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Schutzgebiet soll ums 30-Fache wachsen

Altwarmbüchen/Kirchhorst Schutzgebiet soll ums 30-Fache wachsen

Die Region Hannover will das Naturschutzgebiet Altwarmbüchener Moor von derzeit 40 auf 1234 Hektar vergrößern – eine Ausweitung um das 30-Fache. Mit der Unterschutzstellung verbunden sein sollen detaillierte Vorgaben für jegliche Form der Nutzung, was Grundbesitzer Sturm laufen lässt.

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Unter den Hochspannungsleitungen im Altwarmbüchener Moor blüht regelmäßig die Moorrose (Kalmia angustifolia) – ein in Europa fast einzigartiges Vorkommen.

Quelle: Martin Lauber (Archiv)

Altwarmbüchen/Kirchhorst. Betroffen ist ein Gebiet im Grenzbereich der Kommunen Isernhagen, Burgdorf, Lehrte, Sehnde und Hannover. Das Altwarmbüchener Moor ist Teil des europäischen Schutzgebiet-Systems Natura 2000. Die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie sieht die Sicherung durch die einzelnen Staaten vor. Inhaltlich zielt die Unterschutzstellung laut Region unter anderem auf den Erhalt, die Entwicklung oder die Wiederherstellung naturnaher Hochmoorböden, standortheimischer Birken-Erlen-Bruchwälder und Sonderbiotopen wie Kalk-Flachmooren. Die Untere Naturschutzbehörde hat aber auch die Lebensräume gefährdeter und besonders geschützter Tier- und Pflanzenarten wie Schwarzstorch, Kreuzotter, Königsfarn oder Fransen-Enzian im Blick. Aufgrund der großen Bandbreite an besonders seltenen naturnahen Standorten und Lebensgemeinschaften „ist die Kategorie des Naturschutzgebiets am besten für die FFH-Umsetzung geeignet“, so die Fachleute.

Was es für die Nutzung bedeutet, wenn die bislang überwiegend als Landschaftsschutzgebiete ausgewiesenen Flächen zum Naturschutzgebiet (NSG) werden, ist im Entwurf des Verordnungstextes zum „NSG-HA 44“ samt Erläuterungen geregelt – auf 31 Seiten. Verboten sind „alle Handlungen, die zu einer Zerstörung, Beschädigung oder Veränderung des NSG oder seiner Bestandteile oder zu einer nachhaltigen Störung führen können“. Untersagt sind beispielsweise das Befahren, das Errichten baulicher Anlagen, die Entnahme und das Einbringen von Tier- und Pflanzenarten sowie das Laufenlassen von Hunden ohne Leine. Für die Grünlandnutzung macht die Verordnung ebenso wie für die Forstwirtschaft viele Vorgaben. Zwar gibt es für Eigentümer Freistellungen von den Verboten. Doch in vielen Passagen ist festgeschrieben, dass sich diese vorher die Zustimmung der Naturschutzbehörde einholen müssen.

Mancher Grundbesitzer spricht angesichts der Pläne von „kalter Enteignung“. Für den Kirchhorster Landwirt Reinhard Hemme jun., dem im geplanten NSG 30 Hektar Weideland und sieben Hektar Wald gehören, ist es eine „Riesensauerei“, dass die Region die Grundeigentümer nicht gefragt habe. Im Moment sei man im Verfahren bei der Beteiligung der Träger öffentlicher Belange, vermutlich noch in diesem Jahr folge die öffentliche Auslegung der Pläne, so Regionssprecher Klaus Abelmann – dann könnten Betroffene Stellung beziehen. Eigens angeschrieben würden die Grundeigentümer aber nicht.

Diskutiert werden die Pläne jedoch schon jetzt, und nach Meinung von Ulrich von Rautenkranz – mit 100 Hektar der wohl größte von Hunderten Grundbesitzern im geplanten Schutzgebiet – formiert sich Widerstand: „Viele Land- und Forstwirte wollen gegen die Verordnung vorgehen, und es werden täglich mehr.“ Nach Einschätzung des Kirchhorsters könnte die „Regelungswut“ für manchen Betrieb existenzbedrohend werden. Von Rautenkranz kritisiert, dass die Verordnung die zehn Hektar Ackerland im Gebiet komplett ausklammere. Statt wie bisher die Hälfte der Bäume eines Gebiets zu fällen und dem Wald dann 20 bis 30 Jahre Ruhe zu gönnen, könnte künftig nur noch der jährliche Zuwachs – etwa fünf Bäume pro Hektar – entnommen werden. „Da produziert man unendlich viel mehr Fahrschäden.“ Widerstand erwartet von Rautenkranz auch von der Bundesautobahn-Verwaltung: Mit der geplanten Wiedervernässung des Moores drohe „ein Absacken der A7“. Durch den Passus, dass „hier im stadtnahen Bereich auch ausdrücklich die Information und Bildung möglich sein“ soll, rechnet er zudem mit mehr Besuchern und dadurch mehr Störungen. „Warum lässt man ein so schönes Moor nicht einfach weiterhin in Ruhe?“

Jetzt diskutiert die Politik

Im Entwurf ihrer Stellungnahme greift die Isernhagener Gemeindeverwaltung vor allem die Nähe des künftigen Naturschutzgebiets zum Naherholungsbereich des Altwarmbüchener Sees auf. Eine Weiterentwicklung des Badebereichs und des Wegenetzes müsse weiterhin möglich sein. Auch müsse gewährleistet sein, dass der TuS Altwarmbüchen und der benachbarte Wassersportverein weiter Sportveranstaltungen auf und um den See organisieren könnten. Die dritte Forderung bezieht sich auf ehrenamtliche Artenschutzmaßnahmen wie das Entkusseln sowie naturkundliche Führungen durchs Moor, beispielsweise der Gemeinde oder des Nabu. Diese sollten weiterhin ohne formale Ausnahmegenehmigungen möglich sein, so die Forderung.

Am Donnerstag, 11. Mai, befasst sich als erstes politisches Gremium in Isernhagen der Ortsrat Altwarmbüchen (18.30 Uhr, Rathaus) mit dem Neuausweisungsverfahren. Am Mittwoch, 17. Mai, diskutiert dann der Ortsrat Kirchhorst ab 18.30 Uhr in der Begegnungsstätte Alte Schule ebenfalls in öffentlicher Sitzung.

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