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Ex-Geschäftsführer kocht Hafergrütze

Altwarmbüchen/Langenhagen Ex-Geschäftsführer kocht Hafergrütze

Mit Ende 40 ist Rudolf Heller ausgebrochen - ausgebrochen aus der Konzernkarriere, bei der er zuletzt als Geschäftsführer für 300 Mitarbeiter verantwortlich war. Seine neue Leidenschaft: Hafergrütze.

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Rudolf Heller mit seiner wichtigsten Zutat, geschnittenem Hafer.

Quelle: Frank Walter

Altwarmbüchen/Langenhagen. Rudolf Hellers gewichtigster Mitarbeiter bringt stolze 650 Kilogramm auf die Waage. Der Grützeschneider, Baujahr 1974, besteht aus robustem Gusseisen und versah jahrzehntelang in einer Mühle im Raum Nürnberg seinen Dienst. Der Altwarmbüchener hat die Maschine aufarbeiten lassen, "und jetzt bekommt sie ihr zweites Leben bei mir". In einer ehemaligen Fleischerei in Langenhagen wird im Akkord jedes Haferkorn in drei Stücke geschnitten, und was herauskommt, bezeichnet Heller als "mein Gold".

Dass sich der heute 50-jährige einmal mit Hafergrütze befassen würde, wäre für den gebürtigen Gehrdener vor ein paar Jahren noch unvorstellbar gewesen. Der Ausbildung zum Industriekaufmann bei Siemens hatte er ein BWL-Studium angeschlossen, nach der Zeit bei einem Wirtschaftsprüfungsunternehmen folgte eine klassische Konzernkarriere: Für einen australischen Dienstleister kümmerte er sich von München aus um die Hauptversammlungen großer Aktiengesellschaften, stellte mit seinem 300-köpfigen Team juristisches und IT-Fachwissen zur Verfügung. "Es lief super gut", erinnert sich der Altwarmbüchener - doch zunehmend habe ihm die Herausforderung gefehlt. "Ich habe mich gefragt: Was tust du noch bis zur Rente? Ich wollte gern wieder ins richtige Leben - nicht mehr abgeschirmt mit Dienstwagen und Assistentin."

Andere in seiner Situation hätten vielleicht ein Sabbatical in Indien eingelegt oder den Jakobsweg erwandert, doch Heller erinnerte sich an eine Kalifornien-Reise. Dort ist Hafergrütze eine  traditionelle Frühstückspeise, während sie hierzulande fast in Vergessenheit geriet und längst von Haferflocken-Produkten abgelöst wurde. Der Vegetarier und "Teilzeit-Veganer" Heller, der seine Ernährung wegen diverser Lebensmittel-Unverträglichkeiten vor einigen Jahren komplett umgestellt hatte, war damals auf den Geschmack gekommen: Mit einer Textur wie ein gutes Risotto, al dente gekocht, kernig, aber nicht schleimig, als Energieschub bis zum Mittag - so hatte er "Steel-Cut Oats" kennengelernt, und so will er es in Deutschland in den Markt bringen, wo "Haferschleim ungerechterweise unter einem Altersheim-Image leidet".

Doch die Vermarktung allein hätte ihn nicht zufriedengestellt, ist Heller überzeugt. Er sei ein Freund händischer Arbeit und greifbarer Ergebnisse. "Ich wollte ein Produkt nicht nur vermarkten, sondern ein Lebensmittel selbst herstellen, in einer klassischen Manufaktur." Gemeinsam mit seiner Schwester und seinem Schwager gründete er "Gentle Grains".

Als in München, wo Heller mit Frau und dem 17-jährigen Sohn zuletzt lebte, schlicht keine bezahlbaren Räume zu bekommen waren, erinnerte er sich seiner alten Heimat. Eine der ersten Immobilien, die er im Internet entdeckte, war ein Volltreffer, die ehemalige Fleischerei in Langenhagen passte genau ins Konzept. Da in Deutschland in der Lebensmittel-Branche fast nur Großgeräte zum Einsatz kommen, importierte er die Ausstattung für seine Hafergrütze-Küche teilweise aus den USA. Bei den Zutaten setzt der Neu-Altwarmbüchener soweit möglich auf Regionalität, um der Umweltverschmutzung und auch den Kosten der Logistik etwas entgegenzusetzen. "Und ich will mit meinem Haferbauern über die Ernte sprechen können."

Sein Schwager entwickelte die Rezepturen, Heller das Verfahren: Der Hafer wird geschnitten, eingeweicht, mit Zusätzen wie Obst und Gewürzen gekocht, heiß abgefüllt, versiegelt und schockgekühlt. Bis zu 2000 Beutel in vier Geschmacksrichtungen kann Heller so theoretisch pro Acht-Stunden-Schicht herstellen, wenn er denn die Abnehmer gefunden und das nötige Personal eingestellt hat. Erste Gespräche mit Super- und Biomärkten machen ihm jetzt ebenso Mut für eine Markteinführung im Herbst wie das Feedback vieler Tester.

Er habe "viel Versuch und Irrtum" erlebt, bis er dort hingekommen sei, wo er nun stehe, sagt der 50-Jährige - und zieht wieder einen Vergleich zu seiner "alten Karriere": "Im Konzern macht man es besser gleich richtig. Hier muss ich keine Rücksprache halten, sondern bin mein eigener Herr."

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