Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Zu wenig Sprachklassen für Flüchtlingskinder

Wennigsen/Gehrden/Ronnenberg Zu wenig Sprachklassen für Flüchtlingskinder

In Wennigsen, Gehrden und Ronnenberg bemühen sich die Grundschulen bislang vergeblich um Sprachlernklassen für Flüchtlingskinder. Für diese separaten Deutschlerngruppen wurden bis jetzt keine zusätzlichen Lehrerstunden bewilligt. Die Kinder sitzen ohne Sprachkenntnisse im normalen Fachunterricht.

Voriger Artikel
Weiterhin Parkverbot an Hornstraße
Nächster Artikel
So geht die Sonne am Deister unter

Spontaner Crashkurs: Lehrerin Anke Hüper erklärt einigen Flüchtlingskindern in einer großen Pause zwei deutsche Begriffe. Die Grundschule erhält bislang keine zusätzlichen Lehrerstunden, um separate Sprachlernklassen einzurichten. Deshalb sitzen die Asylbewerberkinder meist ohne Sprachkenntnisse im normalen Fachunterricht.

Quelle: Ingo Rodriguez

Calenberger Land. Mathematik, Sachunterricht, Musik oder Kunst: Wie können fachspezifische Lerninhalte Flüchtlingskindern erklärt werden, die über keinerlei Deutschkenntnisse verfügen - ohne Dolmetscher oder Übersetzungshilfen? Und wie können Kinder völlig ohne Sprachkenntnisse nur vom Zuhören im Fachunterricht nebenbei Deutsch lernen - ohne separate Anleitung?

Eine Sprachlernklasse gibt es an der Wennigser Grundschule nicht. Bisher gab es aber zumindest eine Kooperation mit der Sophie-Scholl-Gesamtschule, um die Flüchtlingskinder zu fördern. Das geht nun nicht mehr. Die Sprachlernklasse dort ist mit 18 Schülern voll. Eine zweite in Kooperation mit den beiden Grundschulen ist angedacht, aber noch nicht umgesetzt. Die Bredenbecker Flüchtlingskinder müssten dann ohnehin irgendwie mit dem Bus zur KGS kommen.

Immerhin: Seit diesem Schuljahr hat die Wennigser Grundschule einen FSJler, der arabisch spricht. "Er ist eine große Unterstützung", sagt Schulleiterin Hanna Rojczyk. Am Montag bekommt ihre Grundschule ein weiteres Flüchtlingskind in die dritte Klasse, am Dienstag noch drei.

Um den Flüchtlingskindern auch ohne Sprachlernklasse den Start zu erleichtern, denkt die Grundschule in Bredenbeck über eine Lesemütteraktion und eine 1:1-Betreuung über diese Schiene nach. Auch die Integrationslotsen könnten sich im Schulalltag einbringen, schlägt die kommissarische Schulleiterin Tatjana Seidensticker vor.

Die Gehrdener Grundschule Am Castrum und die Grundschule in Weetzen haben bislang noch keine zusätzlichen Lehrerstunden für dringend notwendige Sprachlernklassen bewilligt bekommen. In diesen separaten Deutschlerngruppen lernen die Flüchtlingskinder zunächst gemeinsam und altersübergreifend nur Deutsch, und werden erst später in die normalen Klassen aufgeteilt. Die Voraussetzungen für eine Bewilligung: An einer Schule müssen mindestens zehn Flüchtlinge sein. Und: Der Unterricht muss von Lehrern erteilt werden, die die Zusatzausbildung "Deutsch als Zweitsprache" (DAZ) absolviert haben.

An der Gehrdener Grundschule Am Castrum gibt es derzeit zwar sogar 18 Kinder von Asylbewerbern und auch eine Lehrerin mit DAZ-Zertifikat. Dort scheitert die Einrichtung einer Sprachlernklasse bislang aber an zusätzlichen Lehrerstunden. "Wenn unsere DAZ-Lehrerin eine Sprachlernklasse unterrichtet, würden an anderer Stelle ihre Stunden wegfallen", erläutert die Konrektorin und kommissarische Schulleiterin Anke Hüper die Problematik.

In Gehrden und Ronnenberg hat bislang noch keine Grundschule eine Sprachlernklasse einrichten können - trotz Antrag. Offenbar gibt es Bedarf, aber nicht genügend Kapazitäten an Lehrern und Lehrerstunden. Die Folge: "Bei uns werden die Kinder trotz fehlender Sprachkenntnisse in die Regelklassen eingeschult ", sagt Hüper.

