Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Salesianer gehen nach 67 Jahren

Hemmingen/Pattensen/Ricklingen Salesianer gehen nach 67 Jahren

Die letzten beiden Salesianer von St. Augustinus, die Patres Jochen Aretz und Harald Neuberger, sind offiziell verabschiedet worden. Damit endet eine 67 Jahre währende Ära. Für die katholische Gemeinde, zu der Hemmingen, Pattensen und Ricklingen gehören, beginnt ein neuer Weg.

Voriger Artikel
Old Virginny Jazzband im ausverkauften bauhof
Nächster Artikel
Das wird sich in St. Augustinus alles ändern

Die Priester-WG: Die Pater Klaus-Peter Dewes (von links), Harald Neuberger und Jochen Aretz.

Quelle: Mario Moers

Hemmingen/Pattensen/Ricklingen. So hatte Pater Jochen Aretz sich seine letzten Dienstjahre nicht vorgestellt. Fünf oder zehn Jahre, vielleicht sogar bis an sein Lebensende, hätte er gerne noch in Ricklingen verbracht. Bei seiner Gemeinde St. Augustinus, zu der Pattensen und Hemmingen gehören, und in seiner Wohngemeinschaft. Seit sieben Jahren lebt der 64-Jährige zusammen mit seinen Ordensbrüdern Pater Harald Neubauer (48) und Pater Klaus-Peter Dewes (77) im Pfarrhaus an der Göttinger Chaussee in Ricklingen.

Die „Priester-WG“, wie die Pressestelle der Katholischen Region Hannover die Drei einmal beschrieb, lebt in einem Pfarrhaus, gleich neben dem in die Jahre gekommenen Don-Bosco-Haus. Das unscheinbare graue Gebäude neben dem umso markanteren Kirchturm der St.-Augustinus-Kirche ist die Geschichte und das Vermächtnis der Salesianer, des drittgrößten katholischen Männerordens, der am 31. Juli, nach 67 Jahren, seine Niederlassung in Ricklingen für immer schließt. Am Sonntag wurde der von Bischof Norbert Trelle geleitete Dankgottesdienst in Ricklingen gefeiert.

„Wir wären bereit gewesen, als Pastoren in dem neuen Pastoralbereich-Süd mitzuarbeiten“, erklärt Aretz, während er nebenbei auf seinem Handy eine Whatsapp-Nachricht an seine beiden Mitbewohner schickt. Ob das gemeinsame Mittagessen klappt, fragt er in die Runde. „Wir leben, arbeiten und beten in Gemeinschaft“, sagt Aretz, für den sein Orden eine neue Stelle als Leiter einer Niederlassung in Köln vorgesehen hat. Lieber wären er und die anderen in Ricklingen geblieben.

„Für die Menschen hier wird sich einiges verändern“, spricht er aus, was nicht nur Gemeindemitglieder befürchten. Tatsächlich ist die Geschichte der Salesianer eng verwoben mit der Geschichte Ricklingens, der St.-Augustinus-Gemeinde und insbesondere tausender junger Männer, die in dem ehemaligen Lehrlingsheim Don Bosco zwischen 1951 und 1976 eine vorübergehende Heimat fanden. Der 78-jährige Ludwig H. kann seine erste Begegnung mit den Salesianern noch schildern, als wäre es gestern gewesen. Es war die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. „Ich war 14 und kam aus dem kleinen Dorf Zweidorf im Landkreis Peine“, beginnt er seine Geschichte. Weil auf dem Land in der Nachkriegszeit kaum Lehrstellen zu finden waren, muss es für seine Mutter ein großes Glück gewesen sein, als sie in einer Kirchenzeitung die Anzeige des 1951 eingeweihten Lehrlingsheims Don Boco in Hannover-Ricklingen las. Das Bistum Hildesheim hatte den Orden damals angefragt, ein solches Heim zu eröffnen.

In den Städten gab es zwar genug Lehrstellen, schließlich galt es einiges wiederaufzubauen, aber wo sollten die Gesellen günstig wohnen und wer sollte sich um die jungen Leute kümmern? Bis zu 100 männliche Gesellen wurden bis 1976 in dem heutigen Gemeindehaus versorgt und betreut. Ludwig H. wurde von dem Dorfpfarrer in das Heim gebracht. „Ich brauche eine Lehrstelle und ein Dach für meinen besten Messdiener“, sagte der Pastor. Und so geschah es. „In 15 Minuten telefonierte der damalige Leiter Pater Tietz die Betriebe ab und vermittelte mir eine Lehrstelle“, sagt H.. Der Senior empfindet noch heute große Bewunderung für die wenigen Pater und Erzieher, die dort so vielen Jugendlichen Obdach boten – auch wenn die autoritären Erziehungsmethoden heute mitunter überholt und nicht unproblematisch anmuten. Zwangsabtrocknen und „Sonntags-Heimfahr-Verbot“ drohten etwa, wenn bei dem Gang auf die Stube nach dem Abendgebet geredet wurde.

Den Kontakt zu der Stadtteil-Jugend, insbesondere der des anderen Geschlechts, wurde streng untersagt. Umso schöner hat Ludwig H. die Fußballturniere und Karnevalsfeiern in Erinnerung. „Wir haben damals regelmäßig gegen die anderen Lehrlingsheime gewonnen“, erzählt er stolz. Viereinhalb Jahre hat er im Don Bosco Haus gelebt. Zuerst im Saal, mit mehr als 20 anderen, später in den Zweier- und Vierer-Zimmern. Von denen existieren einige bis heute. In einer Vitrine im Don Bosco Haus erinnern Pokale und Medaillen an die ehemals breit aufgestellte Jugendarbeit der Salesianer.

Heute liegt eine Decke im Stil der siebziger Jahre über dem Billardtisch im Spieleraum. Bei nur zwei aktiven Patern beschränkt sich die Jugendarbeit heute auf Pater Naubauers Tätigkeit als Seelsorger an der Ludwig-Windthorst-Schule – ein Grund für die Entscheidung des Ordens die Niederlassung aufzulösen. „Die Aufgabe der Salesianer ist die Jugendarbeit, nicht die Pfarrarbeit“, erklärt Aretz. Wie es mit dem Pfarrhaus und dem ehemaligen Lehrlingsheim weitergeht, ist noch unklar. Vor zwei Monaten hatte die Priester-WG Besuch von Architekten des Bistums. Das Pfarrhaus wird vermutlich modernisiert.

„Mittelfristig stellt sich sicher die Frage, was aus dem Don Bosco Haus wird“, sagt Aretz. Die Auslastung des 2003 sogar um einen Multifunktionssaal erweiterten Gebäudes beträgt seiner Schätzung nach 30 Prozent. An die Geschichte der Ordensbrüder und des Lehrlingsheims erinnert schon bald nur noch der Name und die Bilder des Ordensgründers an den Wänden. Auf einem Aufkleber steht eine Losung des Ordens: „Zeit für junge Menschen“. Vielleicht kann das auch nach dem Abzug ein Ansporn für die Gemeinde und den Stadtteil sein. Das unscheinbare graue Haus steckt voller Möglichkeiten.

Von Mario Moers

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten
doc6x83j79y7o91d7blxo03
Vier Gemeinden feiern "Lutherball" in der KGS

Fotostrecke Hemmingen: Vier Gemeinden feiern "Lutherball" in der KGS