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Im Boden brodeln die Altlasten

Giftmüll am Rand von Stelingen Im Boden brodeln die Altlasten

Die Region Hannover hat in zwei ehemaligen Sandgruben am Rand von Stelingen alten Giftmüll entdeckt. An beiden Stellen ist das Grundwasser belastet, in einem Fall sogar erheblich. Nachgewiesen sind krebserregende chlorierte Kohlenwasserstoffe sowie Ammonium und Zink.

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Giften auf der Spur: Eine Fachfirma setzt bis zu 60 Meter tiefe Messstellen unter anderem an der Dorfstraße, Ecke Stöckener Straße und an den benachbarten Pferdekoppeln.

Quelle: Markus Holz

Stelingen. Beide Sondermülldeponien liegen südwestlich von Stelingen. Die Deponie Sander grenzt an die Engelbosteler-, an die Dorf- und die Verlängerung der Stöckener Straße. Sie misst etwa 400 mal 150 Meter. Die kleinere Deponie Hohler Weg - etwa 100 mal 60 Meter - liegt südlich der Siedlung Hohler Weg und Hinter der Worth an einem Wirtschaftsweg. Beide Deponien hat die Region 2015 untersuchen lassen. Amtlich verzeichnet sind sie seit 1985.

Die Deponie Hohler Weg...

...ist eine Sandgrube. Der Sandabbau wurde um 1960 eingestellt. Danach sind Schleif- und Betonschlämme, Öle und Lösungsmittel, Faulschlamm sowie Bauschutt in die Grube gekippt und mit natürlichem Boden abgedeckt worden. Das gefährliche ist die Mischung: Die chemischen Verbindungen im Müll reagieren miteinander. Es kommt zur Entstehung unter anderem von chlorierten Kohlenwasserstoffen. Die Belastung des Grundwassers ist dort so hoch, dass die Region von einem "schweren Schaden" spricht. Sie prüft jetzt, wer für die Vergiftung des Bodens verantwortlich ist und für die Sanierung der Deponie zur Kasse gebeten werden kann. Und sie lässt vor allem das Wasser an mehreren neuen Messpunkten untersuchen.

Die Deponie Sander

Von außen sieht der Spaziergänger nichts. Die Fläche ist eine vollständig verfüllte ehemalige Sand- und Kiesgrube. Mitte der Sechzigerjahre sei der Sandabbau eingestellt und die Grube verfüllt worden, schreibt die Region. Um 1978 soll die Grube voll gewesen sein. Abgekippt wurden Industrie-, Gewerbe-, Haus- und Sperrmüll, sowie Verpackungen, Bauschutt und Boden. Nach Erkenntnissen der Region wird das Grundwasser von deponietypischen Schadstoffen wie Ammonium und Zink belastet. Chlorierte Kohlenwasserstoffe wurden in "vergleichsweise geringer" Konzentration gefunden. Wie groß die Gefahr für die Umwelt ist, ist noch nicht abschätzbar. An der Oberfläche lässt die Region Hannover den Boden auf den benachbarten Pferdekoppeln untersuchen. Für Grundwasseranalysen lässt sie mehrere Messstellen bis in eine Tiefe von 60 Metern setzen.

Warum erst heute?

Im Gebiet der Region Hannover sind 689 alte Deponien verzeichnet. Dazu gehörte unter anderem die längst sanierte Sondermülldeponie Flemmingsche Tonkuhle an der B6, jetzt bebaut mit Hornbach, dem Betriebshof der Aha, Teilen von Teppich Kibek und dem ehemaligen Holzhandel Stöllger. Seit den 1990er Jahren untersuchen der Landkreis, später die Region, die Altlasten systematisch. 321 Altdeponien gelten als untersucht und saniert. 368 Deponien fehlen noch.

