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14-Jährige gewinnt HAZ-Schreibwettbewerb

Hemmingen-Westerfeld 14-Jährige gewinnt HAZ-Schreibwettbewerb

Gelesen hat sie schon immer gern. Aber zum Schreiben ist Didem Yilmaz aus Hemmingen erst durch den HAZ-Schreibwettbewerb gekommen. Die 14-Jährige hat mit ihrer Reportage "Zwei Finger für die Enkel" in ihrer Alterskategorie den zweiten Preis gewonnen. Es waren mehr als 130 Einsendungen eingegangen.

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Didem Yilmaz hat den zweiten Platz der 9./10. Klassen gewonnen.

Quelle: Katrin Kutter

Hemmingen-Westerfeld. Beim 15. HAZ-Schreibwettbewerb ging es um das Thema "Neustart". Von einem solchen berichtet auch Didem Yilmaz aus Hemmingen-Westerfeld. "Meine Großeltern haben mir erzählt, wie sie 1973 aus dem türkischen Adana nach Deutschland ausgewandert sind", sagt die 14-Jährige. Dabei haben ihre Großeltern vieles dafür geopfert, dass es ihre Kinder und Enkelkinder einmal besser haben als sie - unter anderem zwei Finger.

Vom HAZ-Schreibwettbewerb hat Didem Yilmaz in der Schule im Deutschunterricht erfahren. Seit 2014 besucht die Hemmingerin die Wilhelm-Raabe Schule in Hannover. "Eine Reportage habe ich zum ersten Mal geschrieben. Aber es hat mir großen Spaß gemacht", sagt sie. Ob sie später jedoch einmal Journalistin werden will, lässt sie sich noch offen.

Hier ihr Text:

Schreibwettbewerb Klasse 9 bis 10 Platz 2: "Zwei Finger für die Enkel"

Die Koffer quietschen beim Hinausschieben, brennend heiß scheint die pralle Sonne der Türkei auf ihre Köpfe. Ein letztes Mal wandert der Blick zu dem blassblauen Meer, dem Sand, so schön wie im Märchen. Dann brechen Ali und Hülya Kule* nach Deutschland auf. „Wir wussten, es würde kein Sommerurlaub werden, aber wir wollten es versuchen.“

Von Adana nach München

Heute lebt das Ehepaar in einer Wohnung in Hannover und ist nach 35 Jahren Arbeit in Deutschland in Rente. Trotz hohen Alters erinnern sie sich jedoch noch glasklar an ihre Abreise 1973. „Mit dem Bus fuhren wir von Adana, unserer Heimatstadt, nach Istanbul, und von da ging es mit dem Zug weiter nach München. Zuerst wussten wir nicht, in welchen Zug wir einsteigen müssen, wir waren aufgeregt und auch etwas traurig, aber die Leute waren nett und haben uns geholfen.“ Damals wurden in Deutschland Arbeiter gesucht, und aus aller Welt kamen Freiwillige mit der Hoffnung, in Deutschland besser leben zu können als in ihrer Heimat. So auch Ali Kule: „In der Türkei waren wir arm, wir hatten fast nichts als unser kleines Haus, und wir wussten, hier würden wir unsere Kinder niemals studieren lassen können.“ Also wanderten sie nach Deutschland aus, in eine neue, fremde Welt - ohne jegliche Deutschkenntnisse oder auch nur einen Schulabschluss.

"Wir sahen unsere Kinder nur ein- bis zweimal im Jahr"

„Das Schlimmste war, meine Kinder dazulassen.“ Als Hülya Kule das sagt, sinken ihre Augenlider traurig ab, „Zwei Jahre lang sahen wir unsere beiden Kinder nur ein- bis zweimal im Jahr. Sie wohnten zu der Zeit bei ihren Großeltern.“ Hülya Kule hat sich hingesetzt, es ist ihr anzusehen, dass sie nicht gerne über diese Zeit spricht. „Doch dann haben wir unsere Kinder zu uns geholt, sie waren damals drei und fünf Jahre alt. Wir haben es einfach nicht mehr ausgehalten vor Sorge und Sehnsucht“, erzählt Ali Kule. Mit einem leichten Lächeln im Gesicht fährt er fort: „Uns fiel ein Stein vom Herzen, als wir sahen, dass sie gesund und munter waren.“

Gearbeitet hat Frau Kule in einer Textilfabrik. „Die Arbeit war sehr hart.“ Mit Bedauern betrachtet sie ihre linke Hand: Der Mittel- und der Ringfinger haben keine Fingerkuppen mehr und sind um einiges kürzer als die restlichen Finger. „Ich bin mit der Nähmaschine darübergefahren.“ Sie lässt ihre Hand beim Sprechen nicht aus den Augen. „Die Maschinen waren nicht auf Sicherheit ausgelegt, sondern auf Leistung.“ Herr Kule arbeitete in einer Metallfabrik, Tag für Tag schleppte er schwere Teile. Unauffällig wandert seine Hand zu seinem krummen Rücken, die Folge der jahrelangen Arbeit.

Trotz allem sind Herr und Frau Kule sehr zufrieden. Auf die Frage, ob sich die Anstrengungen und die harte Arbeit gelohnt haben, antwortet Hülya Kule entschlossen: „Damals hätte ich nie gedacht, dass ich jemals so leben würde.“ Sie blickt in dem Zimmer umher. „Meine Kinder haben studiert, und wir leben in einer modernen Wohnung.“ Ganz kurz wandert ihr Blick auf ein Schwarz-Weiß-Foto mit einer alten, kleinen Hütte. „Ich bin sehr froh, diesen großen Schritt gewagt zu haben“, ihr Gesicht hellt sich auf, „meine Enkel werden nicht in Armut leben müssen!“

*Namen geändert

Von Stephanie Zerm

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