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Der Algenpapst, der keiner sein will

Hemmingen Der Algenpapst, der keiner sein will

Michael Butkay gehört zu den dienstältesten ehrenamtlichen Naturschutzbeauftragten der Region Hannover. Er ist seit 1993 für Hemmingen zuständig und hat ein breites Wissen über Algen. Er schwärmt: "Manche sind hochgefährlich, aber unterm Mikroskop - mit bis zu 1000-facher Vergrößerung - wunderschön."

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Michael Butkay arbeitet an einem Mikroskop in seinem Haus.

Quelle: Andreas Zimmer

Hemmingen. Noch bis Ende 2017 ist Butkay als Naturschutzbeauftragter für Hemmingen bestellt. Seinen aktuellen Tätigkeitsbericht hatte der städtische Fachausschuss zur Kenntnis genommen. Der 60-jährige technische Assistent ist selbstständig und baut große Modellbahnanlagen. Redakteur Andreas Zimmer hat ihn in seinem Einfamilienhaus in Arnum besucht und unter anderem erfahren, dass Butkay den Begriff Algenpapst gar nicht so gern hört und warum sich seine Ehrfurcht vor der Natur sogar in seinem Keller äußert.

Ohne das Mikroskop Ihrer Tochter wären Sie heute nicht Naturschutzbeauftragter. Stimmt das?

Ja, wir hatten ihr Ende der achtziger Jahre eines geschenkt, aber nach einer Weile hat sie sich nicht mehr so dafür interessiert. Dafür der Vater umso mehr.

Wann werden Sie gerufen?

Das ist ganz unterschiedlich. Mal ist es ein Wespennest wie 2014 an der Kita Hemmingen-Westerfeld. Mal sind es Stellungnahmen zu großen Projekten wie im vergangenen Jahr der geplante Kiesabbau in Wilkenburg.

Wie fiel diese Stellungnahme aus?

Ich habe empfohlen es abzulehnen. Andernfalls würde aus einen der beiden Wälder Im Häge oder der Dicken Riede, eine Insel werden. Die Wechselbeziehung zwischen den Wäldern wird gestört. Hemmingen ist mit Kiesseen schon genug durchlöchert.

Gab es einen besonderen Einsatz in Ihrer Amtszeit?

Das war zur Expo 2000 in Hannover. Ich hatte morgens aus der Zeitung erfahren, dass Boden vom Kronsberg in den Union-See geschüttet wird. Ich fuhr sofort zum See und sah, wie die Firma den Boden auf die falsche Seite kippte. Ich habe die Lastwagen angehalten und besorgte einen rot-weißen Holzpfosten, den ich später in die richtige Seite stieß.

Wie viele Stunden sind Sie monatlich als Naturschutzbeauftragter im Einsatz?

Das kann ich nicht sagen. Ich glaube, es sind weniger als früher, weil die Menschen, auch durchs Internet, informierter sind.

Haben Sie Kontakt zu den 25 anderen Naturschutzbeauftragten der Region?

Wir treffen uns einmal im Jahr reihum. Ich habe der Gruppe, als sie das letzte Mal hier war, das Naturschutzgebiet Sundern gezeigt und das Kiesabbaugebiet am Alten Dorf. Darüber hinaus gibt es Informationsveranstaltungen, zum Beispiel über gesetzliche Änderungen.

Sie machen Wasserproben weit über die Grenzen Niedersachsens hinaus und werden vielfach der Algenpapst genannt. Schmeichelt Sie das?

Es gibt nur wenige in Deutschland, die ein breites Wissen über Algen haben. Da gehöre ich zwar zu. Aber Algenpapst? Nein! Da denke ich eher an den Österreicher Rupert Lenzenweger, den Zieralgenpapst.

Was fasziniert Sie eigentlich an Algen?

Dass wir atmen können, haben wir unter anderem den Blaualgen zu verdanken. Manche sind hochgefährlich, aber unterm Mikroskop - mit bis zu 1000-facher Vergrößerung - wunderschön. Es ist die Poesie des Gifts.

Sie haben elf Forschungsmikroskope und machen auch digitale Fotoaufnahmen.

10.000 sind es mittlerweile. Ich zeige Sie Ihnen auf dem Tablet. Hier, dieser Caenomorpha medusula, wie aus der Tiefsee – schön, nicht? Ich würde einige davon gern in einer Ausstellung zeigen. Von mir gefertigte Okulare zum Auszählen von Plankton sind übrigens beim Umweltbundesamt Berlin.

Apropos Algen: Würden Sie generell im Steinhuder Meer baden?

Ich hätte ein mulmiges Gefühl. Auf jeden Fall sollte man sich danach gut duschen. Ich ziehe das Hemminger Strandbad vor – unsere Südsee.

Leben Sie gern in Hemmingen?

Ja. Meine Eltern und ich sind aus Linden hierher gezogen. Ich wohne 59 Jahre in Arnum. Ich kenne den Ort aus einer Zeit, da gab es so wenig Häuser, dass man Angst hatte Zeitungen auszutragen. Mit einem Kumpel hatte ich damals Autos auf der B3 gezählt. Es waren 50 in zwei Stunden!

Die B3-Umgehung, neue Wohngebiete, bald vielleicht ein Deich – Hemmingen wird immer mehr bebaut. Sind Sie besorgt?

Es reicht dann, ja. Wenn das so weitergeht, wachsen Arnum und Hemmingen-Westerfeld bald zusammen und sind eine Ortschaft. Aber das hängt von vielem ab, auch von den Landwirten. Viele haben ihr Alter, können den Hof nicht an ihre Kinder abgeben und verkaufen.

Wo ist Ihr Lieblingsplatz in Hemmingen?

Ich bin gern an den Weihern wegen der Mikrofauna und -flora, aber der schönste Platz ist in meinem Landschaftsschutzgebiet: in meinem Garten mit Bachlauf und kleinem Teich. Dort die Sumpf-Segge zum Beispiel. Im Sundern ist sie rückläufig. Es ist nicht mehr nass genug.

Ihre Hecken sind absichtlich so hoch?

Ja, als Sicht- und Schallschutz wegen der B3, aber auch, damit hier viele Vögel brüten können. Und das tun sie: die Blaumeise, das Rotkehlchen, der Zaunkönig, die Schwalben unterm Vordach, … Ich habe Ehrfurcht vor der Natur. Das äußert sich sogar beim Mikroskopieren in meinem Keller.

Das müssen Sie erklären.

Manche wischen das, was sie auf den Glasplättchen Objektträger haben, einfach mit einem Tuch ab. Ich spüle es ins Glas zurück und den Inhalt zurück in den jeweiligen Teich. Denn was ich gerade durchs Mikroskop gesehen habe, ist schließlich Evolutionsgeschichte. Es wurde geteilt und geteilt und geteilt...

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