Die Deponien sind bewertet mit 0 bis 100 Punkten. Müll unmittelbar in oder an Siedlungen, in Wasserschutzgebieten und die großen Sondermüll-Lager haben hohe Punktzahlen und werden vorrangig untersucht. Sander und Hohler Weg galten wegen ihrer Lage und Größe nicht als vorrangig. Sie tragen die Punktzahl 68 und 73. Im August 2015 hat die Region das Büro Dr. Pelzer & Partner aus Hildesheim mit einer Gefährdungsabschätzung beauftragt. Aufgabe war es zu prüfen, ob dort überhaupt Schadstoffe in die Umwelt gelangen. Das hat sich in beiden Fällen bestätigt. Im März wurden Grundstückseigentümer und die Stadt Garbsen über die Ergebnisse und weitere Schritte informiert, nicht aber die Öffentlichkeit.

Gehen von den Deponien Gefahren aus?

So genau kann sich die Region noch nicht festlegen. Analysen der nächsten Monate von Boden und Grundwasser werden genauere Daten liefern. Sicher ist, dass schwer belastetes Grundwasser aus der Deponie Hohler Weg Richtung Osten fließt. Die sogenannte "Schadstoff-Fahne" reicht bis in die Deponie Sander. Die chlorierten Kohlenwasserstoffe seien relativ dicht unter der Oberfläche entdeckt worden. Wie tief der Schaden am Hohlen Weg reicht, muss untersucht werden. Im Bereich Sander sind chlorierte Kohlenwasserstoffe in 30 bis 40 Metern Tiefe gemessen worden, allerdings weniger konzentriert als am Hohlen Weg. "Nach derzeitigem Kenntnisstand gibt es keine Hinweise darauf, dass landwirtschaftlich genutzte Brunnen im Bereich der Schadstoff-Fahne liegen", schreibt die Region. Beide Flächen sind unbewohnt. "Wir haben gegenüber den Landwirten keine Verhaltensempfehlungen ausgesprochen", schreibt Regionspressesprecher Klaus Abelmann.

Und jetzt?

Jetzt darf die Region nicht mehr locker lassen. Sie ist zum einen verpflichtet, Verursacher zu finden, die für die Untersuchungen und eine Sanierung aufkommen. Steuergeld darf sie erst einsetzen, wenn sich kein Verursacher findet. Und sie ist gesetzlich verpflichtet, die Gefahr für die Umwelt so zügig wie möglich zu beseitigen. Wie das besonders im Fall Hohler Weg passieren soll, steht noch nicht fest, weil Untersuchungen ausstehen. Aber es gab einen ähnlichen Fall.

Der Fall Ditterke

2006 hatte die Region Hannover eine Sondermüll-Deponie in einer alten Badeanstalt bei Ditterke, Stadt Gehrden, erkundet. Chlorierte Kohlenwasserstoffe flossen bis weit nach Ditterke hinein. Das Wasser taugte noch zum Blumengießen, für mehr nicht. 2007 nahm die Polizei Ermittlungen auf, am Ende ohne Ergebnis. Die Kosten für Analysen und Sanierung, rund 2,2 Millionen Euro, wollte die Region auf die Stadt Gehrden abwälzen. Gehrden ist  - anders als Garbsen - Besitzerin des Grundstücks. Die Stadt wehrte sich gerichtlich. Weil an der Deponie deshalb drei Jahre lang nichts passierte, ließ die Staatsanwaltschaft Akten des Bürgermeisters beschlagnahmen und wollte ihn der Untätigkeit anklagen. Der Fall ist beigelegt, die Region hat sich mit 800 000 Euro an der Sanierung beteiligt. Spundwände wurden gesetzt, rund 7000 Kubikmeter Boden und Müll entsorgt. Die Deponie gilt als saniert. "Vom Verfahren her - Untersuchung und Sanierung - könnte das in Stelingen ähnlich werden", sagt Abelmann. Lasse sich kein Verursacher ermitteln, zahle die Region die Zeche. In Garbsen sieht sich die Stadtverwaltung derzeit nicht im Boot. Die Federführung bei der Untersuchung und Sanierung der Deponien liegt bei der Region Hannover.

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Fotostrecke Garbsen: Im Boden brodeln die Altlasten

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Von Redakteur Markus Holz

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