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Polizei Hannover übt Kritik an Garbsener Stadtverwaltung

Vorfälle an Hauptschule Polizei Hannover übt Kritik an Garbsener Stadtverwaltung

In der Debatte um die Vorfälle an einer Garbsener Hauptschule übt die Polizeidirektion Hannover scharfe Kritik an der Verwaltung der Stadt. Man glaube schon, dass „die nach der Landeshauptstadt zweitgrößte Stadt der Region Hannover ein eigenes Jugendamt braucht“.

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„Unsere Schüler sind nicht auf Rosen gebettet“: Schulleiter Albert Seufer (links) und Kultusminister Bernd Althusmann stehen Journalisten vor der Schule Rede und Antwort.

Quelle: Frank Wilde

Garbsen. Das sagte Polizeisprecher Stefan Wittke am Freitag nach einem Besuch von Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann in der Hauptschule Nikolaus Kopernikus im Garbsener Stadtteil Auf der Horst. Schon seit Langem trage die Polizei diesen Wunsch an die Stadt Garbsen heran – bisher jedoch vergeblich. Man hoffe nun, „dass die Stadt ihre Haltung überdenkt“.

In der Region Hannover leisten sich nur sechs von 21 Kommunen bisher ein eigenes Jugendamt, in den anderen unterhält die Region sogenannte Jugendhilfestationen. Aufgrund der Größe Garbsens und problematischer Stadtteile wie Auf der Horst sieht sich Bürgermeister Alexander Heuer (SPD) seit Jahren der Forderung nach einem eigenen Jugendamt ausgesetzt. Diese hat Heuer jedoch mit Verweis auf höhere Kosten stets abgelehnt.

Stattdessen zeigte Heuer am Freitag Unverständnis für den schriftlichen Hilferuf von Schulleiter Albert Seufer, den dieser vor gut einer Woche an Stadt, Polizei und Schulbehörde gerichtet hatte. „Ich halte die Situation überhaupt nicht für kritisch“, sagte Heuer vor dem Schuleingang zu Journalisten. „Das Schreiben des Schulleiters war eine Überreaktion. Es hilft uns allen nicht, wenn die Schule in ein schlechtes Licht gestellt wird.“ Seufer hatte in seinem Brief unter anderem vom Stuhlwurf eines Schülers auf eine 28-jährige türkischstämmige Lehrerin berichtet. Außerdem hatte er beschrieben, dass an mehreren Autos von Lehrern zuletzt die Scheiben eingeschlagen und Reifen zerstochen worden waren.

Niedersachsens Kultusminister, Bernd Althusmann (rechts), hat am Freitag Garbsener Hauptschule "Nikolas Kopernikus" besucht. Die Schule war in die Schlagzeilen geraten seit ihr Direktor, Albert Seufer (links), einen Brandbrief an die Schulbehörde, die Stadt Garbsen und die Polizei geschrieben und dramatische Zustände an seiner Lehranstalt geschildert hatte.

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Schulleiter Seufer wollte die Vorwürfe des Bürgermeisters in Bezug auf seinen Brief am Freitag nicht kommentieren. Kultusminister Bernd Althusmann dagegen verwahrte sich gegen gegenseitige Schuldzuweisungen. Er habe Heuer „sehr deutlich signalisiert, dass wir jetzt an einem Strang ziehen müssen“, sagte der Minister. Die Vorfälle an der Schule hätten sehr wohl dazu Anlass gegeben, „darüber nachzudenken, dass man hier nicht tatenlos zusehen kann“. Die Lehrer erwarteten von der Politik jetzt Handeln – „auch von der Stadt Garbsen“.

Althusmann selbst sagte dem Kollegium Hilfe dabei zu, die Probleme in den Griff zu bekommen. Dazu beitragen soll auch der neue Direktor, der den zum Monatsende in den Ruhestand scheidenden Seufer ersetzen soll. Während Althusmann zur Person des Neuen noch nichts sagen wollte, tat Bürgermeister Heuer dies sehr wohl: Es handele sich um einen Pädagogen mit türkischen Wurzeln, der selbst im Stadtteil Auf der Horst aufgewachsen und derzeit an einer anderen Schule in der Region tätig sei.

Rugby und Boxen

Vielleicht wäre alles anders gekommen, wäre der Bürgermeister früher dran gewesen. Vielleicht wäre ihm der Streit erspart geblieben. Aber als Garbsens Stadtoberhaupt Alexander Heuer (SPD) am Freitag um kurz nach neun die Szenerie vor dem Eingang der Hauptschule Nikolaus Kopernikus betritt, ist der Minister schon da und die Tür wegen der zahlreichen Fotografen verriegelt. So ist der Bürgermeister draußen für eine Weile mit den Medien alleine. Und legt schon mal los.

