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RSB-Chef Brandt rät Vereinen zur Offensive

Calenberger Land RSB-Chef Brandt rät Vereinen zur Offensive

Die Sportvereine in der Region klagen über rückläufige Mitgliederzahlen, finanzielle Einbußen und Schwierigkeiten bei der Besetzung von Ehrenämtern. Joachim Brandt, der Vorsitzende des Regionssportbunds, fordert die Clubs im HAZ/NP-Interview auf, die Interessen der Bürger mit Umfragen zu ermitteln.

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„Man muss fragen, was die Menschen wollen“: Joachim Brandt ist seit 2010 Vorsitzender des Regionssportbunds Hannover.

Quelle: Frank Oheim

Calenberger Land. Herr Brandt, Hand aufs Herz: Geht es den Vereinen in der Region gut?

"Der Mehrzahl geht es gut. Ein Teil hat Mitgliederverluste, aber wir haben in diesem Jahr erstmalig nur einen ganz geringen Mitgliederschwund gegenüber dem Vorjahr. In den vergangenen zehn Jahren haben wir im Schnitt immer zwischen 2200 und 2700 Mitglieder verloren. In diesem Jahr waren es nur etwa 360. Wir hoffen, dass die Talsohle erreicht ist."

Woran liegt das? Sind inzwischen alle aus den Vereinen ausgetreten, die gewackelt haben – oder haben die Vereine etwas getan, um diesen Trend zu stoppen?

"Unsere Prognosen sahen ehrlich gesagt ganz anders aus, wir sind davon selbst ein bisschen überrascht worden. Einen Grund dafür kann ich nicht nennen. Das ist sehr vielschichtig. Das Gute ist im Moment noch, dass die Zahl der Kinder und Jugendlichen konstant ist. Wo es wegbricht, ist im älteren Bereich."

Aber gerade für Kinder und Jugendliche wird das Alternativangebot in der Freizeitgestaltung doch immer größer. Sehen Sie dieser Entwicklung mit Sorge entgegen?

"Mit Sicherheit ja. Vor allem die Themen verlässliche Grundschule und Hort treffen uns – und das heißt letztlich immer die Vereine. Nicht in Ballungsgebieten wie Laatzen oder Barsinghausen: Die Kinder, die dort zur Schule gehen, sind am Ende des Schultages früh zu Hause. Aber wenn sie mit dem Bus erst noch in die Fläche befördert werden müssen, bleibt die Frage, ob sie dann nach der Rückkehr nach Hause noch motiviert sind, in den Verein zu gehen. Die Mehrzahl wird da auf der Strecke bleiben."

Zumal ja gerade bei den Hallensportarten die Trainingszeiten auch eher am frühen Nachmittag liegen, weil die späteren Zeiten durch ältere Jugendliche und Erwachsene belegt sind.

"Auf jeden Fall. Beim Thema Ganztagsschule habe ich den Vereinen zu Beginn geraten, immer einen Plan B zu entwickeln, wenn die Sporthalle zu einer Ganztagsschule gehört. Aber da haben sich viele zunächst nicht angesprochen gefühlt. Als das Thema dann da war, war das Geschrei groß. Zudem haben die Sportvereine überwiegend Übungsleiter, die ehrenamtlich tätig sind. Das heißt, die Menschen arbeiten und stehen in der Regel, wenn sie nicht gerade Schichtarbeiter sind, nicht vor 17 oder 18 Uhr zur Verfügung. Da kann ich dann nicht eben mal sagen, ich brauche um 14 Uhr einen Übungsleiter in der Grundschule. Daran krankt es auch, dass so wenige Vereine mit der Schule kooperieren und Angebote im Ganztagsbereich machen."

Wie kann man diesen Knoten durchschlagen? Können die Vereine die Lehrer noch mehr mit einbinden, sie fortbilden und das Material stellen?

"In früheren Jahren gab es viele ausgebildete Sportlehrer, inzwischen sind es nur noch sehr wenige. Die Lehrer kommen auch nicht mehr aus dem Ort, sie fahren manchmal 30 Kilometer und weiter vom Wohnort zur Arbeitsstelle. Das war früher gänzlich anders, da haben sie am Ort gewohnt und konnten abends oder am Nachmittag noch mit den Kindern Sport treiben. Wir versuchen, an die Vereine heranzutragen, mit jungen Leuten in die Schulen hineinzugehen, die ihr Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren. Natürlich können die alleine auch nichts machen, aber sie können die Angebote zumindest unterstützen."

