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Refugee Roads: Begegnungen im Niemandsland

Garbsen/Leiden Refugee Roads: Begegnungen im Niemandsland

In Garbsen, in Deutschland überhaupt ist von der sogenannten Flüchtlingskrise nicht viel zu spüren. Auf dem Balkan dafür umso mehr. Florian Volz, Student aus Garbsen, und sein Kommilitone Timo Schmidt haben mit dem Fahrrad die Balkanrouten erkundet - ihre Erfahrungen wollen sie in ein Studienprojekt einfließen lassen. Und sie wollen als Augenzeugen die Öffentlichkeit informieren.

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In einem Flüchtlingscamp in Mazedonien treffen Florian Volz (links) und Timo Schmidt den bildenden Künstler Shergo Moussa (Zweiter von links), der seit sechs Monaten mit seiner Familie in dem kleinen Container lebte.

Quelle: privat

Auf der Horst. Mehr als 2000 Kilometer sind sie mit dem Rad gefahren: Von Den Haag über München, Wien, die Balkanstaaten Slowenien, Kroatien, Serbien und Bulgarien bis Istanbul und dann nach Lesbos - auf den Spuren der Flüchtlinge. Klingt zunächst mal wie ein Selbsterfahrungsprojekt, und das war es in Teilen auch, aber was sie vor allem suchten war: Realität, und keine virtuelle, Menschen, mit denen sie über deren Erfahrungen sprechen konnte.

Am tiefsten bewegt hat Volz die Begegnung mit Familien im Niemandsland zwischen Ungarn und Serbien: "Dort gibt es einen breiten Streifen, den keines der Länder kontrolliert." Wie die Situation entstehen konnte, weiß er nicht. Von serbischen Grenzpolizisten wurden die beiden Studenten durchgelassen. "Hunderte von Flüchtlingen hausen dort unter unvorstellbar schlimmen Bedingungen." Sie sprachen mit einer Frau, die auf der Flucht niedergekommen war, und zehn Tage lang mit dem Neugeborenen auf der Flüchtlingsroute herumirrte. Ein Mann berichtete ihnen, dass seine Frau an Krebs erkrankt sei - auf ärztliche Versorgung hofften sie vergeblich. Ein fünfjähriger Junge, dessen Haut über und über von der Sonne verbrannt war, grinste sie an und machte Quatsch mit ihnen. "Das alles hat mich umgehauen", sagt Volz. Er sei nachdem Besuch tränenüberströmt zusammengebrochen. Schnell gewann aber Pragmatismus wieder die Oberhand: Ein kurzfristiger Spendenaufruf online erbrachte einen Erlös von 700 Euro - davon kauften sie in Belgrad Dinge des täglichen Bedarfs, Drogerie- und Hygieneartikel vor allem, die sie an die Menschen im Niemandsland verteilten.

Volz und Schmidt haben unterwegs "viele Geschichten gehört, vor allem krasse Geschichten", und immer wieder die sinnlos erscheinende Frage: Warum muss das alles so sein? Die Tatsache, dass diese Reise auch einem Studienprojekt diente, half ihnen oft, die professionelle Distanz zurückzugewinnen. Die ARD hat sie zweimal für je vier Tage begleitet. Der Beitrag ist im Europa-Magazin gesendet worden.

An der türkisch-griechischen Grenze hatten sie die Möglichkeit, mit der Grenzsicherungsorganisation Frontex in zwei Patrouillenbooten von Lesbos aus eine Nachtschicht mitzuerleben. Es war eine norwegische Mannschaft. "Frontex hat kein eigenes Personal", sagt Volz. Die einzelnen europäischen Länder stellten Kontingente, die dann unter dem Namen der Frontex aktiv werden. Volz und Schmidt fuhren mit den Booten Patrouille und erlebten die enge Zusammenarbeit mit der türkischen und griechischen Küstenwache und der Nato. "Frontex sucht aktiv nach Schmugglern und hält alles an, was sich bewegt."

Nach Volz' Einschätzung stecken auf der Balkanroute 60.000 oder 70.000 Flüchtlinge fest: "In Deutschland wird das nicht mehr thematisiert, sondern unter den Tisch gekehrt." Aber das Flüchtlingsproblem sei nicht gelöst: "Es geht dort weder vor noch zurück, auch die Freiwilligen dort können die Lage nicht realistisch einschätzen." Sicher sei: Seit dem Putschversuch in der Türkei gebe es wieder vermehrt Bewegung unter Flüchtlingen: "Ein paar Hundert gehen pro Woche auf die Balkanroute und bleiben dann irgendwann stecken."

Die gesamte Reise ist auf Video dokumentiert. Sie sind jetzt dabei, einen vorführbaren Film aus dem Material zu machen. "Wir wollen die Geschichten, die wir gehört und erlebt haben, weitergeben", sagt Volz. Auf Einladung hält er Vorträge, auch im Johannes-Kepler-Gymnasium war er schon. Die beiden nehmen gern noch Spenden an, um ihre Projekt weiter zu verfolgen. Mehr Informationen gibt es auf cinecrowd.com/nl/refugee-roads.

Garbsen bleibt die Heimat

Volz und Schmidt studieren International Studies in Leiden, Niederlande, Volz mit dem Schwerpunkt Afrika, Schmidt mit dem Fokus auf den Nahen Osten. Beide haben sich in Projekten schon mit dem Thema Migration auseinandergesetzt. Volz’ Familie wohnte bis vor Kurzem in Frielingen, ist dann nach Bordenau gezogen. Er ging in die Grundschule Frielingen und machte 2012 sein Abitur an der IGS, wo er auch Schülersprecher war. „Garbsen ist und bleibt meine Heimat“, sagt Volz, "ich denke, dass die menschenfreundliche und offene Atmosphäre in Garbsen mich dauerhaft geprägt hat.“

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Spontane Hilfe: Timo Schmidt verteilt Drogerieartikel im Niemandsland zwischen Ungarn und Serbien.

Quelle: privat
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Von Redakteur Bernd Riedel

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