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"Wir haben auch eine Verantwortung"

Gehrden "Wir haben auch eine Verantwortung"

Der Syrier Bassel Neyazi war einst Diplomat im Außenministerium, und arbeitete in Paris und Teheran. Jetzt lebt er mit seiner Familie seit einigen Monaten im Calenberger Land.

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Seit acht Monaten ist die Familie Neyazi in Gehrden: Wafaa Farhoud (rechts) und Bassel Neyazi mit ihren Töchtern Bissan (9) und Lamar (7).

Quelle: Wirausky

Gehrden. Arabisch, Englisch, Französisch, Persisch - jetzt Deutsch. "Jeden Tag versuche ich, neue Worte zu lernen", sagt Bassel Neyazi. Der 40-jährige Syrer lebt seit knapp neun Monaten im Calenberger Land, und spricht fast schon bestes Deutsch. "Die Sprache ist nicht einfach", gesteht er. Dabei hat Neyazi Erfahrung mit dem Erlernen einer neuen Sprache. Als Diplomat des syrischen Außenministeriums lebte er einige Jahre in Paris und Teheran. Er weiß: "Integration ist leichter, wenn man die Sprache spricht", sagt Neyazi.

In Syrien ging es ihm gut - mit seiner Stellung im Ministerium. Als die syrische Regierung von Diktator Baschar al-Assad 2011 die eigene Bevölkerung bombardierte und mit Waffengewalt gegen Demonstranten vorging, kritisierte Bassel Neyazi das brutale Vorgehen. Trotz seiner Stellung im Außenministerium wurde er anschließend unter Hausarrest gestellt. "Ich stand unter ständiger Kontrolle und meine Sicherheit war bedroht", berichtet er. Er musste zu Verhören, seine Telefon wurde abgehört. Täglich rechnete er damit, festgenommen zu werden. Schließlich fand er 2015 eine Möglichkeit, das Land zu verlassen. Eine gefährliche Odyssee - für ihn und seine Familie. Er über Aleppo in die Türkei. Seine Frau und die zwei Kinder Lamar und Bissan wählten den Weg über den Libanon. Von dort flogen sie in die Türkei. "Ich wusste nicht, ob ich sie wiedersehe", erinnert sich Bassel Neyazi an die schlimmen Stunden der Ungewissheit.

Es kam zum Happyend. Über die deutsche Botschaft in der Türkei kam die Familie schließlich nach Deutschland. "Wir haben uns vom ersten Moment an willkommen gefühlt", sagt er. Als er mit seiner Frau und den beiden Töchtern angekommen seien, sei alles vorbereitet gewesen. "Sogar unser Name stand auf dem Klingelschild", sagt er. "Und wir sind hier sicher." Ein unbeschreibliches Gefühl. Seine Töchtern könnte allein in die Schule gehen, ohne dass sie Angst haben müssten. Lamar und Bissan sind fröhliche Kinder, sie lachen viel. Sie haben sich längst eingelebt. Die Schule sei toll und Freunde haben sie ebenfalls gefunden. Wie selbstverständlich werden sie zu Geburtstagen eingeladen. "Es ist schön zu sehen, wie sie ein Teil der Gemeinschaft sind", sagt Bassel Neyazi

Überhaupt: Die Menschen seien hilfsbereit und freundlich. "Ich habe keine negativen Erfahrungen gemacht", sagt er. Auch wenn er spüre, dass nach den Vorkommnissen in Köln in der Silvesternacht eine gewisse Skepsis aufgekommen sei. "Was dort passiert ist, ist tragisch", sagt Bassel Neyazi. Das seien Kriminelle - "und das waren sie schon bevor sie Flüchtlinge wurden", ist Neyazi überzeugt. Und er appelliert: "Wir sind Gäste und die Deutschen müssen sich nicht bedroht fühlen." Die Menschen haben nicht im Gummiboot das Meer überquert, um Frauen zu belästigen.

Neyazi ist sicher: Die Syrer wollen sich integrieren und sich schnell einleben. "Es ist nicht unser Ziel, eine Parallelgesellschaft zu errichten", sagt der 40-Jährige. Und an seine Landsleute gerichtet, fordert er: "Wir haben eine große Verantwortung, den Deutschen zu zeigen, dass wir ihnen dankbar für die Hilfe sind." Die Zuwanderer müssten die Gesetze und Wertvorstellungen der Deutschen respektieren.

Und dennoch: Es bleibt die Angst - vor der Zukunft. "Wir leben jetzt sicher, aber wir wissen nicht, wie es weitergeht", sagt Bassel Neyazi. Er habe immer gearbeitet und möchte schnell eigenes Geld verdienen. Doch womit. Er sei Politiker, Diplomat und Jurist, seine Frau ist Lehrerin für Englisch und Literatur. "Es ist schwierig für uns, eine Arbeit zu finden", gesteht er - trotz der guten Ausbildung. Er habe das Gefühl, dass sei in Deutschland nicht von Bedeutung. "Handwerker haben es einfacher", glaubt er. Doch er werde nicht aufgeben.

Die Frage, ob er eines Tages nach Syrien zurück wolle, könne er nicht beantworten, sagt Bassel Neyazi. Man spürt: Seine Gedanken wandern kurz nach Damaskus, in die etwa 4000 Kilometer entfernte syrische Hauptstadt. Dort ist er aufgewachsen, dort hat er gelebt und dort sind seine Kinder geboren - und wo jetzt Krieg, Terror und Verfolgung herrscht. Laut einer Studie der Nichtregierungsorganisation SCPR sind in dem Krieg bislang 470000 Menschen getötet worden, 45 Prozent der Bevölkerung wurden vertrieben. Die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Assad-treuen Truppen, örtlichen Rebellengruppen und dem "Islamischen Staat" haben  eine der größten Flüchtlingswellen unserer Zeit ausgelöst.

Neyazi überlegt. "Meine Familie fühlt sich wohl in Deutschland", sagt er - auch wenn sie im Geist oft in Syrien sei. Aber er ist überzeugt, dass viele Syrer in ihr Heimatland zurückkehren - wenn der Krieg vorbei und wieder Frieden sei. 

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Von Redakteur Dirk Wirausky

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