Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Der Hilferuf einer Schule und das mediale Echo

Garbsen Der Hilferuf einer Schule und das mediale Echo

Dieser Donnerstag ist kein Tag wie jeder andere an der Hauptschule Nikolaus Kopernikus in Garbsen. Grund für die zugespitzte Stimmung ist ein Brandbrief, den der scheidende Direktor der Schule, Albert Seufer, jüngst an die Landesschulbehörde und die Polizei gerichtet hat.

Planetenring 13, Garbsen 52.41617 9.60504
Google Map of 52.41617,9.60504
Planetenring 13, Garbsen Mehr Infos
Nächster Artikel
Polizei verstärkt Präsenz vor Hauptschule in Garbsen

Die Konflikte an der Schule sind der Landesschulbehörde seit Langem bekannt.

Quelle: Schaarschmidt

Garbsen. Dieser Donnerstag ist kein Tag wie jeder andere an der Hauptschule Nikolaus Kopernikus in Garbsen. Vor dem Haupteingang hat ein gutes Dutzend Pressevertreter Stellung bezogen. Jetzt, zur Mittagszeit, herrscht reger Betrieb. Zahlreiche Schüler strömen auf den Vorplatz. Einige nehmen die Journalistengruppe und die auf den Eingang gerichtete Fernsehkamera eher beiläufig zur Kenntnis, andere jedoch marschieren geradewegs auf die Medienvertreter zu.

Und die bekommen nicht nur die Neugier der Jugendlichen zu spüren. „Verzieht euch. Ihr macht uns hier nur noch mehr Probleme“, ruft einer in rüdem Ton. Er mag 15, höchstens 16 Jahre alt sein, wirkt aber durch seine stattliche, auch muskelbetonte Erscheinung ziemlich einschüchternd. Auch andere Jugendliche machen ihrem Ärger über das plötzliche Interesse an den Zuständen an ihrer Schule Luft – schließlich sei man schon allein durch die Tatsache als Außenseiter gestempelt, dass man ausgerechnet in diesem Stadtteil lebe und ausgerechnet auf diese Schule gehe. „Unsere Zukunft ist doch sowieso schon verbaut“, ruft einer. „Und jetzt heißt es auch noch, wir seien hier alle gewalttätig.“

Brandbrief des Direktors

Grund für die zugespitzte Stimmung ist ein Brandbrief, den der scheidende Direktor der Schule, Albert Seufer, jüngst an die Landesschulbehörde und die Polizei gerichtet hat. Das Schriftstück gelangte am Donnerstag an die Öffentlichkeit und befeuert nun eine lebhafte Diskussion über die Zustände an der Garbsener Hauptschule. In dem Brief berichtet der Schulleiter, der am 30. Juni in den Ruhestand gehen wird, von beunruhigenden Vorfällen, die dazu geführt hätten, dass einige Lehrer nicht mehr angstfrei zur Schule kommen: Von einem Stuhlwurf nach einer Pädagogin ist die Rede, von eingeschlagenen Autoscheiben und aufgeschlitzten Reifen. Ganz zu schweigen von Pöbeleien, Gewaltandrohungen, Mobbing, Schlägen und weiteren Verhaltensweisen, die ein gerüttelt Maß an Roheit bezeugen.

17 Anzeigen sind nach Auskunft der Polizei gegen Schüler in den letzten zweieinhalb Jahren gestellt worden, dazu kommen zahlreiche disziplinarische Maßnahmen, etwa vorübergehende Schulverweise. Angezeigt wurden Delikte wie Bedrohung, Nötigung, Beleidigung, Diebstahl sowie Körperverletzung zum Beispiel bei Prügeleien. „Es ist niemand ernsthaft verletzt worden“, betont Polizeisprecher Stefan Wittke. Die bloße Anzahl der Taten sei nicht unbedingt höher als an anderen Schulen.

Die Konflikte an der Schule sind der Landesschulbehörde seit Langem bekannt. Der zuständige Dezernent hat die Lehrer wiederholt beraten. Die Behörde schickte zusätzliche Lehrer, die Sprachförderstunden geben, Sozialpädagogen, die sich um Probleme der Schüler kümmern, und auch für das Ganztagsangebot gab es Extrastunden, „über das übliche Maß hinaus“, heißt es. Auch die Stadt Garbsen finanziert einen Sozialarbeiter. Seit Kurzem arbeitet außerdem eine Lehrerin an der Schule, die selbst aus einer Einwandererfamilie stammt. Geholfen hat all das offenbar nur begrenzt.

„Der Schulleiter und die sehr engagierten Lehrer haben ihre Arbeit bis jetzt gut hinbekommen. Aber seit einiger Zeit haben sich die Probleme mit einer kleinen Gruppe von Schülern gehäuft“, sagt Susanne Strätz, Sprecherin der Landesschulbehörde. Wie gestern bekannt wurde, hat die Schule drei tatverdächtige Jugendliche vom Unterricht suspendiert. Einer der drei, ein 14-Jähriger, der den Stuhl nach seiner Lehrerin warf, soll voraussichtlich nicht mehr an die Schule zurückkehren.