Wie soll das aussehen?

"Wir bieten als Regionssportbund eine Anschubfinanzierung, damit es für die Vereine nicht zu teuer wird. Ich weiß zum Beispiel vom SV 06 Lehrte, die haben schon seit einiger Zeit FSJler in ihrem Verein und sagen, es war das Beste, was sie machen konnten. Wenn die FSJler nach einem Jahr in der Betreuung einer Jugendmannschaft ausscheiden, dann gibt es einige, die in Berlin studieren und am Wochenende trotzdem noch zu ihrer Mannschaft zurückkommen, um die zu betreuen."

Aber können sich denn kleinere Vereine solch ein Angebot finanziell leisten?

"Wir wissen, dass die Hürde hoch ist, weil dieses Projekt mit gewissen Kosten verbunden ist. Daher regen wir an, dass sich mehrere Vereine zusammen einen FSJler teilen."

Woran liegt es, dass so viele ältere Menschen aus den Vereinen austreten? Hat das damit zu tun, dass der Sport zwischen Arbeit und Familie keinen Platz mehr findet?

"Keinen Platz mehr findet, will ich so nicht sagen. Es geht auch einher damit, dass sich das Freizeitverhalten in den vergangenen 20 Jahren stark verändert hat. Mitgliedschaft in einem Verein war früher lebenslang. Heute ist es eher eine Zweckgemeinschaft. Man tritt in einen Verein ein, weil da eine Sportart betrieben wird, die mir Spaß macht. Und wenn ich da keinen Spaß mehr dran habe, dann trete ich wieder aus. Dazu wird auch der vereinsungebundene Sport mehr genutzt."

So etwas wie Fitnesscenter?

"Ja, aber auch Walking, Nordic Walking und Laufgruppen, bei denen auf privater Ebene Sport getrieben wird."

Was können die Vereine da tun – müssen sie auch Laufgruppen anbieten oder sich Nischen suchen, die gerade angesagt sind?

"Bei den Nischen ist alles richtig und alles falsch. Ein ideales Rezept gibt es nicht. Man muss schauen, was es für ein Ort ist, welche Mitglieder man hat und was im Ort außerdem noch angeboten wird. Dann muss man schauen, was für die Bevölkerung und natürlich auch für die eigenen Mitglieder interessant sein könnte. Das kann alles bedeuten. Und wenn es das ist, dass der Sportverein wieder so einen alten Trimm-dich-Pfad einrichtet. Das war früher gängige Praxis, aber jetzt traut sich wegen der Versicherungsfrage niemand mehr an das Thema heran."

Sollten die Vereine die Bedürfnisse also mit Umfragen in der Bevölkerung ermitteln?

"Richtig. Man muss fragen, was die Menschen wollen. Und wenn der Verein dann auch noch flexibel in seiner Führung ist, dann kann das eine ganze Menge bewirken. Wir haben zum Beispiel in Uetze einen Sportentwicklungsplan umgesetzt und empfehlen das natürlich auch allen anderen Kommunen, weil dieser Plan eine Richtschnur für die Verwaltung ist, aber gleichzeitig auch für die Vereine in der Kommune. Sie können daran erfahren, wie sie in der Öffentlichkeit gesehen werden, was – aus Sicht der Bevölkerung – ihre Schwachstellen sind, und was sie leisten müssten, um attraktiver zu sein."

Viele Vereine haben immer größere Probleme, Menschen zu finden, die Verantwortung übernehmen. Ist es überhaupt realistisch, vor diesem Hintergrund Menschen zu finden, die einen Verein neu ausrichten?

"Ich sage Ja. Als Verein habe ich zumindest die Chance, zu erfragen, was meine Mitglieder beruflich machen. Und wenn ich meinen Verein modern aufstelle und nicht nur einen 1. Vorsitzenden habe, an dem alles aufgehängt wird, sondern im Vorstand mehr Menschen finde, die sinnvolle Arbeit machen und dafür auch honoriert werden, dann finde ich auch Menschen, die bereit sind, diese Arbeit zu machen."

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