Während sich also drinnen Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) vom Kollegium und zwei Schulklassen erzählen lässt, wie es denn zu dem verzweifelten Brandbrief ihres Direktors kommen konnte, wie das war mit dem Stuhlwurf auf eine Lehrerin, mit zerschlagenen Scheiben und zerstochenen Reifen an Lehrerautos, lässt sich Bürgermeister Heuer draußen von einem Kameramann aus dem Schlagschatten bugsieren, holt tief Luft und sagt: „Ich halte die Situation überhaupt nicht für kritisch.“ Und: „Das Schreiben des Schulleiters war eine Überreaktion.“ Die Stadt habe der Schule zahlreiche Hilfsangebote gemacht. „Aber die Resonanz war nur sehr schwach.“ Das geht so, bis ihm jemand von drinnen die Tür aufschließt.

Man wusste schon vorher, dass die Hauptschule im Garbsener Stadtteil Auf der Horst Probleme hat. Wer von der Schule aus einmal über die Straße in Richtung Marktplatz geht, bekommt recht schnell einen Eindruck davon, wie diese Probleme aussehen könnten. „Man muss sich darüber klar sein, dass unsere Schüler nicht auf Rosen gebettet sind“, wird Schulleiter Albert Seufer nach seinem Gespräch mit dem Minister sagen. „Viele leben in sehr beengten Verhältnissen, sieben, acht Personen auf 60 Quadratmetern. Wie soll man da Hausaufgaben machen?“ Die Polizei spricht von „hygienischen Problemen“, was heißt, dass manche Kinder sich wochenlang nicht die Zähne putzen. Und sie spricht von Konflikten zwischen einzelnen Volksgruppen, Türken und Kurden vor allem. Aber wer dem Bürgermeister vor der Schultür so zuhört, der ahnt, dass Direktor Seufer noch ganz andere Probleme hat. Denn Heuers Problem ist vor allem die ungünstige Berichterstattung. „Es hilft uns allen nicht, wenn die Schule öffentlich ins Gerede gebracht wird“, sagt er. Der Punkt ist ihm besonders wichtig.

Tatsächlich ist es schwierig zu sagen, inwiefern die Hauptschule Nikolaus Kopernikus überhaupt anders ist als andere Hauptschulen in vergleichbaren Vierteln. Mag sein, dass Seufers Brief nicht die richtige Maßnahme war, sagen Beteiligte, auch, weil ihm an dem Medienrummel nicht gelegen sein konnte. „Ich wollte mit den übergeordneten Stellen sprechen, nicht mit Ihnen“, sagt Seufer ein bisschen verzweifelt in die zahlreichen Mikrofone der Journalisten. Und doch antwortet er auf die Frage, ob sein Brief denn nun etwas gebracht habe: „Ich gehe davon aus, dass wir in Zukunft mehr Unterstützung bekommen.“

Der Minister jedenfalls bemüht sich nach gut zwei Stunden Schulbesuch ernsthaft um den Eindruck, mehr im Gepäck zu haben als nur warme Worte. Er spricht von Überlegungen, ein „Sicherheitskonzept“ zu etablieren, von Planungen, am Nachmittag Rugby- oder Boxprojekte anzubieten und davon, zu klären, ob die Schule zusätzliche Mittel braucht. Und er lässt anklingen, dass bei der Besetzung der Lehrerstellen vielleicht nicht richtig hingeschaut worden ist: „Es bleibt die Frage, ob eine stärkere Durchmischung mit männlichen Kollegen notwendig ist“, sagt Althusmann. Die Schule habe zudem gerade einen Generationswechsel hinter sich. Sehr jung und sehr weiblich ist das Kollegium, heißt das. Direktor Seufer sagt, vielen Lehrern fehle trotz erstklassiger Ausbildung schlicht die Erfahrung im Umgang mit schwierigen Schülern. „Das muss man erst lernen.“ Als er das sagt, ist der Bürgermeister schon auf dem nächsten Termin. Zuvor hat er noch Zeit gehabt, sich gegen eine Videoüberwachung der Schule auszusprechen. „Technisch ungeeignet und pädagogisch nicht das Richtige“, findet Heuer. Allenfalls, sagt der Bürgermeister, könnte man den Parkplatz überwachen, nicht aber das Schulgelände.

Irgendwann an diesem Vormittag muss Polizeisprecher Stefan Wittke für sich die Entscheidung getroffen haben, dieses Mal etwas deutlicher zu werden. Vielleicht wegen der Interviews des Bürgermeisters, vielleicht auch, weil die Polizei Heuer seit Jahren damit in den Ohren liegt, er möge in seiner Stadt doch endlich ein eigenes Jugendamt etablieren. Kameras auf dem Parkplatz jedenfalls seien schwer umzusetzen, weil dieser öffentlicher Raum und damit dem Datenschutz unterworfen sei. Anders wäre das im Schulgebäude – da hätte die Stadt zu entscheiden. „Es ist uns nicht erklärlich, warum Herr Heuer der Meinung ist, Kameraüberwachung stelle eine ganze Schule unter Generalverdacht“, sagt Wittke. „Diese Sichtweise ist ideologisch geprägt und nicht sachgerecht.“ Gegen Streifenbeamte vor der Schule habe der Bürgermeister schließlich auch nichts einzuwenden. „Passt das zusammen?“, fragt Wittke und zuckt die Achseln.

Es passt so manches nicht in Garbsen Auf der Horst, aber wenigstens haben sie jetzt mal drüber gesprochen.

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