Die sozialen Spannungen im Garbsener Stadtteil Auf der Horst sind beträchtlich. Menschen aus zahlreichen Nationen leben in der Hochhaussiedlung, viele sind auf Sozialleistungen angewiesen. In der Hauptschule treffen nach Kenntnis der Polizei türkische und kurdische Einwanderer zusammen, deren Familienverbände verfeindet sind. Doch das ist nur ein Detail, das die tägliche Arbeit der Lehrer belastet. Sie unterrichten traumatisierte Flüchtlingskinder aus dem Irak, die kein Wort Deutsch sprechen, neben Russlanddeutschen, Serben, Albanern und Schülern aus zahlreichen weiteren Ländern. Einige Kinder sind schon allein mit üblichen Hygienevorstellungen nicht vertraut. Die meisten brauchen mehr Aufmerksamkeit, als sie in einer Klasse mit mehr als 20 Schülern bekommen können. Manche Schüler halten sich nicht an Regeln oder nur an die, die sie auf der Straße selbst aufgestellt haben.

Diese Gemengelage birgt offenbar so viel Zündstoff, dass das Lehrerkollegium der Hauptschule Nikolaus Kopernikus an Grenzen geriet. Als die Gewalttätigkeit besorgniserregende Ausmaße annahm, suchte der Schulleiter erneut Rat bei der Landesschulbehörde – diesmal mit seinem alarmierenden Brandbrief. Darin fordert er weitreichende Sicherheitsmaßnahmen – unter anderem Wachpersonal, Videokameras und Ausweiskontrollen – und lädt zum Gespräch ein.

Der Einladung folgten gestern Garbsens Schul- und Sozialdezernentin Iris Medke, Regierungsschuldirektor Siegfried Borgmann, Vertreter der örtlichen Polizeiinspektion sowie Lehrer und Elternvertreter. Rund drei Stunden tagte das Gremium hinter verschlossenen Türen, um schließlich in dürren Worten bekannt zu geben, dass man ab sofort verstärkt Polizeistreifen vor der Schule patrouillieren lasse und darüber hinaus ein Sicherheitskonzept entwickeln werde, das den angespannten Verhältnissen an der Nikolaus-Kopernikus-Schule Rechnung trage. An Maßnahmen, die „aus einer Schule einen Hochsicherheitstrakt“ machen, denke man aber keineswegs, beteuerte Sozialdezernentin Medke.

Medienaufmerksamkeit wirkt verstörend

Siegfried Borgmann von der Landesschulbehörde deutete an, dass ein Wachmann und die Ausstattung der Türen mit Knäufen statt Klinken Teil eines solchen Sicherheitpakets sein könnten. „Was auch immer wir entscheiden werden: Wichtig ist, dass alle Maßnahmen pädagogisch sinnvoll sind, den Schülern nicht der Spaß an der Schule genommen wird und keine Persönlichkeits- und Datenschutzrechte tangiert werden“, ergänzte Borgmann. Elternvertreterin Ümmü Gül Kahraman hält nicht allzu viel von dem Konzept. Wichtiger sei es, mit pädagogischem Feingefühl und Unterstützung der Familien darauf hinzuarbeiten, dass Schüler respektvoller miteinander umgingen und einander in Konfliktsituationen beistünden. „Kameras und Sicherheitsleute wirken womöglich provozierend und schüren weitere Aggressionen“, befürchtet die Mutter eines 12-jährigen Sohnes.

Verstörung herrscht an der Hauptschule Nikolaus Kopernikus – über die Ausschreitungen der jüngsten Zeit, aber auch über die bundesweite Medienaufmerksamkeit, die der Schule dadurch zuteil wird. Lehrer, Schulleitung und viele ehemalige Schüler, die sich gestern vor dem Schulgebäude trafen, befürchten nun, dass die Schule unter Generalverdacht gerät. Dabei sprechen Behörden und Polizei lediglich von einer kleinen gewaltbereiten Gruppe. Die meisten Schüler, da sind sich Lehrer und Jugendliche einig, kommen bestens miteinander aus.

Daniel Behrendt und Bärbel Hilbig

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Gewalt und Straftaten
Polizisten stehen vor der Hauptschule Nikolaus Kopernikus  in Garbsen.

Schlägereien, Erpressungen und Mobbing: Die Hauptschule Nikolaus Kopernikus in Garbsen bei Hannoverist wegen Gewaltdelikten in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Seit dem Hilferuf des Direktors verstärkt die Polizei ihre Präsenz vor der Schule.

mehr
Mehr aus Nachrichten
doc6xkxyanz05tmbxkhoxg
Parkour ist mehr als nur eine Sportart

Fotostrecke Garbsen: Parkour ist mehr als nur eine Sportart

Lebensart-Garbsen

Viele interessante Informationen, Adressen und Unternehmen aus Hannovers Nachbarort finden Sie im innovativen Netzwerk "Lebensart Garbsen". mehr