So wird das auch an der Regenbogenschule in Weetzen gehandhabt. Die Grundschule erfüllt mit zurzeit insgesamt 18 Asylbewerberkindern - davon 17 in der Einführungsstufe - zwar auch die Grundvoraussetzung. Zusätzliche Lehrerstunden für eine beantragte Sprachlernklasse wurden jedoch noch nicht bewilligt. Gründe dafür wurden Schulleiterin Christine Hümpel-Lutz nicht mitgeteilt. Sie ist aber zuversichtlich: "Wir haben vor einer Woche unsere Zahlen zur Unterrichtsversorgung gemeldet und hoffen auf Nachbesetzungen", sagt sie. Hümpel-Lutz rechnet zwar derzeit nicht mit der kurzfristigen Einführung eine Sprachlernklasse. Sie hofft aber auf Förderstunden für Extra-Unterricht. Vor etwa einem Jahr habe dieses Modell viel bewirkt. "Weil eine Förderschullehrerin und eine zweite Lehrkraft noch Stunden übrig hatten."

In der Regel sei es für die meisten Flüchtlinge nach einem halben Jahr möglich, sich zu verständigen. "Wenn sie in dieser Zeit noch den einen oder anderen Lernstoff aus dem Fachunterricht aufnehmen, ist das toll", sagt Hüper. Oft kommt das aber offenbar nicht vor: "Wie soll ich einem Kind aus Albanien, Syrien oder Afghanistan fachspezifische Dinge oder Lesen beibringen, wenn es kein Deutsch spricht?", fragt Hüper vielsagend. Trotzdem werde mit Händen und Füßen und Bildern versucht, die Kinder einzubinden.

Genau so versuchen das auch die Lehrer in Weetzen. "Die Asylbewerbekinder laufen im Grunde einfach mit", sagt Schulleiterin Hümpel-Lutz. Alle Fach- und Klassenlehrer seien jedoch bemüht, sie im Unterricht nebenbei extra zu beschulen. "Gegenstände zeigen, Wörter vorsprechen - alles irgendwie nebenbei", erklärt Hümpel-Lutz die Methoden. In Weetzen werden darüber hinaus aber auch noch viele Kinder mit zusätzlichem Förderbedarf inklusiv beschult. Die Vielfalt individueller Lernbesonderheiten sei eine kaum zu bewältigende Herausforderung.

Trotzdem: An der Regenbogenschule besuchen jetzt einige Lehrer Fortbildungen, um Deutsch als zweite Fremdsprache lehren zu können. Sie suchen auch nach geeignetem Material für das Unterrichten von Flüchtlingskindern. Die Fortbildungen der Landesschulbehörde seien zwar völlig ausgebucht, aber an den Bildungsakademien seien noch Kapazitäten. "Selbst kleine Dinge helfen den Kindern im Unterrichtsalltag irgendwie weiter", sagt Hümpel-Lutz. Trotzdem wäre es sehr hilfreich, die Kinder stundenweise aus den Klassen zu nehmen und extra  in Deutsch zu unterrichten. "Wir versuchen täglich alles, was geht."

In Niedersachsen gibt es zurzeit rund 300 Sprachlernklassen

Nach Angaben des Niedersächsischen Kultusministeriums ist die Anzahl der Sprachlernklassen in Niedersachsen zum Beginn des Schuljahres 2015/2016 von 240 auf rund 300 erhöht worden. Demnach gibt es damit im Vergleich zum Schuljahr 2013/2014 fünfmal mehr Sprachlernklassen an öffentlichen allgemein bildenden Schulen in Niedersachsen. Angesichts der voraussichtlich weiter steigenden Flüchtlingszahlen, sollen zusätzliche Lehrerstellen für weitere Sprachlernklassen zur Verfügung gestellt werden, so dass die Zahl auf etwa 550 Sprachlernklassen ansteigen kann. Weitere Informationen über Sprachförderung bei Flüchtlingskindern sind im Internet auf www.mk.niedersachsen.de zu finden.

Von Ingo Rodriguez und Jennifer Krebs

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten
Gehrden
doc6soqvwyxj9cv4knfhn8
MCG-Schüler zeigen ihr musikalisches Können

Fotostrecke Gehrden: MCG-Schüler zeigen ihr musikalisches Können