerwehr. Der Brand muss sich rasend schnell ausgebreitet und auf das Kirchenschiff übergegriffen haben. Als die ersten Helfer vor Ort waren, schlugen ihnen bereits meterhohe Flammen entgegen. Wegen drohender Einsturzgefahr war es den Brandbekämpfern nicht möglich, die Gebäude zu betreten und die Flammen von innen zu bekämpfen. Auch der Versuch, über das Dach zu löschen, brachte nichts. Die Kirche war mit einem dicken Blechdach bedeckt, sodass das Wasser nicht in die Kirche eindrang, sondern am Gebäude herunterlief.

Den Brandbekämpfern, die inzwischen mit rund 150 Leuten am Ort waren, blieb nichts anderes übrig, als mit ihren Schläuchen auf die schmalen Fenster der Kirche zu zielen, um auf diese Weise gegen die Flammen anzugehen. „Erst dann kam jemand auf die Idee, die hannoversche Berufsfeuerwehr mit ihrem Spezialgerät zu Hilfe zu holen“, sagt ein Sprecher der Freiwilligen Feuerwehr Garbsen. Nach HAZ-Informationen geschah dies um 2.30 Uhr, das Feuer hatte also schon 90 Minuten lang gewütet.

Eine knappe halbe Stunde später rückten die Kollegen aus Hannover mit ihrem Löschroboter an. Das auf Ketten fahrende, ferngesteuerte Gerät wurde in den Innenraum der Kirche gelenkt und konnte dort Wasser in großen Mengen auf die Flammen spritzen.

Brandstifter zündeln im Stadtteil

Zahlreiche Anwohner waren auch in der Nacht auf die Straße gelaufen und brachen beim Anblick der brennenden Kirche in Tränen aus. Es ist nicht das erste Mal, dass Brandstifter im Stadtteil Auf der Horst zündeln. Allein in diesem Jahr registrierte die Polizei 31 Feuer, die absichtlich gelegt worden waren. In der Regel gingen Altpapiercontainer in Flammen auf.

Vor einer Woche gab es auch einen Zündelversuch im jetzt abgebrannten Gemeindehaus. Die Polizei hat in den meisten Fällen keine Hinweise auf die Täter. Doch die Anwohner des Viertels äußern ihren Verdacht unverblümt. „Wir werden seit Jahren von Jugendlichen terrorisiert. Sie pöbeln uns an, dealen offen mit Drogen, und keiner macht etwas“, sagt Klaus-Dieter Gorges. Die meist jungen Männer haben sich zum Teil in Jugend-Gangs zusammengeschlossen, nennen sich AIG (Ausländer in Garbsen) oder Gtown Gangsta, wobei das G für Garbsen steht.

Im Sommer 2011 hielt ein Lehrer der Hauptschule im Viertel die zunehmende Jugendgewalt nicht mehr aus und wandte sich in einem Hilferuf an die Behörden. Die Polizei reagierte sofort, stellte die Schule einige Tage unter Polizeischutz. Die Stadt benötigte etwas mehr Zeit. Erst in diesem Herbst sollen sich nach Angaben von Bürgermeister Alexander Heuer (SPD) drei bis vier Streetworker um die Jugendlichen vor Ort kümmern.

Nachgefragt: „Politik muss früher handeln“

Herr Wicke, die Probleme im Garbsener Stadtteil Auf der Horst sind seit Langem bekannt. Sind sie aus Ihrer Sicht zu spät angegangen worden?

Wir haben in dem Stadtteil mehr Probleme als in anderen, es gibt dort viele Schulverweigerer, viele Kinder, die von ihren Familien alleine gelassen werden. Deshalb darf man den Problemen nicht hinterherrennen, sondern muss sie bei der Wurzel packen.

Gerade in den vergangenen Tagen hat es vermehrt Brandstiftungen Auf der Horst gegeben. Auch die Kirche war davon betroffen. Hätte man diese Alarmsignale bei der Stadt ernster nehmen müssen?

Die Stadt ist nicht nur dann zuständig, wenn etwas Positives getan werden muss. Politiker müssen verstehen, dass man nicht immer hinterher mit dem Verbandskasten kommen darf. Die Jugendlichen in dem Stadtteil wissen oft nicht, was sie mit sich anfangen sollen. Da ist es nicht genug, nur nach zusätzlichen Streifenpolizisten zu rufen.

Nach dem Brandanschlag auf die Kirche haben viele Menschen Angst, einige wollen wegziehen. Was sagen Sie diesen Leuten?

Ein Stadtteil wie Auf der Horst braucht genau diese Menschen, damit ein vernünftiges Zusammenleben funktionieren kann. Es wäre dramatisch, wenn diese Leute sich von dem Viertel abwenden würden.

Kommentar: Zu spät?

Die Bilder von patrouillierenden Polizisten vor einer Garbsener Schule fanden im Sommer vor zwei Jahren bundesweit Beachtung. Unterricht unter den Augen der Staatsgewalt, weil die Lehrer der Aggression auf dem Pausenhof nicht mehr Herr wurden – diese Tatsache schockierte damals nicht nur Betroffene in der Region.

Wer bis zu diesem Zeitpunkt also nichts von den Schwierigkeiten im Garbsener Viertel Auf der Horst erfahren hatte, der konnte nach diesem Vorfall eigentlich nicht mehr die Augen vor den gewaltigen Problemen verschließen. Geschehen ist aber offenbar zu wenig. Erst jetzt scheinen die Verantwortlichen aufgewacht zu sein, nachdem eine evangelische Kirche von Brandstiftern angezündet worden ist, die vielen alten Leuten und Kindern als Treffpunkt und soziale Einrichtung diente.

Jetzt sollen Streetworker eingestellt werden, ein Konzept für die Problemkinder auf den Straßen wird erarbeitet. Es bleibt zu hoffen, dass diese Hilfe möglichst schnell greift. Denn einige der Jugendlichen, die jetzt im Fokus stehen, galten bereits vor zwei Jahren als Intensivtäter und pädagogisch kaum noch zugänglich.

Es ist nicht auszuschließen, dass ein Teil von ihnen weiter in die Kriminalität abgerutscht ist. Wenn die Pläne der Verantwortlichen nun erneut so schnell versickern wie nach den Vorfällen 2011, dann ist die nächste Katastrophe im Stadtteil programmiert.

Tobias Morchner

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